Login now

Not your profile? Login and get free access to your reports and analysis.

Tags

Sign in

No tag added here yet.
You can login on CircleCount to add some tags here.

Are you missing a tag in the list of available tags? You can suggest new tags here.

Login now

Do you want to see a more detailed chart? Check your settings and define your favorite chart type.

Or click here to get the detailed chart only once.

Shared Circles including Martin Gommel

Shared Circles are not available on Google+ anymore, but you can find them still here.

Activity

Average numbers for the latest posts (max. 50 posts, posted within the last 4 weeks)

0
comments per post
3
reshares per post
21
+1's per post

2,377
characters per posting

Top posts in the last 50 posts

Most comments: 13

posted image

2015-02-10 16:29:05 (13 comments, 5 reshares, 71 +1s)Open 

Fofana stellt sich an die Wand, schaut mich an, und ich mache ein Foto. Dann geht er in sein Zimmer, er möchte alleine sein.

Eine halbe Stunde zuvor fahre ich zuhause los, um Yassanew und Ibrahim zu besuchen. Mein Herz pocht laut, denn ich habe zwei ausgedruckte Portraits von den beiden dabei, die ich ihnen geben will. Ich bin so gespannt, wie sie reagieren werden!

Schnell eingeparkt, klemme ich die beiden 20x30 Prints unter den Arm. Durch die Fenster des weißen Hauses sehe ich einen Flüchtling, der mit freiem Oberkörper am Fenster steht - frisch geduscht. Seine stählernen Muskel spiegeln sich im Zimmerlicht (es stellt sich später heraus, dass der feine Kerl Ibrahim ist, den ich Wochen später fotografieren werde).

Im Erdgeschoss duftet es nach frischer Suppe - ich genieße das jedes Mal. Ich klopfe kurz an und mir wird geöffnet. Ibrahim und Yassanew sind da, sieschauen ... more »

Most reshares: 22

posted image

2015-07-18 14:31:02 (0 comments, 22 reshares, 51 +1s)Open 

Es ist kein guter Tag für Baden-Württemberg. Über Twitter bekomme ich gegen 11 Uhr eine Direktnachricht eines Freundes: „In Remchingen hat anscheinend auch eine Unterkunft gebrannt.“ Ich antworte mit „Fuck :(“. 

Ich finde heraus, dass ein Heim, in das Geflüchtete aufgenommen werden sollten, von Freitag auf Samstag Nacht (heute) abgebrannt wurde. Zum Glück waren noch keine Flüchtlinge untergebracht und niemand wurde verletzt. 

Remchingen im Enzkreis ist keine 20 km von Karlsruhe entfernt und so packe ich meine Kamera ein und fahre los. Dort angekommen, frage ich mich durch und bekomme kuriose Antworten. 

Nachdem ich schon herausgefunden habe, dass das Heim nicht in Remchingen-Wilferdingen, sondern in Remchingen-Singen steht, halte ich kurz an und frage durchs Fenster einen Mann, der gerade mit seinem Sohn das Auto wäscht. 

„Können Sie mirsagen, wo hier das As... more »

Most plusones: 71

posted image

2015-02-10 16:29:05 (13 comments, 5 reshares, 71 +1s)Open 

Fofana stellt sich an die Wand, schaut mich an, und ich mache ein Foto. Dann geht er in sein Zimmer, er möchte alleine sein.

Eine halbe Stunde zuvor fahre ich zuhause los, um Yassanew und Ibrahim zu besuchen. Mein Herz pocht laut, denn ich habe zwei ausgedruckte Portraits von den beiden dabei, die ich ihnen geben will. Ich bin so gespannt, wie sie reagieren werden!

Schnell eingeparkt, klemme ich die beiden 20x30 Prints unter den Arm. Durch die Fenster des weißen Hauses sehe ich einen Flüchtling, der mit freiem Oberkörper am Fenster steht - frisch geduscht. Seine stählernen Muskel spiegeln sich im Zimmerlicht (es stellt sich später heraus, dass der feine Kerl Ibrahim ist, den ich Wochen später fotografieren werde).

Im Erdgeschoss duftet es nach frischer Suppe - ich genieße das jedes Mal. Ich klopfe kurz an und mir wird geöffnet. Ibrahim und Yassanew sind da, sieschauen ... more »

Latest 50 posts

posted image

2015-07-18 14:31:02 (0 comments, 22 reshares, 51 +1s)Open 

Es ist kein guter Tag für Baden-Württemberg. Über Twitter bekomme ich gegen 11 Uhr eine Direktnachricht eines Freundes: „In Remchingen hat anscheinend auch eine Unterkunft gebrannt.“ Ich antworte mit „Fuck :(“. 

Ich finde heraus, dass ein Heim, in das Geflüchtete aufgenommen werden sollten, von Freitag auf Samstag Nacht (heute) abgebrannt wurde. Zum Glück waren noch keine Flüchtlinge untergebracht und niemand wurde verletzt. 

Remchingen im Enzkreis ist keine 20 km von Karlsruhe entfernt und so packe ich meine Kamera ein und fahre los. Dort angekommen, frage ich mich durch und bekomme kuriose Antworten. 

Nachdem ich schon herausgefunden habe, dass das Heim nicht in Remchingen-Wilferdingen, sondern in Remchingen-Singen steht, halte ich kurz an und frage durchs Fenster einen Mann, der gerade mit seinem Sohn das Auto wäscht. 

„Können Sie mirsagen, wo hier das As... more »

Es ist kein guter Tag für Baden-Württemberg. Über Twitter bekomme ich gegen 11 Uhr eine Direktnachricht eines Freundes: „In Remchingen hat anscheinend auch eine Unterkunft gebrannt.“ Ich antworte mit „Fuck :(“. 

Ich finde heraus, dass ein Heim, in das Geflüchtete aufgenommen werden sollten, von Freitag auf Samstag Nacht (heute) abgebrannt wurde. Zum Glück waren noch keine Flüchtlinge untergebracht und niemand wurde verletzt. 

Remchingen im Enzkreis ist keine 20 km von Karlsruhe entfernt und so packe ich meine Kamera ein und fahre los. Dort angekommen, frage ich mich durch und bekomme kuriose Antworten. 

Nachdem ich schon herausgefunden habe, dass das Heim nicht in Remchingen-Wilferdingen, sondern in Remchingen-Singen steht, halte ich kurz an und frage durchs Fenster einen Mann, der gerade mit seinem Sohn das Auto wäscht. 

„Können Sie mir sagen, wo hier das Asylheim ist, das abgebrannt ist?“ Der Mann lächelt und gibt mir mit breitem Grinsen Anweisungen, wie ich zu fahren habe. Etwas irritiert versuche ich das Heim zu finden und halte in der Nähe der Brücke, von der mir der Mann erzählt hat und öffne die Türe eines Ladens. 

„Asylheim? Hier gibt es ein Heim für Asyl?“ antwortet ein Mann in Arbeitskleidung und schickt mich zur einer Werkstatt gegenüber. Der Werkstattleiter weiß mehr: „Ja, schauen sie, dort, hinter diesem Bau.“ Keine 200 Meter sind es noch. 

Ich fahre um eine Kurve und schon stehe ich davor. Hinter Absperrbändern stehen unterschiedliche Autos und Polizisten schwirren um ein Haus, dem sofort anzusehen ist, was passiert ist. 

„Was wollen Sie?“ werde ich von unfreundlich von einer Polizistin angeraunt. „In Deutschland gibt es eine Pressefreiheit“ antworte ich und werde durchgelassen. 

Ich stehe vor diesem Gebäude, und – wie immer – funktioniere ich. Mache ein paar Aufnahmen aus unterschiedlichen Positionen und verabschiede mich freundlich von den Polizisten (und bekomme dieses Mal eine höflichere Antwort). 

Während ich meine Kameratasche im Auto verstaue, läuft ein Mann mit seinem Sohn vor das Absperrband. Ich spreche ich an: „Was halten Sie davon?“ und er antwortet besorgt: „Das macht mir Angst.“ 

Ein kleines Gespräch entwickelt sich mit einem Mann, dessen Sohn zwischendurch immer wieder Fragen stellt wie: Warum haben die Polizisten Schutzkleidung an? 

Er wäre nachts gegen 12 Uhr hierhergekommen, nachdem er gehört hätte, wie viele Feuerwehrautos durchs Dorf gefahren wären. „Ich war hier. Ich habe Angst.“

Dieser Mann erklärt mir deutlich und sicher: „Ja, ich kann mir schon vorstellen, dass das Leute hier aus dem Dorf waren.“ Es gebe einige hier, denen es nicht passt, dass sich Helfer für die engagieren wollten, „die gar nichts haben.“

„Ich habe auch Angst davor, dass jetzt Leute sagen, das wäre ja nicht so schlimm, weil ja keine drin waren.“ Wir schütteln beide mit dem Kopf. Ich verabschiede mich und wünsche „dennoch ein gutes Wochenende“. 

Es ist ein mulmiges Gefühl, das ich dabei habe, denn ich weiß: Kein gutes Wochenende für Baden-Württemberg und erst recht keines für Remchingen.___

posted image

2015-07-17 16:29:05 (0 comments, 0 reshares, 11 +1s)Open 

Wie schon erwäht, fotografierte ich auf unseren Fahrten durch Kosovo viel aus dem Fenster unseres Jeeps. Ich genoss diese Zeiten „zwischendurch“, nach dem einen und vor dem nächsten Besuch armer Familien. 

So konnte ich ein bisschen abschalten und die Schönheit des Landes auf mich wirken lassen. Auch im Nachhinein bin ich froh, diese Aufnahmen gemacht zu haben, denn sie geben mir das Gefühl, noch einmal dort zu sein. 

Ich hoffe, denen, die noch nie in Kosovo waren, mit diesen Fotos ein weiteres Gefühl für das Land geben zu können – und denen, die dort wohnen, oder es aus ihrer Kindheit kennen, durch meine Brille zu zeigen. 

Wie schon erwäht, fotografierte ich auf unseren Fahrten durch Kosovo viel aus dem Fenster unseres Jeeps. Ich genoss diese Zeiten „zwischendurch“, nach dem einen und vor dem nächsten Besuch armer Familien. 

So konnte ich ein bisschen abschalten und die Schönheit des Landes auf mich wirken lassen. Auch im Nachhinein bin ich froh, diese Aufnahmen gemacht zu haben, denn sie geben mir das Gefühl, noch einmal dort zu sein. 

Ich hoffe, denen, die noch nie in Kosovo waren, mit diesen Fotos ein weiteres Gefühl für das Land geben zu können – und denen, die dort wohnen, oder es aus ihrer Kindheit kennen, durch meine Brille zu zeigen. ___

posted image

2015-07-13 16:46:19 (0 comments, 0 reshares, 12 +1s)Open 

Kosovo: Wir fahren nach Mitrovicë (einer Stadt im Norden die in zwei Teile geteilt ist, in denen jeweils Serben oder Albaner leben), treffen dort einen Mitarbeiter von der Caritas Kosova, der in ein Auto steigt und uns an einen Ort lotst, den ich nie vergessen werde.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Armut gesehen, doch dieser Anblick erschüttert mich zutiefst. Vor heruntergekommenen Häusern, die von Müll umgeben sind, sitzen Frauen, Mädchen, Opas und Kinder. Die desolate Situation ist nicht zu übersehen. 

Der Mitarbeiter der Caritas sagt nicht viel außer: „Mach Dir selbst ein Bild. Ich denke, ich muss das hier nicht erklären.“ Und er hat recht. Wir laufen an den Menschen vorbei und ich traue mich fast nicht, jemanden anzusprechen, so sprachlos bin ich. 

Doch dann kommt ein Kind zu uns und lächelt uns an. „Oh nein“ platzt es aus mir heraus,denn das Mitleid e... more »

Kosovo: Wir fahren nach Mitrovicë (einer Stadt im Norden die in zwei Teile geteilt ist, in denen jeweils Serben oder Albaner leben), treffen dort einen Mitarbeiter von der Caritas Kosova, der in ein Auto steigt und uns an einen Ort lotst, den ich nie vergessen werde.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Armut gesehen, doch dieser Anblick erschüttert mich zutiefst. Vor heruntergekommenen Häusern, die von Müll umgeben sind, sitzen Frauen, Mädchen, Opas und Kinder. Die desolate Situation ist nicht zu übersehen. 

Der Mitarbeiter der Caritas sagt nicht viel außer: „Mach Dir selbst ein Bild. Ich denke, ich muss das hier nicht erklären.“ Und er hat recht. Wir laufen an den Menschen vorbei und ich traue mich fast nicht, jemanden anzusprechen, so sprachlos bin ich. 

Doch dann kommt ein Kind zu uns und lächelt uns an. „Oh nein“ platzt es aus mir heraus, denn das Mitleid ergreift mein ganzes Sein. Das Kind läuft ein Stückchen weiter zu einer alten Baracke und öffnet die Tür. Ich mache ein Foto. 

Ich kann es nicht fassen, dass hier Menschen leben müssen. Ich stelle mir vor, wie es hier im Winter sein muss, wenn es regnet, schneit und kalt ist. Wie soll man hier überleben? Kann man hier überleben?  

Kleines Kind aus Mitrovicë, Friede mit Dir. Ich hoffe für Dich, dass Du eines Tages gesättigt wirst und ein sicheres, festes und warmes Dach über dem Kopf hast. Ich traue mich fast nicht, das zu schreiben, aber: Ich hoffe, dass Du überlebst.

 ___

posted image

2015-07-11 19:52:37 (0 comments, 1 reshares, 25 +1s)Open 

Heute bin ich mit Bersat, der in Kosovo viele arme Familien betreut und Sara unterwegs. Wir fahren zu Familie Morina, die in der Nähe von Kline wohnt. Dort hat die Caritas vor fünf Jahren begonnen, nach und nach ein Haus zu bauen – ein Stall für eine Kuh soll noch folgen.

Vor Ort werden wir freundlich begrüßt – im Hof des Hauses schwirren einige Küken hin und her und ein kleiner Junge hat ein Hundebaby auf dem Arm, mit dem er spielt. Sofort wird uns von Frau Morina türkischer Kaffee angeboten der besser schmeckt, als jeder Nescafè, den wir in Cafès zu trinken bekommen.

Das ganze Haus, Hof und Garten machen einen sehr gepflegten und ordentlichen Eindruck. Zur Zeit unseres Eintreffens ist der Vater (Hasan) noch mit seinen zwei Töchtern unterwegs, sie sammeln Holz und kommen dazu, während wir im Wohnzimmer der Familie sitzen.

Die beiden Eltern haben fünf Kinder.Drei Töchter, u... more »

Heute bin ich mit Bersat, der in Kosovo viele arme Familien betreut und Sara unterwegs. Wir fahren zu Familie Morina, die in der Nähe von Kline wohnt. Dort hat die Caritas vor fünf Jahren begonnen, nach und nach ein Haus zu bauen – ein Stall für eine Kuh soll noch folgen.

Vor Ort werden wir freundlich begrüßt – im Hof des Hauses schwirren einige Küken hin und her und ein kleiner Junge hat ein Hundebaby auf dem Arm, mit dem er spielt. Sofort wird uns von Frau Morina türkischer Kaffee angeboten der besser schmeckt, als jeder Nescafè, den wir in Cafès zu trinken bekommen.

Das ganze Haus, Hof und Garten machen einen sehr gepflegten und ordentlichen Eindruck. Zur Zeit unseres Eintreffens ist der Vater (Hasan) noch mit seinen zwei Töchtern unterwegs, sie sammeln Holz und kommen dazu, während wir im Wohnzimmer der Familie sitzen.

Die beiden Eltern haben fünf Kinder. Drei Töchter, und zwei Söhne, von denen ein Sohn mit 17 Jahren nach Italien geflohen ist. Dort bei einem Priester eine Unterkunft gefunden, italienisch gelernt und einen kleinen Job bekommen hat.

Ich frage nach, wovon diese Familie lebt und erfahre, dass der Vater psychisch krank ist und viele teure Medikamente braucht. Während des Krieges floh die junge Familie mit zwei Kindern in einen Wald – jedoch fand sie dort die serbische Polizei und schlug den Vater auf übelste Weise.

Heute hat der Vater einen Behinderten-Status und sechs Operationen hinter sich, für die er Kredite aufnahm, um sie zu bezahlen. Weil er ein Mensch mit Behinderung ist, bekommt die Familie eine Pension von 120 € im Monat, von denen 70 € direkt an Bank gehen, um den Kredit abzubezahlen Und: Weil Hasan eine Pension bekommt, gibt es vom Staat keine Sozialhilfe.

Das bedeutet: 50 € im Monat.

Hier leben alle von Tag zu Tag – Mitarbeiter der Caritas versorgen die Familie mit Nahrungsmitteln und Medikamenten, die der depressive Vater sich nie leisten könnte. Hasan ist nervös und hat Schlafstörungen. Vor kurzem wurde hier der Strom abgestellt, ohne den die Wasserpumpe nicht funktioniert. So müssen Hasan und seine Familie das Wasser aus dem Brunnen im Hof schöpfen.

Während ich der Familie zuhöre, im Kopf die Informationen ordne und versuche, mir daraus einen Reim zu machen, drücke ich ab und zu den Auslöser, um die Kinder zu fotografieren. Weil sie aber sehr schüchtern sind und sich lachend verstecken, entschließe ich mich, die Gesprächsrunde zu verlassen und gehe in den Hof.

Mein Plan geht auf, die Mädchen und der Junge folgen mir. Sie kichern, wir hampeln herum, ziehen Grimassen und das älteste Mädchen kann einen Satz deutsch: „Halt die Klappe“. So, wie sie den Satz sagt, weiß ich, dass sie nicht versteht, was sie da sagt und ich kann nicht anders, als loszulachen.

Wir gehen in den Garten und die Mädchen pflücken Kirschen vom Baum, die nicht wirklich reif sind, aber die sie dennoch essen. Wir albern herum und nach ein paar Minuten gebe ich ihnen die Kamera. Jedes Kind macht ein paar Fotos, schaut aufs Display und lacht sich schief.

Es sind Momente der Freiheit. Trotz der Armut haben die Kinder einen Weg gefunden, damit umzugehen. Keine Träne fließt, im Gegenteil. Sie wirken wach, etwas verunsichert, aber offen. 

Zum Abschluss mache ich von der gesamten Familie noch ein Foto und wir verabschieden uns. Dieser Besuch dauerte über eine Stunde, doch er verging wie im Flug.

Liebe Familie Morina, lieber Hasan. Hier in Deutschland denke ich oft an Euch, an Eure Not, aber auch an die kurzen Freuden. Ich wünsche Euch so sehr, dass ihr eine gute Zukunft findet. Und ihr die Vergangenheit bewältigen könnt, die doch immer noch in die Gegenwart hineinragt. Friede mit Euch allen.___

posted image

2015-07-09 16:54:53 (0 comments, 0 reshares, 18 +1s)Open 

Wir wussten eigentlich die ganze Zeit, dass die Anzeige für den Benzinstand kaputt war und wir somit jederzeit stehenbleiben konnten. Immer wieder hatte ich Sara gefragt, ob es reichen würde.
Auf dem Rückweg unseres Besuches bei Elmase machte unser Jeep dann irgendwann seltsame, ratternde Geräusche. Wir ahnten es. Das Benzin war leer.
Doch Violetta, Sarah und ich lachten laut auf, stiegen aus dem Auto und tanzten los. Warum? Das Auto war keine 300 Meter vor dem Kinderheim, in dem wir untergebracht waren, stehen geblieben.
Wir hatten also Glück gehabt.

Wir wussten eigentlich die ganze Zeit, dass die Anzeige für den Benzinstand kaputt war und wir somit jederzeit stehenbleiben konnten. Immer wieder hatte ich Sara gefragt, ob es reichen würde.
Auf dem Rückweg unseres Besuches bei Elmase machte unser Jeep dann irgendwann seltsame, ratternde Geräusche. Wir ahnten es. Das Benzin war leer.
Doch Violetta, Sarah und ich lachten laut auf, stiegen aus dem Auto und tanzten los. Warum? Das Auto war keine 300 Meter vor dem Kinderheim, in dem wir untergebracht waren, stehen geblieben.
Wir hatten also Glück gehabt.___

posted image

2015-07-07 22:08:09 (0 comments, 0 reshares, 17 +1s)Open 

Kosovo. Wir fahren zu einer Frau, Elmase, die zwischen Klina und Prishtina wohnt und sechs Kinder hat. Wir (Sara und Violetta) parken den Jeep vor dem Haus und klopfen am Tor. Es öffnet uns eine dünne Frau, die nicht wusste, dass wir kommen würden. Sie freut sich sehr über unseren Besuch und bittet uns herein. Sofort setzen sich ihre beiden Söhne (8 und 6 Jahre alt) zu uns auf die Couch und hören zu.
Heute werden wir Elmase (ich bin nicht sicher, ob ich ihren Namen richtig aufgeschrieben habe) ins Krankenhaus zur Untersuchung bringen. Sie könnte sich eine Fahrt dorthin nicht leisten und so bezahlt die Caritas. Elmase macht sich schick und auf der Fahrt erzählt sie uns, wie es um sie und ihre Familie steht.
Gemeinsam mit ihrem Mann und ihreren Kindern lebt Elmase von 100 € Sozialhilfe. Früher schlug ihr Mann sie, wenn er betrunken war, doch weil seine Frau nun krank ist, hat er damitaufgehört.... more »

Kosovo. Wir fahren zu einer Frau, Elmase, die zwischen Klina und Prishtina wohnt und sechs Kinder hat. Wir (Sara und Violetta) parken den Jeep vor dem Haus und klopfen am Tor. Es öffnet uns eine dünne Frau, die nicht wusste, dass wir kommen würden. Sie freut sich sehr über unseren Besuch und bittet uns herein. Sofort setzen sich ihre beiden Söhne (8 und 6 Jahre alt) zu uns auf die Couch und hören zu.
Heute werden wir Elmase (ich bin nicht sicher, ob ich ihren Namen richtig aufgeschrieben habe) ins Krankenhaus zur Untersuchung bringen. Sie könnte sich eine Fahrt dorthin nicht leisten und so bezahlt die Caritas. Elmase macht sich schick und auf der Fahrt erzählt sie uns, wie es um sie und ihre Familie steht.
Gemeinsam mit ihrem Mann und ihreren Kindern lebt Elmase von 100 € Sozialhilfe. Früher schlug ihr Mann sie, wenn er betrunken war, doch weil seine Frau nun krank ist, hat er damit aufgehört. Was sie hat, ist nicht wirklich klar, was auch der Grund für den Krankenhausbesuch ist.
„Es gibt keinen besseren Platz zum Leben, als dort, wo man geboren wurden“, sagt sie. Ich bein erstaunt über eine solche Aussage von ihr. Dieser Satz wirkt wie ein Lichtstrahl im Dunkeln. „Aber es ist auch wahr, dass man besser leben will. Alle haben das Recht auf ein besseres Leben.“
Wie recht sie doch hat. Elmases Stimme ist dünn und gebrochen, aber bestimmt. Ich vergesse, was um uns herum ist und höre nur noch, was sie sagt. Stelle Fragen und denke über ihre Antworten nach.
„Wir sind eine Familie mit sechs Kindern. Mein Mann ist immer zuhause, weil er keine Arbeit hat. Und wenn es draussen regnet, dann regnet es auch drinnen. Unsere Heizung ist kaputt. Es ist schwer, so zu leben.“
Ja, das muss schwer sein. Ich nicke, schaue sie an. Denke nach.
„Wenn Du Deinen Kindern nichts zu essen geben kannst, dann ist es normal, dass sie ständig draussen sind und und etwas suchen. Ich kann nicht kontrollieren wass sie machen. Und es ist auch normal, dass mein Mann dann trinkt.“
Alkohol ist in Kosovo spottbillig, das weiß ich. Und weil es so billig ist, greifen viele Menschen, inbesondere die, die unter Arbeitslosigkeit leiden, dazu. Ich frage an dieser Stelle nicht weiter nach, es ist nicht meine Aufgabe hier zu urteilen. Elmase erzählt auch, dass es schon besser geworden ist und er sich Mühe geben würde.
Einer ihrere Söhne, so erzählt sie, möchte nicht mehr zur Schule. Er ist 13, doch weil seine Familie arm ist, wird er ständig ausgelacht.
„Wenn ich meine Kinder sehe, die so traurig sind, bin ich mehr als traurig. Wir haben oft nichts zu essen. Das ist so traurig.“
Ich kann sie verstehen. Ihre Worte gehen in diesen Momenten an mir vorrüber, doch im Nachhinein wirken sie umso stärker.
Doch im nächsten Moment meint sie: „Ich bin sehr stark. Ich habe so viel schlechtes erlebt. So viel Blut verloren. Es ist wie, als ob ich 100 Seelen hätte.“
Am Krankenhaus angekommen parken wir ein. Violetta, die selbst Kosovarin ist und bei der Caritas arbeitet, hakt sich bei Elmase unter den Arm und spaziert mit ihr voran.
Doch nach kurzer Wartezeit vor einem Zimmer stellt sich schon das erste Problem heraus. Nachdem wir schon bezahlt haben, treffen wir Elmases Mann, der einen Zettel dabei hat, der bescheinigt, dass Elmase Sozialhilfeempfängerin ist und deshalb nicht bezahlen muss.
Doch die Dame an der Krankenhausinformation lässt nicht mit sich reden. Geld gibt es keines zurück, sowas könne man nicht so einfach machen. Violetta ärgert sich und wir schütteln alle mit dem Kopf. Und mir wird klar: Elmase hätte hier keine Chance, wenn sie nicht jemand bei sich hätte, der für sie streitet und für sie argumentiert. Sie steht völlig überfordert neben uns.
Das ganze Krankenhaus ist ein einziges Chaos. Wir treffen zufällig Elmases Mann mit ihrem Sohn, der seit drei Tagen auf einen Gips wartet, aber keinen bekommt - seine Hand ist dick und wir bekommen die Röntgenbilder zu sehen (hinterher stellt sich heraus, dass Vater und Sohn nach Prishtina müssen und hier keinen Gips bekommen werden). Ein einziges Hin und Her.
Weil wir schon da sind, darf Elmase direkt zu einem Allgemeinmediziner, doch alles dauert seine Zeit. Fotografieren darf ich nicht, das möchte der zuständige Arzt nicht. Also gehe ich mit Sara einen Kaffee trinken und abwarten.
Auf dem Heimweg erzählt uns Violetta, wie der Besuch beim Allgemeinmediziner war, der sie schon 15 Jahre kennt: Er wusste nicht mehr, wer Elmase war. Nicht, weil der Arzt vergesslich ist, sondern weil Elmase so sehr abgenommen hat.
Zuhause angekommen zeigt uns Elmase Fotos, die vor 14 Jahren gemacht wurden. Zu sehen ist sie selbst. Und ja, auf diesen Bildern ist beinahe eine andere Frau, das fällt auch mir auf. Jetzt weiß ich, warum sie es so bedauert, nicht mehr so hübsch zu sein, wie früher.
Beim Verabschieden schaue ich ihr in die Augen und sage etwas, was ich normalerweise nicht sage: Dass ich finde, dass sie schön ist. Ihr Lächeln im Auto und im Krankenhaus hat mir so gut gefallen und manchmal strahlte regelrecht aus sich heraus.
Elmase sagt: „Das freut mich sehr, auch wenn ich weiß, dass das nicht stimmt.“ Ich versichere ihr, dass ich das genau so meine, wie ich es gesagt habe. Eigentlich sage ich fremden Frauen überhaupt nicht, dass ich sie schön finde. Warum auch? Aber jetzt und hier, da passt es.
Liebe Elmase. Danke für die Zeit, die ich Dein Leben begleiten durfte. Du hast mir gezeigt, dass Trauer und Hoffnung oft so nah beineinander liegen und ich wünsche Dir und Deiner Familie Kraft, Mut und Freunde, die Euch unterstützen. Dass Du gesund wirst, Deinen Tränen getrocknet werden und Du trost findest. Friede mit Dir, Elmase.___

posted image

2015-07-02 16:54:49 (0 comments, 0 reshares, 15 +1s)Open 

Irgendwo in Kosovo

Da meine Begleiter und ich die ganze Zeit über kreuz und quer durch Kosovo fuhren, fotografierte ich sehr viel aus dem Jeep heraus.

Dabei gelang mir diese Aufnahme, auf der ein alter Volkswagen zu sehen ist - diese sind in Deutschland (dank der Abwrackprämie) längst von der Straße verschwunden.

Mit Bildern wie diesem verbinde ich, obwohl keine Menschen darauf zu sehen sind, sehr viel.

Ich erinnere mich an den Fahrtwind, den ich spürte, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielt. An die langen Gespräche mit Sara und Zef, die mir Hintergründe der armen Familien erklärten.

An meine Fragen, meine Wut und Trauer. Und ich erinnere mich an die Minuten, in denen ich gedankenversunken aus dem Fenster schaute und wusste, dass es gut und wichtig ist, hier zu sein.

Irgendwo in Kosovo

Da meine Begleiter und ich die ganze Zeit über kreuz und quer durch Kosovo fuhren, fotografierte ich sehr viel aus dem Jeep heraus.

Dabei gelang mir diese Aufnahme, auf der ein alter Volkswagen zu sehen ist - diese sind in Deutschland (dank der Abwrackprämie) längst von der Straße verschwunden.

Mit Bildern wie diesem verbinde ich, obwohl keine Menschen darauf zu sehen sind, sehr viel.

Ich erinnere mich an den Fahrtwind, den ich spürte, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielt. An die langen Gespräche mit Sara und Zef, die mir Hintergründe der armen Familien erklärten.

An meine Fragen, meine Wut und Trauer. Und ich erinnere mich an die Minuten, in denen ich gedankenversunken aus dem Fenster schaute und wusste, dass es gut und wichtig ist, hier zu sein.___

posted image

2015-06-30 20:11:50 (0 comments, 2 reshares, 20 +1s)Open 

Gjakove. Ich besuche mit Zef und Sara eine kleine Commune für Roma, Ashkali und Ägypter – die Caritas hat hier einige Häuser für die Ärmsten gebaut. Nach einer kleinen Einführung mit er Leiterin führt uns der Sozialarbeiter, der hier Angebote für Kinder macht, zum Haus einer Familie.

Wir werden ins Wohnzimmer gebeten, und setzen uns auf eine Couch. Gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar, dessen Sohn mit seiner Frau und deren einjährigem Sohn hier leben. Der Großvater, so werde ich informiert, putzt für 3 € (!) im Monat Wohnungen.

Nach kurzer Zeit spricht mich die junge Frau des Sohnes auf Hochdeutsch an. Ich bin etwas verwirrt und frage nach. Emine ist 19 Jahre alt, war vier Jahre in Österreich und ging dort zur Schule. Doch als ihre Mutter starb, kam sie zurück nach Kosovo.

Nun lebt sie hier mit ihrem Mann, dem gemeinsamen Sohn und den Schwiegereltern.Liebend gerne, wür... more »

Gjakove. Ich besuche mit Zef und Sara eine kleine Commune für Roma, Ashkali und Ägypter – die Caritas hat hier einige Häuser für die Ärmsten gebaut. Nach einer kleinen Einführung mit er Leiterin führt uns der Sozialarbeiter, der hier Angebote für Kinder macht, zum Haus einer Familie.

Wir werden ins Wohnzimmer gebeten, und setzen uns auf eine Couch. Gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar, dessen Sohn mit seiner Frau und deren einjährigem Sohn hier leben. Der Großvater, so werde ich informiert, putzt für 3 € (!) im Monat Wohnungen.

Nach kurzer Zeit spricht mich die junge Frau des Sohnes auf Hochdeutsch an. Ich bin etwas verwirrt und frage nach. Emine ist 19 Jahre alt, war vier Jahre in Österreich und ging dort zur Schule. Doch als ihre Mutter starb, kam sie zurück nach Kosovo.

Nun lebt sie hier mit ihrem Mann, dem gemeinsamen Sohn und den Schwiegereltern. Liebend gerne, würde sie nach Deutschland fliehen, doch sie hat kein Geld dafür. Und das packt sie in deutliche Worte, die mich im innersten erschüttern.

„Für mich ist das Leben hier scheiße. Ich habe kein Leben hier.“

In mir dreht sich alles. Ich höre ihr zu, schaue sie an, und, weil diesmal kein Übersetzer dazwischen ist, trifft mich das, was sie sagt, um ein zehnfaches.

„Mein Mann arbeitet mit Plastikmüll. Aber er kann so nicht arbeiten. Fuß ist krank.“

„Manchmal essen wir, wenn wir etwas zum Essen haben.“ Und manchmal auch nicht.

Ich höre zu, mache ab und an ein Foto und spiele in bisschen mit dem Kind. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo ich wohne“. Erst jetzt verstehe ich, dass sie nicht zusammen mit den Schwiegereltern wohnt, sondern neben deren Haus in einer kleinen Baracke.

Emine zeigt mir, wie sie wohnt und hebt eine dünne Matratze an. „Im Winter kommt Wasser rein. Wenn ich hier schlafe, wird alles nass. Ist für mich scheiße. Wenn Sie mir helfen können, bitte.“

Kopfschüttelnd und traurig mache ich ein paar Aufnahmen, laufe raus ins Feld und fotografiere die Baracke. Ich kann das alles gar nicht fassen und fühle mich wie in einem Albtraum gefangen.

Dann setze ich mich mit Sara, der Aktivistin noch einmal zu Emine. Sie weint. Ich lege meinen Arm um sie und verspreche ihr, über ihre Situation zu schreiben und die Fotos zu zeigen.

Als wir uns verabschieden, kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich laufe schnell weiter. In mir ist alles still und schwer.

Liebe Familie, liebe Emine. Es ist nun einige Wochen her, dass ich Euch kennengelernt habe und noch immer bin ich innerlich bestürzt, wenn ich an Euch denke. Ich bin noch immer sprachlos. Ich wünsche Euch Kraft, die kommenden Jahre durchzustehen. Friede mit Euch.___

posted image

2015-06-15 10:33:24 (0 comments, 2 reshares, 26 +1s)Open 

Eine wichtige Aktion. Sehr wichtig. Danke.

Eine wichtige Aktion. Sehr wichtig. Danke.___

posted image

2015-06-13 17:15:18 (0 comments, 0 reshares, 11 +1s)Open 

Spiderman 

An einem herrlichen Sommertag sind wir zu Besuch in einer von der Caritas aufgebauten Commune für Roma, Ashkali und Ägypter In Gjakove. Für die ärmsten der Armen wurden hier Häuser gebaut und die Menschen werden von Mitarbeitern der Caritas betreut.

Das Ganze wirkt auf mich wie eine deutsche Neubausiedlung, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Siedlung von Müll umgeben ist und in den Häusern nicht der Mittelstand, sondern der unterste Rand der Gesellschaft lebt.

Nachdem wir eine Familie besucht haben (deren Geschichte ich bald erzählen werde), treffen wir zwei Jungs, die zu uns gelaufen kommen. Einer der Beiden trägt ein altes Spiderman-Kostüm.

Ich frage den Jugendarbeiter der Commune, ob er den Jungen bitten möchte, einmal kurz über einen Kies-Hügel zu springen. Er freut sich sichtlich und nach zwei Anläufen gelingt mir dieseAufnahme.
more »

Spiderman 

An einem herrlichen Sommertag sind wir zu Besuch in einer von der Caritas aufgebauten Commune für Roma, Ashkali und Ägypter In Gjakove. Für die ärmsten der Armen wurden hier Häuser gebaut und die Menschen werden von Mitarbeitern der Caritas betreut.

Das Ganze wirkt auf mich wie eine deutsche Neubausiedlung, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Siedlung von Müll umgeben ist und in den Häusern nicht der Mittelstand, sondern der unterste Rand der Gesellschaft lebt.

Nachdem wir eine Familie besucht haben (deren Geschichte ich bald erzählen werde), treffen wir zwei Jungs, die zu uns gelaufen kommen. Einer der Beiden trägt ein altes Spiderman-Kostüm.

Ich frage den Jugendarbeiter der Commune, ob er den Jungen bitten möchte, einmal kurz über einen Kies-Hügel zu springen. Er freut sich sichtlich und nach zwei Anläufen gelingt mir diese Aufnahme.

Spiderman ist in der Luft.

Das Foto ist nach außen hin fast perfekt. Die Löcher des Kostüms sind aus dieser Perspektive nicht zu sehen, und damit auch die Armut nicht. Doch die Sandalen von Spiderman geben einen kleinen Hinweis auf die Umstände des Jungen.

Der kleine Spiderman kommt zu mir gerannt und auf einmal bin ich umzingelt von vielen Kindern, die alle das Foto sehen wollen. Ich zeige es ihnen und alle wollen mir mit spielen, lachen und reichen mir die Hand. Leider müssen wir weiter, verabschieden uns und steigen wieder ins Auto.

Während wir losfahren, öffne ich die Fensterscheibe und sehe Spiderman am Auto lehnen. Ich mache schnell ein Foto und sehe es erst jetzt: Er ist stolz, glücklich und strahlt übers ganze Gesicht.

Kleiner Spiderman, ich hätte Dich gern näher kennengelernt. Ich wünsche Dir, dass Du Dich eines Tages über die Armut, in der Du leben musst, erheben kannst. Ich wünsche Dir, dass Du niemals Dein Lächeln verlierst und alle Kraft hast, um den widrigen Umständen zu trotzen. Friede mit Dir, Deiner Familie und Deinen Freunden. ___

posted image

2015-06-11 18:12:53 (0 comments, 0 reshares, 9 +1s)Open 

Moscheen in Kosovo

Während wir eine Woche lang quer durch Kosovo fuhren, fielen sie mir auf: Die Moscheen. In den meisten Dörfern, Kommunen und Städten sind sie zahlreich zu sehen. Für mich, der aus Deutschland eigentlich nur Kirchen gewohnt ist, war dieser Anblick von besonderem Interesse. 

Da wir es uns zur Aufgabe gemacht hatten, so viele Familien wie möglich zu besuchen, war unser Zeitplan recht eng. Zu gerne hätte ich eine Moschee von innnen besucht, doch dafür war keine Zeit. 

So versuchte ich, aus dem Auto heraus hier und da zu fotografieren, um mir die Erinnerung an diese (in meinen Augen) schönen Orte des Gebetes zu erhalten.

Moscheen in Kosovo

Während wir eine Woche lang quer durch Kosovo fuhren, fielen sie mir auf: Die Moscheen. In den meisten Dörfern, Kommunen und Städten sind sie zahlreich zu sehen. Für mich, der aus Deutschland eigentlich nur Kirchen gewohnt ist, war dieser Anblick von besonderem Interesse. 

Da wir es uns zur Aufgabe gemacht hatten, so viele Familien wie möglich zu besuchen, war unser Zeitplan recht eng. Zu gerne hätte ich eine Moschee von innnen besucht, doch dafür war keine Zeit. 

So versuchte ich, aus dem Auto heraus hier und da zu fotografieren, um mir die Erinnerung an diese (in meinen Augen) schönen Orte des Gebetes zu erhalten.___

posted image

2015-06-09 19:19:55 (0 comments, 0 reshares, 22 +1s)Open 

Es ist heiß, während Sara (Übersetzerin und Aktivistin, die mein Projekt begleitet) und ich im Golf des Caritas-Mitarbeiters Zef nach Ferizaj, der drittgrößten Stadt Kosovos fahren. Nach einem kurzen Besuch bei der Zentrale der Caritas fahren wir in ein Armenviertel, in dem Gani mit seinem Sohn lebt.

Am Haus angekommen, öffnet uns Gani das Tor und ich sehe sofort, dass hier nicht viel Raum zum Leben ist. Nachdem er uns die Wohnräume seines Bruders gezeigt hat, der gerade aus psychischen Gründen im Krankenhaus ist, betreten wir ein ca. 10 Quadratmeter kleines Zimmer. Dort schlafen, essen und wohnen Gani uns ein Sohn.

Was ich sofort erkenne ist: Verwahrlosung. Der Vater ist so arm, dass er auch den Glauben an sich verloren hat. Die Wäsche liegt überall verteilt herum und das ganze Zimmer ist sehr schmutzig. Der kleine Raum ist feucht - obwohl es in den letzten Tagen nichtgeregnet ... more »

Es ist heiß, während Sara (Übersetzerin und Aktivistin, die mein Projekt begleitet) und ich im Golf des Caritas-Mitarbeiters Zef nach Ferizaj, der drittgrößten Stadt Kosovos fahren. Nach einem kurzen Besuch bei der Zentrale der Caritas fahren wir in ein Armenviertel, in dem Gani mit seinem Sohn lebt.

Am Haus angekommen, öffnet uns Gani das Tor und ich sehe sofort, dass hier nicht viel Raum zum Leben ist. Nachdem er uns die Wohnräume seines Bruders gezeigt hat, der gerade aus psychischen Gründen im Krankenhaus ist, betreten wir ein ca. 10 Quadratmeter kleines Zimmer. Dort schlafen, essen und wohnen Gani uns ein Sohn.

Was ich sofort erkenne ist: Verwahrlosung. Der Vater ist so arm, dass er auch den Glauben an sich verloren hat. Die Wäsche liegt überall verteilt herum und das ganze Zimmer ist sehr schmutzig. Der kleine Raum ist feucht - obwohl es in den letzten Tagen nicht geregnet hat.

Gani erzählt uns, dass sich seine Ex-Frau vor Jahren von ihm trennte und nun mit seinem ältesten Bruder zusammenlebt. Nach der Trennung entschied ein Richter, dass die Ex-Frau das Zweite von beiden Kindern in die neue Ehe nehmen würde, und so wurden auch die Kinder getrennt.

Gani bekommt vom Staat 40 € für seinen Sohn und weil er selbst krank und somit arbeitsunfähig ist, kommen 80 dazu. Die beiden leben also 120 € im Monat – und werden immer wieder von der Caritas mit Nahrungsmitteln versorgt.

Weil der Vater unter Rheuma leidet, hat er insbesondere Nachts starke Schmerzen. Um diese zu lindern, lässt er sich sehr selten vom Arzt ein Schmerzmittel injizieren, das mit 5,50 € teuer ist und ihm 10 Tage gönnt, in denen die Pein nicht allzu schlimm ist.

Erneut sehe ich einen Menschen, der direkt darunter leidet, dass er nicht versichert ist. Dieser Mann hat körperliche Schmerzen, die deswegen nicht gelindert werden können, weil er es nicht bezahlen kann. Ich schlucke. Er tut mir sehr leid.

Gani hat Verwandte, die mittlerweile in Amerika leben, ihm aber nicht helfen. Im Verlauf des Besuches deutet er auf ein paar Fotos an der Wand, auf denen seine Verwandtschaft und Vorfahren zu sehen sind. Einen Moment lang habe ich den Eindruck, dass diese Foto-Kollektion ein Schatz ist, auf den er stolz ist.

Doch während er mir ein Foto zeigt, das in der Mitte durchgerissen ist, frage ich, wer auf der anderen Seite des Bildes zu sehen war. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Seine Frau. Gani lacht in diesem Moment, doch ich weiß, dass sein Schmerz tief sitzen muss.

Ganis Sohn geht zur Schule, wie ich herausfinde. In die zweite Klasse. Doch er hat ein Problem mit den Augen, das über die Jahre immer schlimmer geworden ist. Auf einem alten Bild ist er mit ganz normalem Blick zu sehen.

Weil wir weiter müssen, verabschieden wir uns. Gani begleitet uns noch bis zum Auto und gibt jedem von uns lächelnd und dankend die Hand. Ich steige ins Auto und versinke in Gedanken. 

Lieber Gani. Es war gut, dass ich Dich und Deinen Sohn kennengelernt habe. Ich wünsche Dir Kraft und Mut, mit Eurer Armut umzugehen. Mögen Deine Schmerzen gelindert werden - sowohl Deine körperlichen, als auch Deine seelischen. Ich wünsche Euch das Beste. Friede mit Euch, Gani, Friede mit Euch.___

posted image

2015-06-07 18:51:19 (0 comments, 0 reshares, 20 +1s)Open 

Die atemberaubende Landschaft des Kosovo hat mir nicht selten die Sprache verschlagen. Immer wieder sah ich, wenn der Blick frei war, die mächtigen Berge, die stets mit Eis und Schnee bedeckt waren. 

An diesem Tag waren wir gerade unterwegs von einer langen Tour zurück zum Kinderheim, in dem ich untergebracht war, als sich nach einem Regenschauer die Sonne durch die Wolken kämpfte. 

Wir hielten kurz an und ich konnte ein paar Aufnahmen von der Weite und Schönheit der kosovarischen Natur machen. Ich lehnte mich weit ins Feld und drückte ein paar Mal ab. Genoss die Stille und den Anblick, lies alles auf mich wirken. 

Auch jetzt, wenn ich mich an diesen Moment erinnere, habe ich den Geruch des Sommerregens in der Nase und spüre die die angenehme Kühle auf der Haut. 

Die atemberaubende Landschaft des Kosovo hat mir nicht selten die Sprache verschlagen. Immer wieder sah ich, wenn der Blick frei war, die mächtigen Berge, die stets mit Eis und Schnee bedeckt waren. 

An diesem Tag waren wir gerade unterwegs von einer langen Tour zurück zum Kinderheim, in dem ich untergebracht war, als sich nach einem Regenschauer die Sonne durch die Wolken kämpfte. 

Wir hielten kurz an und ich konnte ein paar Aufnahmen von der Weite und Schönheit der kosovarischen Natur machen. Ich lehnte mich weit ins Feld und drückte ein paar Mal ab. Genoss die Stille und den Anblick, lies alles auf mich wirken. 

Auch jetzt, wenn ich mich an diesen Moment erinnere, habe ich den Geruch des Sommerregens in der Nase und spüre die die angenehme Kühle auf der Haut. ___

posted image

2015-06-06 17:40:40 (0 comments, 2 reshares, 21 +1s)Open 




Zu Beginn meiner Zeit in Kosovo besuchten wir eine muslimische Familie, die für mich bis heute an ein Wunder grenzt. Nachdem wir über eine wackelige Brücke über einen Fluss gefahren und den Jeep durch enge Wege gezwängt hatten, kamen wir vor dem Haus der Familie an und wurden sofort herzlich begrüßt.

Die Mutter servierte uns schwarzen Tee mit Zucker, der mir vorzüglich schmeckte. Auf der Couch lag ein Sohn der Eltern, der behindert war. Ich setzte mich zu ihm, versuchte, mit ihm zu lächeln und machte ein paar Fotos, die ich ihm zeigte.

Dieser Junge kam jedoch „normal“ auf Welt. Doch im Alter von 9 Monaten wurde er krank und bekam hohes Fieber. Das über lange Zeit nicht zurückging.

Weil die Familie kein Geld hatte, zum Arzt zu fahren (und den Arzt zu bezahlen), blieben beim Kind dauerhafte Schäden - und wir mutmaßten eineHirnhautentzündu... more »




Zu Beginn meiner Zeit in Kosovo besuchten wir eine muslimische Familie, die für mich bis heute an ein Wunder grenzt. Nachdem wir über eine wackelige Brücke über einen Fluss gefahren und den Jeep durch enge Wege gezwängt hatten, kamen wir vor dem Haus der Familie an und wurden sofort herzlich begrüßt.

Die Mutter servierte uns schwarzen Tee mit Zucker, der mir vorzüglich schmeckte. Auf der Couch lag ein Sohn der Eltern, der behindert war. Ich setzte mich zu ihm, versuchte, mit ihm zu lächeln und machte ein paar Fotos, die ich ihm zeigte.

Dieser Junge kam jedoch „normal“ auf Welt. Doch im Alter von 9 Monaten wurde er krank und bekam hohes Fieber. Das über lange Zeit nicht zurückging.

Weil die Familie kein Geld hatte, zum Arzt zu fahren (und den Arzt zu bezahlen), blieben beim Kind dauerhafte Schäden - und wir mutmaßten eine Hirnhautentzündung. Dieser Mensch kann nicht laufen und nicht sprechen, weil die Familie arm ist.

In Kosovo gibt es keine Versicherung, die im Falle eines Krankenhausbesuches diesen bezahlt. Wer kein Geld hat, muss leiden. Und wer kein Geld hat und ein krankes Kind, muss zusehen, wie das Kind leidet - und, wie in diesem Fall, behindert wird.

Dazu kommt, dass der Junge heute Medikamente braucht, die nicht billig sind. Ohne die Unterstützung der Caritas, die auch beim Hausbau geholfen hat, würde das Leben dieser Familie wesentlich düsterer aussehen.

Die Geschwister des Jungen (der übrigens viel lachte) machten auf mich aber überhaupt keinen düsteren Eindruck. Sie spielten mit mir im Hof Fangen, versteckten sich, während ich ihnen mit der Kamera unauffällig folgte, kicherten und: Strahlten übers ganze Gesicht. Auch die Eltern machten auf mich einen lebendigen und klaren Eindruck - immer wieder wurde mir schwarzer Tee angeboten.

Ich hatte mit allem gerechnet, doch nicht damit. Diese Familie schien ihre Armut akzeptiert und die Lust am Leben, die Freude an kleinen Dingen und somit auch die Würde ihrer selbst aufbewahrt zu haben. Es war, als ob ich in glücklichste Familie in Kosovo kennengelernt hatte.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich noch tagelang über diese Begegnung rätselte und mich darüber wunderte. Auch heute denke ich noch oft an diese Familie, die leuchtenden Augen der Kinder und den Sohn, der nicht laufen kann.

Alleine die Vorstellung, eine meiner beiden Töchter würde krank werden und ich müsste dabei zusehen, wie sie sich eine Meningitis zuzieht, allein diese Vorstellung lässt mich erschaudern. Ich würde wohl meines Lebens nicht mehr glücklich werden.

Liebe Familie auf der anderen Seite des Flusses. Ihr habt mir so viel gegeben, dass ich Euch für immer dankbar sein werde. Inmitten der Not habt Ihr mich mit Freude und Gastfreundschaft überschüttet. Ich wünsche Euch eine Zukunft, in der Krankheit kein Grund zur Sorge sein muss. Eine Zukunft ohne Armut.___

posted image

2015-06-04 18:53:27 (0 comments, 0 reshares, 21 +1s)Open 

Kirche und Moschee nebeneinander 

In Kosovo durfte ich erleben, dass Religion kein Grund für Trennung, sondern ein Grund für gemeinsames Miteinander sein kann. 

In vielen Städten und Gemeinden leben Christen und Muslime friedlich zusammen – was ich aus Deutschland auf diese Art und Weise nicht gekannt hatte. 

Für mich ist Kosovo in dieser Hinsicht ein Vorbild, von dem wir im reichen Westen noch sehr viel lernen können. 

Kirche und Moschee nebeneinander 

In Kosovo durfte ich erleben, dass Religion kein Grund für Trennung, sondern ein Grund für gemeinsames Miteinander sein kann. 

In vielen Städten und Gemeinden leben Christen und Muslime friedlich zusammen – was ich aus Deutschland auf diese Art und Weise nicht gekannt hatte. 

Für mich ist Kosovo in dieser Hinsicht ein Vorbild, von dem wir im reichen Westen noch sehr viel lernen können. ___

posted image

2015-06-03 22:05:15 (0 comments, 0 reshares, 18 +1s)Open 

Nachdem wir mit dem Jeep über steinige Wegen vor dem Haus dieser Familie geparkt und ausgestiegen waren, wurden wir hereingebeten und zogen zuerst die Schuhe aus.

Im Wohnzimmer zeigte uns die Mutter ihr Kind, das sich vor drei Wochen eine Verbrennung am Fuß zugezogen hatte. Heiße Milch. Ein Besuch beim Arzt kam für die Familie nicht in Frage, denn dafür ist bei armen Menschen kein Geld übrig.

Wie immer fragten wir, ob die Familie einverstanden ist, fotografiert zu werden. Während ich meine Kamera auspackte, bemerkte ich, dass meine Füße nass waren. Das Haus nässte als durch - was ich später auch am Schimmelbefall der Wände feststellte.

Ich lief einwenig um das Haus herum und fand auf der Hinterseite einen Platz, der mit Müll beladen war. Meine Begleiterin Sara erklärte mir, dass dies die Arbeit des Vaters war: Sammeln von Müll, sortieren, und dann wiederverkaufen.
more »

Nachdem wir mit dem Jeep über steinige Wegen vor dem Haus dieser Familie geparkt und ausgestiegen waren, wurden wir hereingebeten und zogen zuerst die Schuhe aus.

Im Wohnzimmer zeigte uns die Mutter ihr Kind, das sich vor drei Wochen eine Verbrennung am Fuß zugezogen hatte. Heiße Milch. Ein Besuch beim Arzt kam für die Familie nicht in Frage, denn dafür ist bei armen Menschen kein Geld übrig.

Wie immer fragten wir, ob die Familie einverstanden ist, fotografiert zu werden. Während ich meine Kamera auspackte, bemerkte ich, dass meine Füße nass waren. Das Haus nässte als durch - was ich später auch am Schimmelbefall der Wände feststellte.

Ich lief einwenig um das Haus herum und fand auf der Hinterseite einen Platz, der mit Müll beladen war. Meine Begleiterin Sara erklärte mir, dass dies die Arbeit des Vaters war: Sammeln von Müll, sortieren, und dann wieder verkaufen.

Ich machte einige Fotos und schüttelte innerlich mit dem Kopf. Wie konnte das sein, dass Menschen von den Abfällen der Gesellschaft förmlich leben mussten?

Es stellte sich in Gesprächen mit dem Vater der Familie heraus, dass der zwölfjährige Sohn zwar zur Schule ging, aber dort, aufgrund seiner Roma-Zugehörigkeit immer wieder diskrimiert wurde. Für den Sohn war klar, dass der Schulbesuch zwecklos ist, da er danach ohnehin keine Chance auf eine „richtige“ Arbeit hätte und wie der Vater vom Müllsortieren leben würde.

Desweiteren machte uns der Vater auf eine Schwellung am Hals des Sohnes aufmerksam, die ihm seit 6 Monaten das Atmen erschwerte - und er nachts (zur Beunruhigung der Familie) streckenweise aufhörte, zu atmen. Ein normaler Kontrollbesuch im Krankenhaus wäre jedoch mit 30 € außerhalb des Möglichen der Familie.

In der prallen Sonne stand ich vor dem Haus dieser Familie, die jeden Tag förmlich mit dem Überleben kämpfte. Immer, wenn ich die Kamera hob, um ein neues Foto zu machen, fühlte ich überhaupt nichts und konnte den traurigen Anblick gar nicht nicht an mich heranlassen.

Wieder funktionierte ich nur. Wieder arbeitete ich, so gut ich konnte, um den Ort und diese Menschen so zu dokumentieren, wie ich ihn vorfand. Ich war da, und das war das Wichtigste.  

Erst als wir uns verabschiedet hatten und im Jeep saßen, fühlte ich die Bedrückung und das Schwere. Auf der Fahrt sprachen wir noch lange über die Verhältnisse und den Umgang der Familie mit ihrer Armut. Ich musste das einsortieren und verarbeiten. Wirken lassen.

Liebe Familie, die vom Müllsortieren lebt. Ich werde Euch in Erinnerung behalten. Möget ihr Kraft und Mut haben, Eure Armut auszuhalten und gleichzeitig weiter dafür zu kämpfen, ein besseres Leben zu erlangen. Friede mit Euch. Mit Dir, lieber Vater, liebe Mutter und Großmutter. Und Friede mit Euch Kindern.___

posted image

2015-06-02 14:31:37 (0 comments, 0 reshares, 12 +1s)Open 

Kosovarische Idylle 

In starkem Kontrast zur Armut des Landes habe ich die wahnsinnig schöne Landschaft erlebt. 

Als ehemaliger Naturfotograf habe ich mich dort sofort an meine alten Fotos erinnert gefühlt - und mich nach ein paar Tagen komplett in die Berge verliebt (die ich nun sehr vermisse).

In den nächsten Tagen/Wochen werde ich immer wieder zwischen den Berichten über Familien ein, zwei Landschaftsfotos einwerfen. 

Denn auch das gehört zu Kosovo. 

Kosovarische Idylle 

In starkem Kontrast zur Armut des Landes habe ich die wahnsinnig schöne Landschaft erlebt. 

Als ehemaliger Naturfotograf habe ich mich dort sofort an meine alten Fotos erinnert gefühlt - und mich nach ein paar Tagen komplett in die Berge verliebt (die ich nun sehr vermisse).

In den nächsten Tagen/Wochen werde ich immer wieder zwischen den Berichten über Familien ein, zwei Landschaftsfotos einwerfen. 

Denn auch das gehört zu Kosovo. ___

posted image

2015-06-01 08:16:55 (0 comments, 1 reshares, 13 +1s)Open 

Diese Familie, die wir besuchten, gehört zur Ethnie der Roma. Da die älteste Tochter unter schweren Depressionen und Panik litt (und immer noch leidet), verkaufte die Familie das Haus, um eine Flucht nach Österreich zu finanzieren.

Dort angekommen, lebten sie sechs Monate in einem Flüchtlingsheim, wurden dann aber mit einem Bus zurückgeschickt oder auch: Abgeschoben.

Zuhause angekommen, bekam die Familie von der Kommune zwar das Haus zurück, doch nun war es leer. Keine Möbel mehr und die Türen kaputt. Als der Vater zum Sozialbüro ging, um Hilfe zu erbitten, wurde ihm gesagt, dass dies nach einer Flucht nicht mehr möglich sei.

Als wir das Haus betraten, erschrak ich, denn die Zustände dort waren sichtlich katastrophal. Ein paar Essensreste lagen in einer Ecke: Das, was von der Versorgung der Caritas von vor einem Monat übrig war. Weil die Toilette nicht mehrfunktionier... more »

Diese Familie, die wir besuchten, gehört zur Ethnie der Roma. Da die älteste Tochter unter schweren Depressionen und Panik litt (und immer noch leidet), verkaufte die Familie das Haus, um eine Flucht nach Österreich zu finanzieren.

Dort angekommen, lebten sie sechs Monate in einem Flüchtlingsheim, wurden dann aber mit einem Bus zurückgeschickt oder auch: Abgeschoben.

Zuhause angekommen, bekam die Familie von der Kommune zwar das Haus zurück, doch nun war es leer. Keine Möbel mehr und die Türen kaputt. Als der Vater zum Sozialbüro ging, um Hilfe zu erbitten, wurde ihm gesagt, dass dies nach einer Flucht nicht mehr möglich sei.

Als wir das Haus betraten, erschrak ich, denn die Zustände dort waren sichtlich katastrophal. Ein paar Essensreste lagen in einer Ecke: Das, was von der Versorgung der Caritas von vor einem Monat übrig war. Weil die Toilette nicht mehr funktionierte, mussten alle dafür in die Natur.

Diese Familie lebte nun seit einem Monat in diesem fatalen Zustand und uns wurde klar: Vor dem Wintereinbruch muss hier dringend etwas passieren. Der Winter verändert in Kosovo alles - und kann lebensgefährlich werden. Ohne Heizung, ohne warmes Wasser, ohne Decken und warme Kleidung kann das sehr schnell lebensgefährlich werden.

Meine Begleiter von der Caritas machten sich Notizen, sprachen mit der Familie, gaben ihr ein Carepaket (mit Nahrungsmitteln), und machten dem Vater Mut, wieder den Kontakt mit den Behörden aufzunehmen, um weiterzukämpfen.

Ich selbst fotografierte und versuchte, per Handzeichen und Mimik ein bisschen mit den Kindern, die sehr schüchtern waren, zu kommunizieren. Kurz: Ich funkionierte einfach und versuchte, nicht darüber nachzudenken, zu drückend und traurig war das alles.

Im Nachhinein wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, was passiert, wenn wir reichen Länder in Europa Menschen zurückschicken. Sie haben doch alles bis auf den letzten Euro investiert, um zu uns zu kommen.

Wenn sie dann abgeschoben werden, sind die Lebensbedingungen ja nicht besser. Im Gegenteil: Es ist schlimmer, als je zuvor. Mit einer Abschiebung machen wir uns am Leid dieser Menschen mitschuldig.

Liebe Roma-Familie, ich wünsche Euch ein Leben, das lebenswert ist. Ich hoffe, dass sich Eure Situation vor dem Wintereinbruch bessern und Eure Tochter von den Depressionen geheilt werden kann. Bleibt und werdet stark. Friede mit Euch. Friede.___

posted image

2015-05-30 14:40:34 (0 comments, 1 reshares, 13 +1s)Open 

Heute beginne ich mit der Fotoberichterstattung über meine Zeit in Kosovo.

Und zuallererst zeige ich Euch keine Gesichter, denn die erste Familie, die ich in Begleitung von Caritas-Mitarbeitern besuchen wollte, war gar nicht da, als wir dort, abseits Istog, nach einer kurzen Fahrt durch den Wald eintrafen.

Was hier zu sehen ist, werden wohl die wenigsten vermuten. In diesem kleinen Holzverschlag lebte eine Familie mit sechs (!) Kindern. Im rechten Raum die Familie, im linken hielten sie sich eine Kuh.

Die Caritas baute der Familie direkt daneben ein Haus (zweites Bild). Doch weil die Familie keine Arbeit fand und somit kein Geld für sich hatte, floh sie nach Deutschland.

Wer in Kosovo keine Arbeit hat, kann nicht überleben, denn alles (auch ein Besuch beim Arzt) muss selbst bezahlt werden. Und wer dann auch noch 6 Kinder hat, die ernährt werden wollen, ist inein... more »

Heute beginne ich mit der Fotoberichterstattung über meine Zeit in Kosovo.

Und zuallererst zeige ich Euch keine Gesichter, denn die erste Familie, die ich in Begleitung von Caritas-Mitarbeitern besuchen wollte, war gar nicht da, als wir dort, abseits Istog, nach einer kurzen Fahrt durch den Wald eintrafen.

Was hier zu sehen ist, werden wohl die wenigsten vermuten. In diesem kleinen Holzverschlag lebte eine Familie mit sechs (!) Kindern. Im rechten Raum die Familie, im linken hielten sie sich eine Kuh.

Die Caritas baute der Familie direkt daneben ein Haus (zweites Bild). Doch weil die Familie keine Arbeit fand und somit kein Geld für sich hatte, floh sie nach Deutschland.

Wer in Kosovo keine Arbeit hat, kann nicht überleben, denn alles (auch ein Besuch beim Arzt) muss selbst bezahlt werden. Und wer dann auch noch 6 Kinder hat, die ernährt werden wollen, ist in einer doppelt prekären Lage.

Während wir also dort eintrafen, waren diese acht Menschen unterwegs, in der Hoffnung auf ein besseres Leben - und sie würden sicher bald wieder zurück sein, weil aus Kosovo in Deutschland keine Flüchtlinge aufgenommen werden.

Vor Ort fehlten mir beim Anblick der Hütte und des leerstehenden Hauses die Worte. Ich fotografierte einfach und lies mich auf das ein, was ich sah. Da stand ich nun, aus Deutschland nach Kosovo gereist und fand niemanden vor, weil die Menschen aus Kosovo nach Deutschland gereist waren.

Wir hatten sozusagen die Plätze getauscht. Mit einem großen Unterschied: Wenn ich wieder von meiner Reise nach Hause käme, würde ich dort ein gemachtes Bett, Essen und alles vorfinden, was ich zum leben brauche. Ganz im Gegenteil dieser Familie, die zu 99% in Deutschland keine Bleibe finden wird.

Liebe Familie aus Istog, sei behütet, wo auch immer ihr seid. Ich wünsche Euch viel Kraft auf Eurem Weg. Kraft, mit der Situation umzugehen und Kraft, auszuhalten, von Deutschland wieder abgeschoben zu werden. Sei stark, liebe Familie, sei stark.___

posted image

2015-05-27 19:47:50 (0 comments, 2 reshares, 30 +1s)Open 

Liebe Leute, ich war letzte Woche 8 Tage in Kosovo und habe dort Land und Leute dokumentiert.

Während ich hier jeden Tag meine unzähligen Fotos durchsehe und bearbeite. werfe ich Euch einfach mal einen kleinen Schnappschuss von irgendwo unterwegs im schönen Kosovo zu.

Dieses Foto kann ein kleiner Vorgeschmack sein, auf das, was noch kommen wird. Und übrigens: Es ist keine Seltenheit, dass in Kosovo einzelne Menschen am Straßenrand warten oder gar auf der Straße laufen. 

Bald mehr. ;) 

Liebe Leute, ich war letzte Woche 8 Tage in Kosovo und habe dort Land und Leute dokumentiert.

Während ich hier jeden Tag meine unzähligen Fotos durchsehe und bearbeite. werfe ich Euch einfach mal einen kleinen Schnappschuss von irgendwo unterwegs im schönen Kosovo zu.

Dieses Foto kann ein kleiner Vorgeschmack sein, auf das, was noch kommen wird. Und übrigens: Es ist keine Seltenheit, dass in Kosovo einzelne Menschen am Straßenrand warten oder gar auf der Straße laufen. 

Bald mehr. ;) ___

posted image

2015-05-12 13:31:30 (0 comments, 2 reshares, 31 +1s)Open 

„Ich hoffe auf Freunde, die mich so respektieren, wie ich bin.“

Flok steht lässig am Geländer vor der Kantine des Flüchtlingsheimes und hat in beiden Ohren Kopfhörer, als ich ihn spontan anspreche. Er war mir schon von weitem aufgefallen und antwortet direkt in sauberem Hochdeutsch.

Damit habe ich nicht gerechnet. Doch Flok erklärt mir den Zusammenhang. Im Alter von zwei Monaten kam der in Montenegro geborene mit seinen Eltern nach Deutschland. Sie blieben, bis Flok 10 Jahre alt war.

Eines Tages, so erzählt mir der große Mann mit kugelförmigen, schwarzen Augen, meinten seine Eltern, dass sie in den Urlaub fahren würden. Der „Urlaub“ entpuppte sich für Flok als etwas ganz anderes, denn die Familie wurde nach Prishtina abgeschoben.

Als er mit seinen Eltern dort ankam, war „alles Staub und Asche vom Krieg“. Auch dort konnte die Familie nichtbleiben und zog wiede... more »

„Ich hoffe auf Freunde, die mich so respektieren, wie ich bin.“

Flok steht lässig am Geländer vor der Kantine des Flüchtlingsheimes und hat in beiden Ohren Kopfhörer, als ich ihn spontan anspreche. Er war mir schon von weitem aufgefallen und antwortet direkt in sauberem Hochdeutsch.

Damit habe ich nicht gerechnet. Doch Flok erklärt mir den Zusammenhang. Im Alter von zwei Monaten kam der in Montenegro geborene mit seinen Eltern nach Deutschland. Sie blieben, bis Flok 10 Jahre alt war.

Eines Tages, so erzählt mir der große Mann mit kugelförmigen, schwarzen Augen, meinten seine Eltern, dass sie in den Urlaub fahren würden. Der „Urlaub“ entpuppte sich für Flok als etwas ganz anderes, denn die Familie wurde nach Prishtina abgeschoben.

Als er mit seinen Eltern dort ankam, war „alles Staub und Asche vom Krieg“. Auch dort konnte die Familie nicht bleiben und zog wieder nach Montenegro, lebte dort in widrigen Verhältnissen in einer Baracke.

Nun ist er 23 Jahre alt und seit Januar wieder „hier“. Diesmal ohne Eltern, sondern ganz alleine. Während ich schnell in mein iPhone tippe, erklärt Flok, er hoffe auf eine Chance in Deutschland . Auf Freunde. Die ihn „so respektieren, wie ich bin.“

Im Flüchtlingsheim teilt sich Flok ein Zimmer mit 4–6 Personen und wartet auf das, was kommen mag. Doch er weiß nicht einmal, ob er überhaupt in Deutschland bleiben darf. Wie er diese erneute Ungewissheit aushält, ist mir ein Rätsel.

Herzlich willkommen in Deutschland, Flok! Ich wünsche Dir so sehr, dass Du hier eine neue Bleibe finden kannst und nicht noch einmal fliehen musst. Mögest Du Freunde finden, die Dich so respektieren, wie Du bist. Friede mit Dir!___

posted image

2015-05-09 14:28:02 (0 comments, 0 reshares, 30 +1s)Open 

Nachdem ich diese Woche mit Migräne vier Tage im Bett verbracht habe, kann ich es kaum erwarten, endlich wieder ins Flüchtlingsheim zu radeln und so treffe ich heute Morgen um 11 Uhr in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge ein.

Karlsruhe ist heute von einer düsteren Wolkendecke umgeben und es fühlt sich so an, als ob es jeden Moment losregnen könnte. So schlendere ich mit meiner Kameratasche über das Gelände des Gebäudekomplexes, in der Hoffnung, nicht gleich nass zu werden und jemanden kennenzulernen.

Kinder ziehen an mir vorbei, manche grüßen schon von weitem mit Akzent: „Hallo wie gehts?“. Die meisten Leute laufen zur Kantine, um für sich und ihre Zimmergenossen ein Mittagessen abzuholen und kehren mit zwei vollen Plastiktellern heißer Suppe zurück.

Heute bin ich etwas unentschlossener als sonst. Ich weiß nicht recht, wen ich ansprechen sollund bin in Gedanken... more »

Nachdem ich diese Woche mit Migräne vier Tage im Bett verbracht habe, kann ich es kaum erwarten, endlich wieder ins Flüchtlingsheim zu radeln und so treffe ich heute Morgen um 11 Uhr in der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge ein.

Karlsruhe ist heute von einer düsteren Wolkendecke umgeben und es fühlt sich so an, als ob es jeden Moment losregnen könnte. So schlendere ich mit meiner Kameratasche über das Gelände des Gebäudekomplexes, in der Hoffnung, nicht gleich nass zu werden und jemanden kennenzulernen.

Kinder ziehen an mir vorbei, manche grüßen schon von weitem mit Akzent: „Hallo wie gehts?“. Die meisten Leute laufen zur Kantine, um für sich und ihre Zimmergenossen ein Mittagessen abzuholen und kehren mit zwei vollen Plastiktellern heißer Suppe zurück.

Heute bin ich etwas unentschlossener als sonst. Ich weiß nicht recht, wen ich ansprechen soll und bin in Gedanken bei Alban, den ich - wäre er noch da – jetzt besucht hätte. Doch er fehlt, weil er zurück nach Kosovo abgeschoben wurde und mir schlägt das jetzt ganz besonders auf die Magen.

Nachdem ich mit zwei Menschen aus Montenegro ein angergendes Gespräch hatte und Richtung Ausgang laufe, fällt mir ein junger Mann auf, der am Rande in sich zusammengekauert sitzt. Ich gebe mir einen Ruck, setze mich neben ihn, spreche ihn an und ein weiterer Mann setzt sich neben ihn und lauscht unserer Konversation.

Hussein und freut sich offenbar, dass er nun nicht mehr alleine sitzt. Vor drei Tagen ist er in Karlsruhe angekommen und – so scheint es – denkt viel über die vergangenen Wochen nach.

Zuhause in Afghanistan hat er nicht viel Freude gehabt. Er erzählt, dass sein Vater tot ist und seine Mutter noch in Kabul sei, aber bei einem Onkel wohnt. Eines Tages möchte er sie auch nach Deutschland holen.

Hussein floh, weil er in Afghanistan unter dem Terror der Taliban sehr litt. Er ist Christ, und das bedeutete Zuhause ständig, unter Lebensgefahr zu sein. Für ihn sind islamische Terroristen keine Muslime. Es sind Terroristen.

Mittem im Gespräch kommen zwei Leute vom Sicherheitsunternehmen zu unserem Gespräch und fragen interessiert, warum ich hier fotografiere. Nachdem ich erklärt habe, wer ich bin und die zwei kurz telefonierten, ist alles geklärt und ich bekomme grünes Licht.

So unterhalte ich mich noch einwenig und scheinbar vergesse ich die Zeit, denn als ich mich umdrehe, ist Hussein schon weg. Wahrscheinlich hat auch er Hunger bekommen und ist in die Kantine gegangen.

Hussein, Friede mit Dir. Ich wünsche Dir, dass Du in Deutschland ein neues Zuhause finden wirst und Dir die Umstellung gelingt. Ich hoffe, dass Du immer Menschen an Deiner Seite haben wirst, die Dich und Deine Erfahrungen verstehen können. Es ist gut, dass Du hier bist.___

posted image

2015-05-08 15:42:34 (0 comments, 2 reshares, 35 +1s)Open 

Fazal stellt sich vor mir hin wie ein Fußballspieler. Seine Körperhaltung ist aufrecht und würdevoll. Kein Schimmer von Angst oder Unsicherheit, sondern Kraft und Entschlossenheit. 

Ich erinnere mich sehr gut. Fazal war einer der ersten Flüchtlinge, die ich Ende Dezember des letzten Jahres traf. Ich war noch so unorganisiert, dass ich mir nur Namen, Alter und Herkunftsland notierte – und so kommt es dazu, dass ich heute nur noch diese Fotografie und meine Erinnerungen an die Begegnung habe.

Doch bevor ich die in meinem Gedächtnis festgehaltenen Bilder vergesse, möchte ich Dir Fazal vorstellen. Sein Alter war im Dezember 25 und er stammt wie die kleine Nadia aus Togo.

Heute weiß ich nicht mehr, warum er zu uns nach Deutschland kam. Ich weiß auch nicht, wo er untergekommen ist und wie es ihm gerade geht. Ob er Kummer oder Grund zur Freude hat. Wie gerne würde iches wissen. ... more »

Fazal stellt sich vor mir hin wie ein Fußballspieler. Seine Körperhaltung ist aufrecht und würdevoll. Kein Schimmer von Angst oder Unsicherheit, sondern Kraft und Entschlossenheit. 

Ich erinnere mich sehr gut. Fazal war einer der ersten Flüchtlinge, die ich Ende Dezember des letzten Jahres traf. Ich war noch so unorganisiert, dass ich mir nur Namen, Alter und Herkunftsland notierte – und so kommt es dazu, dass ich heute nur noch diese Fotografie und meine Erinnerungen an die Begegnung habe.

Doch bevor ich die in meinem Gedächtnis festgehaltenen Bilder vergesse, möchte ich Dir Fazal vorstellen. Sein Alter war im Dezember 25 und er stammt wie die kleine Nadia aus Togo.

Heute weiß ich nicht mehr, warum er zu uns nach Deutschland kam. Ich weiß auch nicht, wo er untergekommen ist und wie es ihm gerade geht. Ob er Kummer oder Grund zur Freude hat. Wie gerne würde ich es wissen. Doch ich habe ihn nie wieder getroffen.

Was ich aber weiß ist, dass Fazal mir gegenüber so ganz selbstbewusst und sicher auftrat. Dass Fazal wenige Worte verlor und sofort bereit war, sich von mir fotografieren zu lassen. Dass er den direkten Augenkontakt nicht gemieden hat und ohne Umschweife zu dem stand, wer er zu diesem Zeitpunkt war:

Ein Flüchtling.

Und dieses Wort hat sich in den letzten fünf Monaten in meinem Kopf und Herzen ganz neu geformt und ist für mich kein Fremdwort mehr. Wenn Du heute mit mir über Flüchtlinge sprichst, dann kann ich nicht mehr nur an Zahlen und Statistiken denken.

Dann denke ich an Menschen mit einer Lebensgeschichte, die mich zutiefst berührt und traurig macht. Ich denke an Menschen, die sind wie Du und ich. Nein, nicht im Sinne der Konformität, sondern im Sinne ihrer Verletzlichkeit, ihrer Gefühle und Humanität.

Ich denke auch an Fazal. Der so ganz klar und würdevoll vor mir stand – und gerade deshalb ein gegenüber war, das mich nicht verunsicherte oder mir gar (wie von Pegida und anderen Gruppierungen immer wieder gepredigt) Angst machte.

Nein. Im Gegenteil. Jemand, der zu sich stehen kann, macht mir keine Angst. Niemals. So jemand gibt auch mir ein Gefühl von Sicherheit. Von Klarheit und Offenheit. 

Ach Fazal. Wir haben uns nur kurz getroffen und doch war es jede Sekunde wert. Mögest Du sicher in Deutschland sein, mögen wir Dir die besten Freunde sein, mögest Du hier eine wunderbare Zukunft haben. Das wünsche ich Dir von Herzen. Friede und Mut mit Dir.___

posted image

2015-04-27 10:59:13 (0 comments, 2 reshares, 28 +1s)Open 

Heute Morgen treffe ich im Flüchtlingsheim diesen Mann mit dem Namen Ibrahim. Er steht lässig am Geländer und hört ein bisschen Musik. Ich gehe spontan auf ihn zu, denn er wirkt – obwohl er leicht in sich gekehrt ist – sympathisch.

Ibrahim trägt heute eine Sonnenbrille, weil er in der Nacht nicht schlafen konnte. Er habe sich viele Gedanken gemacht – und das höre ich von vielen Flüchtlingen. So frage ich nicht weiter nach und lenke das Thema auf seine Heimat.

Zuhause in Constantine, einer Großstadt in Algerien, arbeitete Ibrahim bei der Polizei, als sein Freund, der auch als Polizist arbeitete getötet wurde. Ibrahim macht ein symbolisches Zeichen, das zeigt, wie man jemandem den Hals durchschneidet.

Was das wohl mit einem Menschen macht, wenn er mitbekommt, dass sein (vielleicht bester) Freund getötet wird? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, dass auch ichnicht schlafen kö... more »

Heute Morgen treffe ich im Flüchtlingsheim diesen Mann mit dem Namen Ibrahim. Er steht lässig am Geländer und hört ein bisschen Musik. Ich gehe spontan auf ihn zu, denn er wirkt – obwohl er leicht in sich gekehrt ist – sympathisch.

Ibrahim trägt heute eine Sonnenbrille, weil er in der Nacht nicht schlafen konnte. Er habe sich viele Gedanken gemacht – und das höre ich von vielen Flüchtlingen. So frage ich nicht weiter nach und lenke das Thema auf seine Heimat.

Zuhause in Constantine, einer Großstadt in Algerien, arbeitete Ibrahim bei der Polizei, als sein Freund, der auch als Polizist arbeitete getötet wurde. Ibrahim macht ein symbolisches Zeichen, das zeigt, wie man jemandem den Hals durchschneidet.

Was das wohl mit einem Menschen macht, wenn er mitbekommt, dass sein (vielleicht bester) Freund getötet wird? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, dass auch ich nicht schlafen könnte. Dass ich mir Gedanken machen würde, vielleicht sogar Schuldgefühle hätte. Ich möchte nicht mit Ibrahim tauschen.

Der Mord an seinem Freund war auch der Grund für seine Flucht nach Deutschland, die er unter anderem mit einem Boot bewältigte. Ibrahim ist einer der Glücklichen, die es geschafft haben und erklärt mir, dass er für die ganze Reise aus seiner Heimat ca. 22 Tage gebraucht habe.

Ibrahim glaubt an Gott, er ist Muslim. Ich erzähle ihm, dass ich Christ bin und er lächelt. Wir sind beide der Meinung, dass der Islam und das Christentum viele Gemeinsamkeiten teilen.

Auf die Frage, ob er häufig bete, zeigt er auf die Gegend des Herzens und erklärt mir: „My God is in my heart“. Ich verabschiede mich mit einem Handschlag und sage ihm, dass ich finde, dass er „ein guter Mann“ sei. Und das glaube ich auch.

Ibrahim, willkommen in Deutschland. Ich bin froh, Dich heute kennengelernt zu haben und wünsche Dir, dass Du niemals die Hoffnung verlieren wirst. Mögest Du Ruhe finden und schlafen können. Mögest Du all das verarbeiten, was Du erlebt hast. Mögest Du Hilfe und Freunde finden – hier in unserer Gesellschaft. Friede mit Dir.___

posted image

2015-04-23 15:32:59 (0 comments, 1 reshares, 34 +1s)Open 

Emiliano heißt dieser Mensch, den ich an einem sonnigen Tag im Flüchtlingsheim treffe. Er ist groß, schlank und hat ein markantes Gesicht.

Auf meine Ansprache reagiert er schüchtern und still, hat aber kein Problem damit, sich von mir fotografieren zu lassen.

Leider versteht Emiliano keines meiner Worte und so übersetzt ein weiterer Flüchtling auf Englisch, damit ich mich mit ihm unterhalten kann.

Ich erfahre, dass der junge Mann seine Heimat Albanien in der Hoffnung verließ, hier ein lebenswürdiges Leben zu erlangen. Die Flucht bewältigte er im Bus – gemeinsam mit seiner Mutter.

Mit wenigen Worten umschreibt er den Grund seiner Flucht: „Keine Arbeit“. Aus Berichten von Flüchtlingen aus Balkanstaaten weiß ich, dass Arbeitslosigkeit direkt zur Bedrohung des eigenen Lebens wird.

In diesen Momenten erinnere ich mich an die zynischen Wortevieler CDU/CSU-P... more »

Emiliano heißt dieser Mensch, den ich an einem sonnigen Tag im Flüchtlingsheim treffe. Er ist groß, schlank und hat ein markantes Gesicht.

Auf meine Ansprache reagiert er schüchtern und still, hat aber kein Problem damit, sich von mir fotografieren zu lassen.

Leider versteht Emiliano keines meiner Worte und so übersetzt ein weiterer Flüchtling auf Englisch, damit ich mich mit ihm unterhalten kann.

Ich erfahre, dass der junge Mann seine Heimat Albanien in der Hoffnung verließ, hier ein lebenswürdiges Leben zu erlangen. Die Flucht bewältigte er im Bus – gemeinsam mit seiner Mutter.

Mit wenigen Worten umschreibt er den Grund seiner Flucht: „Keine Arbeit“. Aus Berichten von Flüchtlingen aus Balkanstaaten weiß ich, dass Arbeitslosigkeit direkt zur Bedrohung des eigenen Lebens wird.

In diesen Momenten erinnere ich mich an die zynischen Worte vieler CDU/CSU-Politiker, die Menschen wie Emiliano als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen. Ich erinnere mich daran, dass Menschen wie er in Deutschland selten oder gar nicht aufgenommen werden.

Ich schau diesem Mann in die Augen und frage ihn, wie es für ihn hier ist. „Not okay“. Wenige Flüchtlinge reagieren so, wie er, denn wenige haben den Mut, offen zuzugeben, wie es ihnen geht. An dieser Stelle frage ich nicht weiter nach, denn ich möchte ihn nicht in Bedrängnis bringen.

Die Umstände in Flüchtlingsheimen sind schlimm genug, das weiß ich. Denn ich habe es gesehen. Viel zu kleine Zimmer, in denen Flüchtlinge zu acht leben müssen. Das Warten auf die Abschiebung, die minimale Hoffnung, doch aufgenommen werden und ein klares Verbot, zu arbeiten machen depressiv, traurig und frustriert.

Ich packe meine Kamera ein und verabschiede mich. Es war ein kurzes Gespräch, doch es war ein wichtiges.

Friede mit Dir, Emiliano. Sei herzlich willkommen in Deutschland, wenn auch Dein Aufenthalt wahrscheinlich nur kurz sein wird. Ich wünsche Dir und Deiner Mutter das Beste. ___

posted image

2015-04-17 11:43:00 (0 comments, 0 reshares, 29 +1s)Open 

„Ich habe zu Vater gesagt: Ich möchte gehen.“

Das ist Elmi, ein kosovarischer Flüchtling. Ich treffe ihn in einem Zimmer, das er sich mit 3 anderen Flüchtlingen (u. A. Alban) teilt. 

Ich betrete das Zimmer und Elmi liegt in seinem Bett, scheinbar ist er gerade aufgewacht. Nachdem wir vereinbart haben, dass ich seine Geschichte erzählen und ihn fotografieren darf, setzt er sich an den Rand seines Bettes. 

Elmi hat einen athletischen Körper, ein feines Gesicht und tiefblaue Augen. Seine Arme sind durchzogen mit deutlichen erkennbaren Adern. 

Aus der kosovarischen Stadt Suharek stamme er, erzählt Elmi auf Deutsch und Englisch. Die Situation dort wäre unerträglich. Er habe weder Geld noch Arbeit besessen, die Korruption des Landes sei nicht zu übersehen. 

Eines Tages habe er es nicht mehr ausgehalten, beschreibt er mit tiefer,melancholischer ... more »

„Ich habe zu Vater gesagt: Ich möchte gehen.“

Das ist Elmi, ein kosovarischer Flüchtling. Ich treffe ihn in einem Zimmer, das er sich mit 3 anderen Flüchtlingen (u. A. Alban) teilt. 

Ich betrete das Zimmer und Elmi liegt in seinem Bett, scheinbar ist er gerade aufgewacht. Nachdem wir vereinbart haben, dass ich seine Geschichte erzählen und ihn fotografieren darf, setzt er sich an den Rand seines Bettes. 

Elmi hat einen athletischen Körper, ein feines Gesicht und tiefblaue Augen. Seine Arme sind durchzogen mit deutlichen erkennbaren Adern. 

Aus der kosovarischen Stadt Suharek stamme er, erzählt Elmi auf Deutsch und Englisch. Die Situation dort wäre unerträglich. Er habe weder Geld noch Arbeit besessen, die Korruption des Landes sei nicht zu übersehen. 

Eines Tages habe er es nicht mehr ausgehalten, beschreibt er mit tiefer, melancholischer Stimme. „Ich habe zu Vater gesagt: Ich möchte gehen.“ So zog der schöne Junge los. Und wusste nicht, dass er in Deutschland keine Chance haben werde.

Die Flucht bewältigte er mit Bussen, Taxen, Zug und zu Fuß. Unterwegs gab es Stress mit zwei anderen Flüchtlingen und Elmi hatte immer wieder nichts zu essen. 950 Euro habe er dafür bezahlt. „Alles.“ 

Nun ist Elmi seit einem Monat in Deutschland und weiß, dass er wieder zurück muss. Er hat keine Angst vor der Abschiebung, doch er verdrängt es auch nicht. Wenn er bleiben dürfe, würde er natürlich bleiben, aber das ist nicht realistisch. Das weiß er - und das weiß auch ich. 

Unter anderem erzählt er mir, dass er den christlichen Glauben gut findet. Als Muslim fühlt es sich sehr unwohl, weil so viel Terror im Namen seiner Religion ausgeübt werde. 

Wir sprechen noch eine ganze Weile über die Gemeinsamkeiten des jüdischen, muslimischen und christlichen Glauben – und ich fühle mich auf diese Weise mit ihm verbunden. 

Elmi, Du starker Kosovare, herzlich willkommen in Deutschland. Wenn auch Deine Verweildauer hier nur kurz sein wird, wünsche ich Dir, dass Du nicht umsonst hierher gekommen bist. Bleibe stark und Friede sei mit Dir und Deiner Familie. ___

posted image

2015-04-16 10:35:06 (0 comments, 5 reshares, 36 +1s)Open 

„How can you put 400 people on a boat that was made for 100?“

Es ist Samstag und der Frühling lässt mich mit breitem Lächeln zum Flüchtlingsheim radeln. Ich genieße die Sonne und bin gespannt, wen ich heute treffen werde.

Von weitem sehe ich einen Mann mit Narbe im Gesicht, der lässig am Geländer angelehnt in sein Handy schaut. Ich spreche ihn an und nach kurzem Zögern öffnet sich mir ein Mensch, der an dieser Stelle nicht mit Namen genannt werden möchte.

Er stammt aus der gambischen Hauptstadt Banjul, hat leicht gerötete Augen und musste aus religiösen Gründen das Land verlassen – auch hier möchte er, dass ich meinen Lesern keine Details preisgebe. Das respektiere ich natürlich.

Je länger ich diesem Mann zuhöre, desto mehr vertraut er mir an. Scheinbar wurde er des Öfteren in seinem Leben enttäuscht und ist deshalb aus Eigenschutz einbisschen distanziert. Ic... more »

„How can you put 400 people on a boat that was made for 100?“

Es ist Samstag und der Frühling lässt mich mit breitem Lächeln zum Flüchtlingsheim radeln. Ich genieße die Sonne und bin gespannt, wen ich heute treffen werde.

Von weitem sehe ich einen Mann mit Narbe im Gesicht, der lässig am Geländer angelehnt in sein Handy schaut. Ich spreche ihn an und nach kurzem Zögern öffnet sich mir ein Mensch, der an dieser Stelle nicht mit Namen genannt werden möchte.

Er stammt aus der gambischen Hauptstadt Banjul, hat leicht gerötete Augen und musste aus religiösen Gründen das Land verlassen – auch hier möchte er, dass ich meinen Lesern keine Details preisgebe. Das respektiere ich natürlich.

Je länger ich diesem Mann zuhöre, desto mehr vertraut er mir an. Scheinbar wurde er des Öfteren in seinem Leben enttäuscht und ist deshalb aus Eigenschutz ein bisschen distanziert. Ich wäre es an seiner Stelle auch.

Nach ein bisschen Smalltalk spricht dieser Mann über seine Flucht von Libyen nach Italien. Mit dem Boot. Sie wären 400 gewesen. Familien. Kinder. Und Babies.

Mit klarer Stimme berichtet mir der Gambier, dass auf dem Boot fast kein Platz für ihn war und die Flüchtlinge übereinandergestapelt werden mussten. Der große Gambier lag ganz unten und konnte sich die ganze Fahrt über kaum bewegen. Und bekam stellenweise nur wenig Luft zum Atmen. Einen Nacht und einen Tag lang.

Doch dann hätten die Flüchtlinge, die weiter oben waren, Rettungswachen gesehen und vor Freude jubiliert. In diesem Moment überkam ihn eine unbeschreibliche Freude und Erleichterung - obwohl er sich immer noch bewegen konnte. Alle wurden gerettet. 

Mein Gesprächspartner erzählt, dass Libyen für ihn das schlimmste Land ist. Als Flüchtling müsste man sehr viel Geld für eine Überfahrt bezahlen – und das Risiko, unterwegs zu sterben, wäre sehr groß.

„How can you put 400 people on a boat that was made for 100?“ fragt er mich mit großen Augen. Ich kann nur den Kopf schütteln und ihm gratulieren, dass er es geschafft habe.

Erzähle ihm, dass ich darüber nachdenke, mal nach Italien zu fahren und dort das Übersetzen von Flüchtlingen zu fotografieren. Das hört er gerne und meint, die Welt müsse dringend erfahren, wie schlimm die Situation dort unten sei.

Lieber Mensch aus Gambia, wie gut es doch ist, dass Du in Deutschland angekommen bist. Willkommen in unserer Gesellschaft – ich wünsche Dir, dass Du Dich hier niemals erdrückt fühlen wirst. Weder von Deutschen noch von unseren Regeln. Friede und Freiheit mit Dir.___

posted image

2015-04-11 14:25:50 (0 comments, 4 reshares, 65 +1s)Open 

Das ist Walesh. Sie ist 28 Jahre alt und aus Eritrea. Vor zwei Wochen saß sie auf dem Boden und Tränen kullerten über ihre Wangen, als ich mich zu ihr setzte. Sie erzählte mir in wenigen Worten, was sie bedrückte: ihre Eltern fehlten ihr sehr.

Heute Morgen stehe ich im Flüchtlingsheim und schaue in mein Handy, als sie direkt auf mich zuläuft und mich lächelnd begrüßt. Es geht ihr besser. Sie freut sich scheinbar, mich wieder zu sehen - und ich erst.

Sie wirkt ganz anders, offener. Sie strahlt, wenn sie lacht. Ich begleite Walesh zum Mittagessen in der Kantine des Heimes. Heute gibt es eine kleine Suppe im Plastikteller, Brötchen und Götterspeise als Nachtisch aus dem Becher.

Die kleine Frau mit dem lockigen Haar spricht nur ein kleines bisschen deutsch und genau soviel englisch. Ihre Muttersprache ist Tigrinya. Meine Übersetzungs-App kann Tigrinya nicht.
Doch... more »

Das ist Walesh. Sie ist 28 Jahre alt und aus Eritrea. Vor zwei Wochen saß sie auf dem Boden und Tränen kullerten über ihre Wangen, als ich mich zu ihr setzte. Sie erzählte mir in wenigen Worten, was sie bedrückte: ihre Eltern fehlten ihr sehr.

Heute Morgen stehe ich im Flüchtlingsheim und schaue in mein Handy, als sie direkt auf mich zuläuft und mich lächelnd begrüßt. Es geht ihr besser. Sie freut sich scheinbar, mich wieder zu sehen - und ich erst.

Sie wirkt ganz anders, offener. Sie strahlt, wenn sie lacht. Ich begleite Walesh zum Mittagessen in der Kantine des Heimes. Heute gibt es eine kleine Suppe im Plastikteller, Brötchen und Götterspeise als Nachtisch aus dem Becher.

Die kleine Frau mit dem lockigen Haar spricht nur ein kleines bisschen deutsch und genau soviel englisch. Ihre Muttersprache ist Tigrinya. Meine Übersetzungs-App kann Tigrinya nicht.

Doch wir schaffen es, zu kommunizieren. Es dauert alles einwenig länger, aber es geht. Walesh stammt aus Senafe, einer Marktstadt im Süden Eritreas. Mittels Zug und Boot floh sie nach Deutschland, als das Erschießen von Menschen Sie dazu zwang, ihre Eltern zu verlassen.

Nun ist seit 20 Tagen hier und teilt sich mit sieben weiteren Frauen aus Afrika ein kleines Zimmer. „I’m okay“, sagt die junge Frau - und ich glaube es ihr. Die Sprachbarriere verhindert, dass ich weitere Details über ihre jetzige wie damalige Situation erfahre - und für den Moment ist das auch in Ordnung.

Denn ich weiß: Jedes Nachfragen meinerseits nach den Ursachen der Flucht hat das Potential, einen Menschen emotional zurückzuwerfen. Und da es Walesh heute gut geht, möchte ich es auch dabei belassen.

Walesh, es ist gut, dass Du in Deutschland bist. Ich bin froh, Dich ein weiteres Mal getroffen zu haben und wünsche Dir, dass es Dir weiterhin besser geht und Du die Vergangenheit verarbeiten kannst. Bleib stark, Walesh, bleib stark.___

posted image

2015-04-09 08:18:28 (0 comments, 0 reshares, 24 +1s)Open 

Zohir sitzt auf einer Bank im kleinen Park des Flüchtlingsheimes. Nachdem ich mit einem sehr traurigen Flüchtling gesprochen und Zohir von weitem schon bemerkt habe, laufe ich zu ihm hinüber und setze mich neben ihn.

Ich begrüße ihn und bemerke schnell, dass Zohir kein Mensch ist, der viele Worte macht. So stelle ich ihm alle möglichen Fragen, die mir in den Sinn kommen. Nach seiner Heimat, wie es ihm geht und warum er nach Deutschland geflohen ist. 

Der junge Mann, geboren in Mascara, Algerien hatte schwerwiegende familiäre Probleme, die ihn zwangen, seine Heimat zu verlassen. Ein aggressiver Vater sorgte für massive Probleme, sodass er es nicht mehr aushielt. Seine Mutter starb an Herzversagen.

Die Flucht des Algeriers verlief jedoch unglücklich. Er blieb eine Weile hier und da, lebte wochenlang auf der Straße und wurde zwischenzeitlich sogar ins Gefängnisgesteckt. A... more »

Zohir sitzt auf einer Bank im kleinen Park des Flüchtlingsheimes. Nachdem ich mit einem sehr traurigen Flüchtling gesprochen und Zohir von weitem schon bemerkt habe, laufe ich zu ihm hinüber und setze mich neben ihn.

Ich begrüße ihn und bemerke schnell, dass Zohir kein Mensch ist, der viele Worte macht. So stelle ich ihm alle möglichen Fragen, die mir in den Sinn kommen. Nach seiner Heimat, wie es ihm geht und warum er nach Deutschland geflohen ist. 

Der junge Mann, geboren in Mascara, Algerien hatte schwerwiegende familiäre Probleme, die ihn zwangen, seine Heimat zu verlassen. Ein aggressiver Vater sorgte für massive Probleme, sodass er es nicht mehr aushielt. Seine Mutter starb an Herzversagen.

Die Flucht des Algeriers verlief jedoch unglücklich. Er blieb eine Weile hier und da, lebte wochenlang auf der Straße und wurde zwischenzeitlich sogar ins Gefängnis gesteckt. Aus Gründen, die ihm bis heute schleierhaft sind. Zohir müsste mir das gar nicht erzählen, doch der Umstand, dass er es dennoch tut, ist ein Hinweis auf seine Verzweiflung.

Ich schaue mir Zohir genau an. Sein schmales Gesicht hat einige Falten. Wenn er lacht, schmunzelt oder sich nur ein bisschen freut, strahlt der ganze Mann.

Bereitwillig zeigt mir der Algerier sein Zimmer, das er mit einem Mitflüchtling teilt. Dort mache ich ein paar Aufnahmen, während die beiden sich unterhalten.

Zohir hat große Ziele. Er möchte auf eine Schule gehen, will lernen, studieren. Und er verrät mir, dass er niemals aufgebe wird. Er hat Hoffnung. Egal was passiert. 

Und wieder passiert es: Zwischen Zohir und mir entsteht binnen kürzester Zeit etwas, das ich Freundschaft nenne. Ich mag Zohir - und ich habe den Eindruck, dass er auch mich mag. Zwar ist unser „Mögen“ auf sehr kurze Zeit beschränkt und ich weiß nicht, ob ich Zohir noch einmal sehen werde. Doch es ist dieser Umstand, der die Freundschaft umso wichtiger erscheinen lässt.

Nachdem ich ihm und seinem Mitbewohner die Aufnahmen auf dem Kameradisplay gezeigt habe, verabschiede ich mich. Schüttele seine Hand und laufe zur Tür. Drehe mich noch einmal um. Friede mit Dir.

Zohir, sei willkommen in Deutschland. Wie sehr ich Dir doch wünsche, dass Du hier ein neues Zuhause finden wirst. Mögen Dir Menschen begegnen, die Dir Freundin und Freund sind. Du warst es schon jetzt für mich.___

posted image

2015-04-07 15:49:03 (0 comments, 4 reshares, 40 +1s)Open 

Heute Morgen treffe ich im Flüchtlingsheim diesen jungen Mann mit dem Namen Khalid. 

Nach mehreren Anläufen, seinen Vor- und Nachnamen korrekt auszusprechen (wir lachen dabei sehr viel) und ein bisschen Smalltalk kommen wir auf seine Heimat zu sprechen: Mogadischu.

Die Hauptstadt Somalias verließ Khalid schon vor längerer Zeit. Seine Eltern wurden beide erschossen, erzählt er mir. Beide Eltern. Erschossen.

Manchmal fehlt mir in solchen Situationen einfach das richtige Wort, sodass ich nichts weiter dazu sage, außer mein Beileid zu bekunden, das nicht mehr als ein „I’m sorry“ ist.

Ich frage Khalid, wie er es nach Europa geschafft habe. Nach einigen Reisen habe er mit einem Schlauchboot übergesetzt. Mit 140 anderen Flüchtlingen. Sieben von Ihnen wären auf der 7-tätigen Fahrt gestorben.

Schon wieder solch krasse Erlebnisse. Klar, ich„weiß“ von solch... more »

Heute Morgen treffe ich im Flüchtlingsheim diesen jungen Mann mit dem Namen Khalid. 

Nach mehreren Anläufen, seinen Vor- und Nachnamen korrekt auszusprechen (wir lachen dabei sehr viel) und ein bisschen Smalltalk kommen wir auf seine Heimat zu sprechen: Mogadischu.

Die Hauptstadt Somalias verließ Khalid schon vor längerer Zeit. Seine Eltern wurden beide erschossen, erzählt er mir. Beide Eltern. Erschossen.

Manchmal fehlt mir in solchen Situationen einfach das richtige Wort, sodass ich nichts weiter dazu sage, außer mein Beileid zu bekunden, das nicht mehr als ein „I’m sorry“ ist.

Ich frage Khalid, wie er es nach Europa geschafft habe. Nach einigen Reisen habe er mit einem Schlauchboot übergesetzt. Mit 140 anderen Flüchtlingen. Sieben von Ihnen wären auf der 7-tätigen Fahrt gestorben.

Schon wieder solch krasse Erlebnisse. Klar, ich „weiß“ von solch schrecklichen Begebenheiten, mach andere Flüchtlinge haben mir davon berichtet. Jedoch vergesse ich meist diese Vorfälle schnell. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch jetzt wird das alles wieder real. Ich sehe ich vor mir einen Mann, der diesen Horror miterlebt hat. Sein Name ist Khalid und er spricht mit mir. Und ich mit ihm.

Seit Oktober ist er nun in Deutschland und hofft hier auf eine bessere Zukunft. Das hoffe ich auch - und wenn ich an die Vorfälle von Tröglitz denke, wird mir ganz anders. Ich hoffe, dass er niemals Opfer eines rechten Übergriffes wird.

Willkommen in Deutschland, Khalid. Mögest Du sicher sein in diesem Land und niemals erneut fliehen müssen. Niemals sollst Du ein Opfer der Gewalt werden, im Gegenteil: Ich wünsche Dir, dass Du hier ein neues Zuhause finden und ein Leben leben kannst, von Frieden erfüllt ist.___

posted image

2015-04-04 09:51:39 (0 comments, 2 reshares, 34 +1s)Open 

„I respect all German people. You are so good.“

Es ist Karfreitag und ich mache einen Spaziergang zum Flüchtlingsheim. Die Sonne wärmt mein Gesicht und kühler Wind sorgt für Entspannung. Auf dem großen Platz am Rande der Stadt sind schon Marktgebäude aufgebaut, die wohl in den nächsten Tag öffnen werden, um den Karlsruher Menschen Vergnügen zu bereiten. 

Nach einem leichten Intermezzo mit den Securities des Flüchtlingsheimes treffe ich dort den 23-jährigen Alban aus Vushtrria, Kosovo. Er hat ein verschmitztes Gesicht, kleine Augen und trägt Hausschuhe, denn er ist auf dem Weg zum Mittagessen in der Kantine des Heimes. 

Auf dem Weg zur Kantine erzählt er mir, dass er den Kosovo liebe, es aber dort keine Zukunft für ihn gebe, denn er habe keine Arbeit gefunden. Sein Vater ist dort Leiter einer Elektrizitäts-Firma, doch für den jungen Sohn gab es keineStelle. Die Flucht mi... more »

„I respect all German people. You are so good.“

Es ist Karfreitag und ich mache einen Spaziergang zum Flüchtlingsheim. Die Sonne wärmt mein Gesicht und kühler Wind sorgt für Entspannung. Auf dem großen Platz am Rande der Stadt sind schon Marktgebäude aufgebaut, die wohl in den nächsten Tag öffnen werden, um den Karlsruher Menschen Vergnügen zu bereiten. 

Nach einem leichten Intermezzo mit den Securities des Flüchtlingsheimes treffe ich dort den 23-jährigen Alban aus Vushtrria, Kosovo. Er hat ein verschmitztes Gesicht, kleine Augen und trägt Hausschuhe, denn er ist auf dem Weg zum Mittagessen in der Kantine des Heimes. 

Auf dem Weg zur Kantine erzählt er mir, dass er den Kosovo liebe, es aber dort keine Zukunft für ihn gebe, denn er habe keine Arbeit gefunden. Sein Vater ist dort Leiter einer Elektrizitäts-Firma, doch für den jungen Sohn gab es keine Stelle. Die Flucht mit dem Bus hat Alban mit 1000 € bezahlen müssen. 

Ich stelle mich in der Schlange vor der Essensausgabe an und Alban fragt mich, ob ich auch etwas essen möchte. Ich lehne dankend ab. Zwar knurrt mein Magen ein bisschen, doch dies ist die Essensausausgabe für Flüchtlinge und ich bin nicht gekommen, um mich hier bedienen zu lassen. Wir setzen uns an einen der freien Tische - immer wieder winken mir Menschen, die gegenüber oder nebenan sitzen „Fotograf! Aaah!”

Alban führt mich zum Zimmer, das er mit 7 anderen Flüchtlingen aus dem Kosovo teilt. Die vollgekritzelten Wände geben dem Zimmer einen geschichtlichen Kontext, denn daran haben sich Flüchtlinge seit Jahren verewigt. Ich bekomme einen Stuhl angeboten während weitere Flüchtlinge ins Zimmer kommen und mich per Handschlag begrüßen. 

Seine Mitbewohner scheinen Alban aufgrund meiner Anwesenheit zu bewundern, da ich immer wieder Fotos von ihm mache. Der junge Kosovare erzählt mir, dass er in Berlin eine verheiratete Schwester hat, beide Brüder und die Eltern jedoch noch in der Heimat leben. 

„I respect all German people. You are so good.“ 

Für Alben ist das Leben in Deutschland ein Traum. Sein ganzes Gesicht erstrahlt, wenn er davon spricht, wie wohl er sich hier fühlt. Er weiß aber auch, dass sein Verbleib unwahrscheinlich ist. Doch auch die kurze Zeit in Deutschland lohnt sich. Eines Tages möchte er studieren.

Inmitten unseres Gespräches wünschen mir die Kosovaren ein gutes Fest. Überrascht frage ich nach, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Sie sind Muslime. Flüchtlinge, die mit dem Christentum nichts anfangen können wünschen mir zu Ostern ein gutes Fest. Ist das nicht wunderbar?

Während meinem Besuch fühle ich eine innere Freude. Dieser junge Mann hat es mir innerhalb von Minuten angetan. Unter anderen Umständen wären wir sicher enge Freunde geworden. Doch nun ist es Zeit, mich zu verabschieden. Erneut schüttele ich seine Hand, schaue ihm tief in die Augen und verabschiede mich. Wie schwer mir dies heute doch fällt. 

Alban, sei herzlich willkommen in Deutschland. Deine Offenheit und Freundschaft haben mich heute sehr berührt. Danke, dass es Dich gibt. Friede mit Dir. ___

posted image

2015-04-01 12:03:52 (0 comments, 2 reshares, 34 +1s)Open 

Ich erinnere mich nur noch schwach an diesen Herren, den ich im Dezember, als ich mein Fotoprojekt über Flüchtlinge begann, auf der Straße traf.

Er wurde von Yuzef (http://j.mp/-yuzef) begleitet, denn er sollte an diesem Tag in eine andere Stadt reisen, da er offenbar nicht in Karlsruhe aufgenommen werden konnte.

Jedoch erinnere ich mich an sein Gesicht, als wäre es gestern gewesen. Die schmalen Wangenknochen und der schüchterne Blick hinterließen bei mir den Eindruck eines Mannes, der ein stiller Kämpfer war (und ist).

Dieser Mann konnte nur ein bisschen Englisch, lies sich aber geren von mir fotografieren. „No problem“, - ein Satz, den ich noch von vielen Menschen aus Afrika hören sollte.

Auch hier spürte ich einen starken Kontrast: Auf einer Seite Pegida-Nazis, die Ängste vor diesen „schlimmen Flüchtlingen, die sich an uns bereichern wollen“,auf der anderen Se... more »

Ich erinnere mich nur noch schwach an diesen Herren, den ich im Dezember, als ich mein Fotoprojekt über Flüchtlinge begann, auf der Straße traf.

Er wurde von Yuzef (http://j.mp/-yuzef) begleitet, denn er sollte an diesem Tag in eine andere Stadt reisen, da er offenbar nicht in Karlsruhe aufgenommen werden konnte.

Jedoch erinnere ich mich an sein Gesicht, als wäre es gestern gewesen. Die schmalen Wangenknochen und der schüchterne Blick hinterließen bei mir den Eindruck eines Mannes, der ein stiller Kämpfer war (und ist).

Dieser Mann konnte nur ein bisschen Englisch, lies sich aber geren von mir fotografieren. „No problem“, - ein Satz, den ich noch von vielen Menschen aus Afrika hören sollte.

Auch hier spürte ich einen starken Kontrast: Auf einer Seite Pegida-Nazis, die Ängste vor diesen „schlimmen Flüchtlingen, die sich an uns bereichern wollen“, auf der anderen Seite ein Mann, der keiner Fliege etwas zu Leide tun würde.

Ein Mensch, der sehr zurückhaltend reagierte, als ich ihn ansprach. Der viel lächelte - auch aus Verunsicherung heraus. Der scheuer nicht sein konnte. Der schon von seiner Statur her, niemals für irgendeinen Erwachsenen eine Bedrohung sein würde.

Unbekannter Mann aus Togo, auch heute möchte ich Dich willkommen in Deutschland heißen. Es ist gut, dass Du hier bist, gut, dass es Du es bis zu uns geschafft hast. Ich wünsche Dir eine Umgebung, in der Du Stärke und erneuten Rückhalt gewinnen kannst. Friede mit Dir.___

posted image

2015-03-28 11:49:59 (0 comments, 1 reshares, 20 +1s)Open 

„Boom boom“

Während ich an diesem Morgen über das von der Sonne erwärmte Gelände eines Flüchtlingsheim laufe, sehe ich eine kleine Familie auf dem Boden sitzen.

Ich laufe an Ihnen vorbei und suche das Zimmer von Keba und Job, denen ich ausgedruckte Portraits von dem Beiden vorbeibringen möchte. Zu meiner Enttäuschung ist das Zimmer neu besetzt. Keba und Job sind nicht mehr da.

Auf dem Rückweg Richtung Ausgang sehe ich die drei Kinder und Ihre Eltern immer noch dort sitzen und spreche den Vater an. Muhammed versteht mich kaum, doch etwas Englisch reicht aus, um zu verstehen, dass die junge Familie aus Pakistan geflohen ist.

„Boom boom“.

Für diese Familie hat „boom boom“ schlimme Konnotationen. Furchteinflößende. Lebensbedrohliche. Aggressive Boom Boom hat ihnen solche Angst gemacht, dass Muhammed und Nela sich entschlossen, mitsamtden Kindern zu fliehen... more »

„Boom boom“

Während ich an diesem Morgen über das von der Sonne erwärmte Gelände eines Flüchtlingsheim laufe, sehe ich eine kleine Familie auf dem Boden sitzen.

Ich laufe an Ihnen vorbei und suche das Zimmer von Keba und Job, denen ich ausgedruckte Portraits von dem Beiden vorbeibringen möchte. Zu meiner Enttäuschung ist das Zimmer neu besetzt. Keba und Job sind nicht mehr da.

Auf dem Rückweg Richtung Ausgang sehe ich die drei Kinder und Ihre Eltern immer noch dort sitzen und spreche den Vater an. Muhammed versteht mich kaum, doch etwas Englisch reicht aus, um zu verstehen, dass die junge Familie aus Pakistan geflohen ist.

„Boom boom“.

Für diese Familie hat „boom boom“ schlimme Konnotationen. Furchteinflößende. Lebensbedrohliche. Aggressive Boom Boom hat ihnen solche Angst gemacht, dass Muhammed und Nela sich entschlossen, mitsamt den Kindern zu fliehen. So weit weg, wie möglich.

Nun ist die pakistanische Familie gerade angekommen und wartet darauf, im Flüchtlingsheim unterzukommen. Deshalb sitzen sie auf dem Boden.

Mit dem Einverständnis der Eltern fotografiere ich die Familie. Die kleine einjährige Isabel spielt ein bisschen Fangen mit mir, und die Brüder Salvador und Adrian halten beinahe ganz still. Ein paar Klicks sind schnell gemacht.

Mitten im Gespräch stoßen zwei Flüchtlinge dazu, die mitbekommen haben, dass ich Fotograf bin. „Bekommt die Familie dann Spenden?“ Ich würde allzu gerne mit „Ja!“ antworten doch das entspricht nicht der Wahrheit.

Nun packe ich meine Kamera wieder ein, reiche den Eltern zum Abschied die Hand und versuche mit Winken und „bye“ auch den Kindern Lebewohl zu wünschen.

Die Sprachbarriere fühlt sich so trocken an. Und ich mich ohnmächtig, auch im Hinblick dessen, dass ich für diese Familie keine Spenden lockermachen kann, da sie ja erst angekommen ist und Spenden über die Landesbehörden geregelt werden.

Auf dem Nachhauseweg freue ich mich darüber, dieser Familie mit meinen Fotos ein Gesicht geben zu können. Doch gleichzeitig beschleicht mich dieses furchtbare Gefühl des Nichtstunkönnens. Wenn ich die Sprachbarriere schon so furchtbar finde, wie wird es dann den Eltern und Kindern gehen?

Muhammed, Nela, Isabal, Salvado und Adrian. Möge dieses Land Euch mit offenen Armen empfangen und eine sichere Unterkunft bieten. Möget Ihr Euch verstanden fühlen und Freunde finden, die Eure Situation nachempfinden können. Friede mit Euch. Friede.___

posted image

2015-03-26 09:41:05 (1 comments, 2 reshares, 43 +1s)Open 

Anfang dieser Woche stehe ich wieder vor der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe. Nachdem ich am Wochenende einen Vortrag gehalten und mit vielen Leuten über Flüchtlinge gesprochen habe, möchte ich wieder mit den Menschen sprechen, die nach Deutschland fliehen.

Nachdem ich eine Weile vor dem Gebäude verbracht und überlegt habe, wen ich ansprechen soll (heute brauche ich ein bisschen länger), begrüße ich diese zwei lächelnden Männer aus dem Kosovo.

Gjogaj (links im Bild) und Shemsedin (rechts im Bild) machen auf mich wie viele Kosovaren eine besonders offenen und freudigen Eindruck. Beide flohen vor drei Monaten gemeinsam nach Deutschland und deshalb verbindet die Beiden eine enge Freundschaft.

Der etwas kleinere Shemsedin spricht mit weicher Stimme und stockendem Deutsch: „Eine Leben in Kosovo - nicht möglich. Keine Arbeit. Ich Mechaniker.“Shemsedin hatte ... more »

Anfang dieser Woche stehe ich wieder vor der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe. Nachdem ich am Wochenende einen Vortrag gehalten und mit vielen Leuten über Flüchtlinge gesprochen habe, möchte ich wieder mit den Menschen sprechen, die nach Deutschland fliehen.

Nachdem ich eine Weile vor dem Gebäude verbracht und überlegt habe, wen ich ansprechen soll (heute brauche ich ein bisschen länger), begrüße ich diese zwei lächelnden Männer aus dem Kosovo.

Gjogaj (links im Bild) und Shemsedin (rechts im Bild) machen auf mich wie viele Kosovaren eine besonders offenen und freudigen Eindruck. Beide flohen vor drei Monaten gemeinsam nach Deutschland und deshalb verbindet die Beiden eine enge Freundschaft.

Der etwas kleinere Shemsedin spricht mit weicher Stimme und stockendem Deutsch: „Eine Leben in Kosovo - nicht möglich. Keine Arbeit. Ich Mechaniker.“ Shemsedin hatte in seiner Heimat eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, doch dann vergeblich nach einer Stelle gesucht. „Keine interessieren.“

Es ist nicht das erste Mal, dass mir Kosovaren von den lebensfeindlichen Umständen in diesem Land erzählen. Ich erinnere mich daran, dass es dort kein Recht auf Arbeitslosengeld oder Hartz IV gibt. Arbeitslos zu sein bedeutet die unverzügliche Gefährdung des eigenen Lebens.

Weil er fliehen musste, war es ihm nicht möglich gewesen, die Beziehung zu seiner Freundin aufrecht zu erhalten. Shemsedin musste sich trennen.

Während ich die beiden interviewe, denke ich nicht darüber nach, doch im Nachhinein versuche ich mich einzufühlen. Stelle mir den schönen Mann vor, wie er sich von seiner Freundin verabschiedet. Stelle mir seine Tränen vor - und ihre. 

Vielleicht lief alles auch ganz anders, das weiß ich nicht. Eine Trennung von der Lebengefährtin ist, an diesem Gedanken komme ich nicht vorbei, sehr unschön und unter solchen Umständen deprimierend.

Für die Flucht nach Deutschland muss Shemsedin lange Zeit gespart haben, denn die Reise kosteten ihn 2000 €. „Zwei Tausend?“ Jedes Mal, wenn mir Flüchtlinge von den Kosten erzählen, kann ich es oft nicht fassen. Ich schüttele mit dem Kopf. Dass sich Reiseunternehmen an Flüchtlingen eine goldene Nase verdienen, macht mich wütend.

„Mir auch“ bestätigt Gjogaj, was in diesem Kontext heißt, dass er auch so viel bezahlen musste. Die beiden erklären mir die Route nach Deutschland und ich beginne erneut zu verstehen, wie gefährlich, unsicher und kompliziert solch ein Unterfangen ist.

Nun wende ich mich Gjogaj, ausgesprochen „Dschjogai“, zu. Acht Jahre arbeitete er als Facharbeiter für Entsorgungstechnik, landläufig auch als Müllmann bezeichnet. Die Arbeit wäre für ihn persönlich sehr herausfordernd und mit 150 € pro Monat äußerst schlecht bezahlt, so Gjogaj.

Die Beiden wissen ganz genau, dass ihre Chancen auf Asyl in Deutschland bei Null sind. Doch die Verzweiflung hatte sie gezwungen, zu fliehen. „In Kosovo alles schlecht“. Ich kann sie verstehen und würde sicher genauso handeln.

~

An Tagen wie diesen wird mir erneut der Kontrast bewusst, den auch ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge verkörpere. Locker stehe ich da mit meinen Dickies-Hosen, teuren Vans-Schuhen und dem iPhone 6 in der Tasche. Habe Familie, Freunde und Arbeit - und kann mich manchmal nicht entscheiden, ob ich nach Feierabend einen Film gucken oder doch lieber gemütlich in der warmen Wohnung mit einer heißen Schokolade in der Hand Fotobände schmökern soll.

Und dann stehen vor mir Shemsedin und Gjogaj, die gar nichts mehr haben. Die seit Jahren kämpfen, resignieren sich dann entschließen, alles - auch Beziehungen - aufzugeben, um in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland fliehen.

Wie - ich entschuldige mich für meine Wortwahl - scheiße ungerecht ist diese Welt?

Shemsedin und Gjogaj, seid willkommen in Deutschland. Möge Euch der Aufenthalt, und sei er noch so kurz, Kraft und innere Stärke geben, den Kampf gegen die Armut zuhause erneut aufzunehmen. Friede mit Euch. Friede und ein gutes Leben. Das wünsche ich Euch von Herzen.___

posted image

2015-03-24 09:08:51 (5 comments, 1 reshares, 17 +1s)Open 

Impressionen von der Nokargida-Demonstration vom 23. März 2015

Als ich mich gestern Abend gegen 18.30 auf den Weg zum Europaplatz aufmachte, war es bitterkalt. Die Wärme der Sonne hatte dem Einzug der Frühlingskälte Platz gemacht und ich bereute schon auf dem Hinweg, keine Handschuhe mitgenommen zu haben.

Am Europaplatz angekommen, füllte sich dieser innerhalb kürzester Zeit mit Vertretern diverser Unterstützergruppen der Menschenrechts-Szene und verschiedene Redner betonten ab 19 Uhr die Wichtigkeit einer offenen, bunten Gesellschaft und riefen zum Widerstand gegen rechte Tendenzen in Karlsruhe auf.

Ich nahm die Stimmung vor Ort als sehr positiv, aber deutlich gegen rechts positioniert war. Zwischendurch lief ich rüber zum Stephansplatz, auf dem um 19.30 Uhr von der Karlsruher Pegida (Kargida) eine Demonstration angekündigt wahr.

Der ganze Platz war mehroder min... more »

Impressionen von der Nokargida-Demonstration vom 23. März 2015

Als ich mich gestern Abend gegen 18.30 auf den Weg zum Europaplatz aufmachte, war es bitterkalt. Die Wärme der Sonne hatte dem Einzug der Frühlingskälte Platz gemacht und ich bereute schon auf dem Hinweg, keine Handschuhe mitgenommen zu haben.

Am Europaplatz angekommen, füllte sich dieser innerhalb kürzester Zeit mit Vertretern diverser Unterstützergruppen der Menschenrechts-Szene und verschiedene Redner betonten ab 19 Uhr die Wichtigkeit einer offenen, bunten Gesellschaft und riefen zum Widerstand gegen rechte Tendenzen in Karlsruhe auf.

Ich nahm die Stimmung vor Ort als sehr positiv, aber deutlich gegen rechts positioniert war. Zwischendurch lief ich rüber zum Stephansplatz, auf dem um 19.30 Uhr von der Karlsruher Pegida (Kargida) eine Demonstration angekündigt wahr.

Der ganze Platz war mehr oder minder abgeriegelt und eine große Anzahl von uniformierten Polizisten war vor Ort - die Polizei hatte einen Bereich eingerichtet, der Nopegida und Pegida gefühlte 100 Meter auseinanderhielt und so ein Aufeinandertreffen verhinderte.

Am Stephansplatz musste ich mehrmals hinsehen, denn ich sah lange Zeit No Kargdia - in Worten: Keine Kargida-Demonstranten. Irgendwann entdeckte ich eine kleine Truppe am anderen Ende des geschützten Bereiches.

Mit der Zeit füllte sich auch der Stephansplatz mit immer mehr Gegendemonstranten, die, aus meiner Sicht, alle rechten Parolen niederpfiffen und -sangen. Nicht ein einziges Wort von der anderen Seite gelang in mein Ohr.

Zwischendurch unterhielt ich mich mit einem jungen Polizisten, der im abgegrenzten Bereich Wache stand. Er war sehr nett, offen und keineswegs aufgestachelt.

Als ich aus terminlichen Gründen kurz nach 20 Uhr den Platz verließ, hatte ich insgesamt ein sehr gutes Gefühl. Die Gegendemonstration war friedlich verlaufen und Steine wurden nicht geworfen. Ein guter Abend. ___

posted image

2015-03-13 08:45:54 (0 comments, 0 reshares, 25 +1s)Open 

Der Tag ist schon fortgeschritten, als ich mich Mittags auf zur Landeserstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge mache. Ich genieße die warme Luft, die durch die Fächerstadt Karlsruhe zieht - heute bin ich zu Fuß.

Ein junger Herr, groß und von kräftiger Statur läuft an mir vorbei und ich entscheide mich spontan, ihn anzusprechen. Sein junges Gesicht hat eine kindliche Ausstrahlung, unbedarft und voller Neugier.

Abdurahman (gesprochen: Abduh-Rach-Mahn) stellt seinen Namen vor und ich benötige mehrere Anläufe, bis ich mir a) diesen merken und b) ihn auch korrekt aussprechen kann.

Er sei aus Somalia geflohen, dort habe es „tribe problems“ gegeben, als eine neue terroristische Gruppe, Al-Shabaab, Ihr Unwesen trieb. Für Abdurahman ist es bis heute unverständlich, was die Motivation der Gruppe ist.

„I don’t know, what their problem is“.
Nebenbei sagt Abdur... more »

Der Tag ist schon fortgeschritten, als ich mich Mittags auf zur Landeserstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge mache. Ich genieße die warme Luft, die durch die Fächerstadt Karlsruhe zieht - heute bin ich zu Fuß.

Ein junger Herr, groß und von kräftiger Statur läuft an mir vorbei und ich entscheide mich spontan, ihn anzusprechen. Sein junges Gesicht hat eine kindliche Ausstrahlung, unbedarft und voller Neugier.

Abdurahman (gesprochen: Abduh-Rach-Mahn) stellt seinen Namen vor und ich benötige mehrere Anläufe, bis ich mir a) diesen merken und b) ihn auch korrekt aussprechen kann.

Er sei aus Somalia geflohen, dort habe es „tribe problems“ gegeben, als eine neue terroristische Gruppe, Al-Shabaab, Ihr Unwesen trieb. Für Abdurahman ist es bis heute unverständlich, was die Motivation der Gruppe ist.

„I don’t know, what their problem is“.

Nebenbei sagt Abdurahman irgendwas von 14 Jahren, ich verstehe ihn nicht ganz und frage, wie alt er heute sei. „I’m still 14 years old“ und wir beide lachen. Ich kann es gar nicht glauben und sage ihm, dass ich ihn wesentlich älter geschätzt hatte.

Der Somali floh mit Mutter, Bruder und Vetter nach Deutschland und lebt seit drei Monaten in Karlsruhe. Ich bitte ihn, ehrlich zu sein, was die Räume und Verpflegung betrifft.

Adurahman erklärt, dass das Zimmer, in dem er mit seiner Familie lebt, recht klein sei. Das Essen sei in Ordnung, doch manchmal würde es nicht reichen. Ich bedaure das.

Was mich an diesem Jungen fasziniert, ist seine Gelassenheit. Während unserem Gespräch lacht er viel und unterhält sich zwanglos offen mit mir. Die ganze Zeit beschleicht mich ein Gefühl, das ich noch nie in meinen Gesprächen hatte:

Abdurahman ist wie ein Freund, den ich schon ein Leben lang kenne. Mir ist bewusst, dass diese Bemerkung kitschig wirkt, aber dennoch fühlt es sich genau so an.

Herzlich willkommen in Deutschland, Abdurahman. Ich wünsche Dir eine gute Zukunft in diesem Land und hoffe, dass Du Dich unter uns wohl fühlen wirst. Friede mit Dir. Es ist gut, dass es Dich gibt.___

posted image

2015-03-09 15:02:07 (6 comments, 3 reshares, 41 +1s)Open 

Das ist Keba aus Gambia. Er möchte Euch etwas sagen.

Letzte Woche lerne ich Job und Keba im Flüchtlingsheim kennen. Während ich mich mit Job unterhalte, sitzt Keba am Rand seines Bettes und hört gespannt zu. Keba ist ebenfalls aus Gambia und zeigt sofort Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen.

„No problem“ schmunzelt er und sein Gesicht leuchtet, als ich ein paar Aufnahmen mache. Etwas unsicher hält er sich die Hand vors Gesicht, doch ich lasse ihn einfach so sein, wie er ist.

Während ich mich wieder auf den Stuhl am Tisch setze, berichtet mir Keba, dass er aus der Stadt Sukuta stammt, die am gambischen Meer liegt. Keba war in seiner Heimat „a fisherman“ und ich entnehme seiner Stimme, dass er seinen Beruf geliebt haben muss.

Und auf meine Frage, was das Schönste an Gambia sei, antwortet er mir „the seaside and the sun.“ Doch innerfamiliäreProbleme und örtlic... more »

Das ist Keba aus Gambia. Er möchte Euch etwas sagen.

Letzte Woche lerne ich Job und Keba im Flüchtlingsheim kennen. Während ich mich mit Job unterhalte, sitzt Keba am Rand seines Bettes und hört gespannt zu. Keba ist ebenfalls aus Gambia und zeigt sofort Bereitschaft, sich fotografieren zu lassen.

„No problem“ schmunzelt er und sein Gesicht leuchtet, als ich ein paar Aufnahmen mache. Etwas unsicher hält er sich die Hand vors Gesicht, doch ich lasse ihn einfach so sein, wie er ist.

Während ich mich wieder auf den Stuhl am Tisch setze, berichtet mir Keba, dass er aus der Stadt Sukuta stammt, die am gambischen Meer liegt. Keba war in seiner Heimat „a fisherman“ und ich entnehme seiner Stimme, dass er seinen Beruf geliebt haben muss.

Und auf meine Frage, was das Schönste an Gambia sei, antwortet er mir „the seaside and the sun.“ Doch innerfamiliäre Probleme und örtlicher Rassismus veranlassten Keba, alles zurückzulassen und sich auf die Flucht zu begeben. Auch er nennt die Armut als das Schlimmste in Gambia.

Nun ist Keba seit dem 12. Januar in Deutschland und hat schon ein paar Erfahrungen mit Deutschen gemacht. Im Gespräch will er mir eine Sache sagen, die ich an meine Leser weitergeben soll: Er findet es schlimm, dass er als Flüchtling unter Generalverdacht stehen würde, kriminell zu sein.

„If a person who is a refugee steals something, that person is a criminal. But that doesn't mean, that ALL refugees are 
criminals.“

Was Keba auch spürt, ist eine grundlege Ablehnung gegenüber ihn. Manche Menschen würden ihn nicht einmal ansehen, wenn er sich mit ihnen unterhalte - selbst wenn er besonders freundlich sei, so der Gambier.

Keba akzeptiert das, doch es macht ihm den Aufenhalt in Deutschland sehr unangenehm. Ich stimme Keba bedingungslos zu. Wir unterhalten uns noch lange über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die in Deutschland gelebt werden und wie wenig wir uns damit anfreunden können. Die Zeit vergeht wie im Flug, doch ein mein Blick auf die Uhr lässt mich aufstehen und ich verabschiede mich.

Willkommen in Deutschland, Keba. Es ist so gut, dass Du hier bist. Du hast ein gutes Gespür für zwischenmenschliches und Deine Ehrlichkeit ist schon jetzt eine Bereicherung - für mich. Friede sei mit Dir, woauch immer Du hingehst. Ich wünsche Dir das Beste.___

posted image

2015-03-07 10:43:39 (3 comments, 2 reshares, 29 +1s)Open 

Heute Morgen werde ich von einer Fotografin begleitet, die sich meine Arbeit ansehen und mir über die Schulter blicken will. Schon auf dem Hinweg unterhalten wir uns ausgiebig über die Lage der Flüchtlinge und den Missstand, dass viele nicht arbeiten dürfen, aber vorgehalten bekommen, dem Staat auf der Tasche zu liegen.

Nachdem wir mit einigen Flüchtlingen gesprochen haben, die jedoch nicht fotografiert werden wollen, läuft ein kräftiger Mann in heller Jacke auf uns zu.

Suleiman ist wie viele andere Flüchtlinge aus Gambia und ich schätze ihn auf 18 Jahre. Weit gefehlt, denn er ist 25 - und strahlt eine feste Entschlossenheit aus. Die Fotografin steht neben mir und lauscht unserem Gespräch.

Der kräftige Gambier mit den kugelförmigen, schwarzen Augen berichtet uns von seiner Reise. In Gambia sei er direkt nach Libyen geflohen, um mit über 300 weiterenFlüchtlingen... more »

Heute Morgen werde ich von einer Fotografin begleitet, die sich meine Arbeit ansehen und mir über die Schulter blicken will. Schon auf dem Hinweg unterhalten wir uns ausgiebig über die Lage der Flüchtlinge und den Missstand, dass viele nicht arbeiten dürfen, aber vorgehalten bekommen, dem Staat auf der Tasche zu liegen.

Nachdem wir mit einigen Flüchtlingen gesprochen haben, die jedoch nicht fotografiert werden wollen, läuft ein kräftiger Mann in heller Jacke auf uns zu.

Suleiman ist wie viele andere Flüchtlinge aus Gambia und ich schätze ihn auf 18 Jahre. Weit gefehlt, denn er ist 25 - und strahlt eine feste Entschlossenheit aus. Die Fotografin steht neben mir und lauscht unserem Gespräch.

Der kräftige Gambier mit den kugelförmigen, schwarzen Augen berichtet uns von seiner Reise. In Gambia sei er direkt nach Libyen geflohen, um mit über 300 weiteren Flüchtlingen auf dem Boot nach Italien überzusetzen.

Dort gab es weder Essen noch Arbeit, sodass er sich in die Schweiz aufmachte. In Zürich setzte er sich in den Zug und fuhr nach Deutschland. Nachdem er von Schaffnern kontrolliert und ihnen gesagt hatte, dass er weder Papiere noch Geld habe, hätten sie ihn sitzenlassen.

Seit letzten Donnerstag ist Suleiman nun in Karlsruhe. Die Menschen wären sehr nett zu ihm. „The food is okay, sometimes the chicken is good“. Ich spüre, dass sich Suleiman auf keinen Fall beschweren will, denn er ist überglücklich, hier in Deutschland zu sein.

Doch ich bohre etwas nach und frage, ob das Essen ausreiche. „Please be honest“. Ein wenig erleichtert gibt er zu, dass es eigentlich nicht genug wäre. 

Suleiman ist mit fünf anderen Flüchtlingen in einem Zimmer. Er verrät mir seine Zimmernummer und ich vereinbare mit ihm, dass ich ihn besuchen werde.

Suleiman, sei herzlich willkommen in Deutschland. Ich bin froh, Dich heute Morgen getroffen zu haben. Deine Stärke und Direktheit haben mich inspiriert. Du hast es über Kontinente hinweg bis zu uns geschafft und bist deshalb mein Held. Friede mit Dir.___

posted image

2015-03-05 11:54:49 (0 comments, 0 reshares, 20 +1s)Open 

Die Sonne strahlt eine angenehme Wärme auf das Gelände des Flüchtlingscamps, das ich heute besuche. Im dritten Stock eines Hauses treffe ich auf einen Mann mit schwarzer Zipfelmütze und weißem T-Shirt, der sich gerade eine Plastikflasche mit Wasser füllt.

Seine Augen funkeln im glänzenden Sonnenlicht, das den Gang durchflutet. Ich reiche ihm die Hand und Job betrachtet mich aufmerksam. Er ist offen und zuvorkommend – es wundert mich nicht, dass er aus Gambia kommt.

„My nickname is Job“ erläutert er, während er die Flasche zudreht. Job ist einen Kopf kleiner als ich, hat schmale Arme und ein rundes Gesicht mit feinem Stoppelbart um den Mund.

„You Gambian people are very friendly to me“, erwidere ich seine Freundlichkeit. Wir plaudern ein bisschen und Job zeigt mir das Zimmer, in dem er wohnt.

Ich schätze den Raum, in dem acht Betten stehen aufmaximal 12 Quadratm... more »

Die Sonne strahlt eine angenehme Wärme auf das Gelände des Flüchtlingscamps, das ich heute besuche. Im dritten Stock eines Hauses treffe ich auf einen Mann mit schwarzer Zipfelmütze und weißem T-Shirt, der sich gerade eine Plastikflasche mit Wasser füllt.

Seine Augen funkeln im glänzenden Sonnenlicht, das den Gang durchflutet. Ich reiche ihm die Hand und Job betrachtet mich aufmerksam. Er ist offen und zuvorkommend – es wundert mich nicht, dass er aus Gambia kommt.

„My nickname is Job“ erläutert er, während er die Flasche zudreht. Job ist einen Kopf kleiner als ich, hat schmale Arme und ein rundes Gesicht mit feinem Stoppelbart um den Mund.

„You Gambian people are very friendly to me“, erwidere ich seine Freundlichkeit. Wir plaudern ein bisschen und Job zeigt mir das Zimmer, in dem er wohnt.

Ich schätze den Raum, in dem acht Betten stehen auf maximal 12 Quadratmeter. Zusammen mit sechs Anderen wohnt Job auf engstem Raum. Ein Doppelbett ist gerade nicht belegt, was sich laut Job demnächst ändern wird.

Sofort wird mir Platz gemacht und es ein langes, intensives Gespräch zwischen Job und Keba, einem weiteren Flüchtling beginnt seinen Lauf. Je mehr ich mich öffne und meine Absichten erkläre, desto weiter öffnen sich auch die Beiden.

Jobs Tätigkeit in seiner Heimat Kaur hatte mehrere Etappen. Zuerst arbeitete der Gambier in einer privaten Sicherheitsfirma, wechselte danach zur Reinigungskraft und verkaufte schließlich Kleider.

„I didn’t feel secured, that’s why I fled my country“ beschreibt er den Grund seiner Flucht, die er 2010 beschloss. Das Schlimmste an Gambia sei die Armut - eine Beschreibung, die ich heute nicht zum ersten Mal höre.

Während ich ein paar Bilder von Job mache, fallen mir seine Augen erneut auf. Ich meine dort eine Trauer und Sehnsucht zu erkennen, die sich in Sekundenbruchteilen über seinem Gesicht verbreitet. Er sitzt ganz still auf seinem Stuhl, lässt mich machen, verliert kein Wort.

Nachdem ich die Fotos beisammen und auf dem Kameradisplay gezeigt habe, unterhalten wir uns noch eine lange Zeit. Ich fühle mich sehr wohl in der Gesellschaft dieser Herren, die einen doch so langen und gefährlichen Fluchtweg hinter sich haben.

„I think I made some friends today!“, sage ich lächelnd und bedanke mich für die Zeit, die mir die zwei schenken. Die Gesichter der Beiden leuchten auf und  auch sie bedanken sich.

Ich verspreche, so schnell wie möglich die Fotos zu bearbeiten, zu bestellen, vorbeizubringen und hoffe, dass ich bei meinem nächsten Besuch die freundlichen Gambier wieder antreffen werde. Denn ein Transfer in das nächste Flüchtlingsheim steht bald bevor.

Job, sei herzlich willkommen in Deutschland. Du bist ein wunderbarer Mensch, mit großartigen Eigenschaften, die unser Land dringend braucht. Es ist gut, dass Du da bist. Mögest Du Dich immer sicher fühlen und nie wieder vor der Armut fliehen müssen.___

posted image

2015-03-02 11:38:07 (3 comments, 3 reshares, 28 +1s)Open 

Bei lauwarmen 8 Grad Celsius stehe ich heute vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA). Auf mich zu läuft ein junger, gutaussehender Syrer, sein Name ist Jamil.

Er tägt Jogginghose, Turnschuhe und Lederjacke, seine Augen glänzen im diffusen Licht des bewölkten Montags Wir einigen uns auf Englisch und Jamil berichtet mir bereitwillig über seinem Leben:

In Syrien wäre die Situation katastrophal und ständig würden Leute ermordet. Dabei wäre es unmöglich, festzustellen, wer eigentlich wen getötet habe. Er selbst wäre mit seiner Familie geflohen, bevor es für sie bedrohlich wurde.

Sie hätten schon ein Jahr in der Türkei gelebt, doch unter den Umständen (nur der Vater durfte arbeiten) könnten sie nicht bleiben. So hätte sich die Familie erneut aufgemacht und floh über Bulgarien nach Deutschland - weiter Strecken davon zu Fuß.

Jamil hatgroße Ansprüche an si... more »

Bei lauwarmen 8 Grad Celsius stehe ich heute vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA). Auf mich zu läuft ein junger, gutaussehender Syrer, sein Name ist Jamil.

Er tägt Jogginghose, Turnschuhe und Lederjacke, seine Augen glänzen im diffusen Licht des bewölkten Montags Wir einigen uns auf Englisch und Jamil berichtet mir bereitwillig über seinem Leben:

In Syrien wäre die Situation katastrophal und ständig würden Leute ermordet. Dabei wäre es unmöglich, festzustellen, wer eigentlich wen getötet habe. Er selbst wäre mit seiner Familie geflohen, bevor es für sie bedrohlich wurde.

Sie hätten schon ein Jahr in der Türkei gelebt, doch unter den Umständen (nur der Vater durfte arbeiten) könnten sie nicht bleiben. So hätte sich die Familie erneut aufgemacht und floh über Bulgarien nach Deutschland - weiter Strecken davon zu Fuß.

Jamil hat große Ansprüche an sich selbst und erzählt von seinem Bachelor-Abschluss. Auch hier möchte er studieren, sobald es ihm möglich ist, erklärt er selbstbewusst.

Auf die Frage, wie es seiner Familie hier in Deutschland gehe, antwortet er zurückhaltend. Die Umstände in der LEA wären schlimm. Ich frage ihn, ob ich ihn mit hinein begleiten könne, um mir selbst ein Bild zu machen. „Of course“, antwortet er mir.

So packe ich meine Kamera ein, stelle ich mich an der Pforte an und tausche meinen Personalausweis gegen einen Besucherausweis mit der Nummer 12. Am 10 Meter Metallgitter und mindestens 5 Securities vorbei betrete ich mit Jamil zum ersten Mal diesen Komplex, als ob nichts gewesen wäre.

Jamil führt mich durchs Gelände. Überall stehen und unterhalten Menschen aus unterschiedlichsten Nationen vor dreistöckgen Häusern. Jamil geht voran. Kaum sind wir durch die Tür eines der Gebäude, kriecht mir ein ekelhafter Gestank in die Nase.

Wir schauen uns eine der Toiletten-Anlagen an. Diese sind alles, nur nicht sauber. Wir öffnen eine Tür, hinter der die Toilette steht, die von eine dreckigen, stinkenden Urinlache umgeben ist. Ich halte mir die Nase zu, es ist unerträglich.

Mein Begleiter führt mich - vorbei an einem Kindergarten, der zur LEA gehört - zum Zimmer der Familie. Er klopft an und es wird uns geöffnet. Ich sehe vier Betten in einem Raum, den ich 10 Quadratmeter schätze . Jamils Mutter, Vater und zwei Geschwister haben gerade geschlafen.

Sie setzen sich auf, nur der kleine Junge im Eck bleibt liegen. Sofort wird mir Tee und ein Stuhl zum Sitzen angeboten. Die kleinste Schwester ist im Kindergarten, wie Jamils Mutter erklärt. Ich versuche, das ganze zu erfassen.

„You are 6 people and you have only 4 beds?“ „Yes.“

Ich traue meinen Augen nicht. Wie kann das sein? Jamil erklärt mir, dass es auch unter den Flüchtlingen nicht immer einfach ist, da es Diebe gebe. Jetzt verstehe ich, warum die Tür abgeschlossen war.

Der Vater macht einen traurigen und resignativen Eindruck auf mich. Jamil erzählt mir, dass er an Nacken und Rücken erkrankt sei, die Sprachbarriere verhindert, dass ich mehr darüber erfahre. Doch kein Arzt würde ihn behandelt, er bekäme lediglich ein Medikament.

Das Essen der Hauskantine sei für die syrische Familie ungenießbar, da sie die deutsche Küche nicht kennen und damit nichts anfangen können. Deshalb würden Sie sich von den 900€, die für alle sechs reichen müssen stets selbst etwas. Eine Küche habe ich bisher nicht gesehen.

Ich frage, ob ich ein paar Aufnahmen machen dürfe, doch der Vater möchte das nicht. Es wird ihm unangenehm sein, in dieser bloßstellenden Situation fotografiert zu werden. Ich zeige Verständnis dafür, verspreche, dass ich über die Situation berichten werde und wünsche ihnen das allerbeste.

Doch ich bleibe noch einen Moment sitzen und schweige. Denke nach. Es schmerzt, dass ich nicht mehr tun kann. Ich würde so gern helfen. Doch alles, was ich kann ist schreiben und fotografieren. So verabschiede ich mich herzlich und Jamil begleitet mich zum Ausgang der LEA.

Wir adden uns auf Facebook - denn ich möchte ihm das Portrait schicken. Schütteln die Hände und ich schaue ihm noch einmal tief in die Augen. „I wish you the very best and a very good future“ sind meine letzten Worte. An der Pforte tausche ich wieder die Ausweise und laufe zurück zum Auto.

Auf der Rückfahrt rufe ich meine Frau an und erzähle ihr, was ich erlebt habe. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben und muss das erst mal verarbeiten.

Liebe Familie aus #Syrien, seid willkommen in Deutschland. Mögen die körperlichen Wunden des Vaters geheilt werden und Jamil die Möglichkeit zu studieren bekommen. Möge Deutschland eine Herberge sein, die Eure Trauer, Verzweiflung und Resignation in Freiheit, Frieden und Freude verwandelt.___

posted image

2015-02-26 12:22:33 (1 comments, 2 reshares, 29 +1s)Open 

Anfang dieser Woche besuche ich Yassanew im Flüchtlingsheim. Ich halte es zuhause nicht mehr aus und muss immerzu an die Flüchtlinge denken. Frage mich, wie es ihnen geht. Ich will sie treffen.

Vor Ort treffe ich Yassanew, Ibrahim und Mohammed. Zu meinem Erstaunen lachen Sie viel und wirken ungewohnt entspannt. Ich fühle mich direkt wohl in Ihrer Gesellschaft und wie ein alter Freund, der mal eben zu Besuch ist.

Ich erinnere mich: Als ich zum ersten Mal im Heim war, fotografierte ich Yassanew in der Küche - ohne, dass sein Gesicht zu erkennen war.

Über die Zeit hat sich zwischen uns eine echte Freundschaft aufgebaut. Vertrauen zueinander. Wir scherzen, ziehen uns gegenseitig auf, können aber auch über ernste Themen sprechen.

Heute fordere ich Yassanew zum Armdrücken heraus und bitte ihn an den Tisch. Er lacht - und ich glaube nicht, dass ich eine Chancehaben w... more »

Anfang dieser Woche besuche ich Yassanew im Flüchtlingsheim. Ich halte es zuhause nicht mehr aus und muss immerzu an die Flüchtlinge denken. Frage mich, wie es ihnen geht. Ich will sie treffen.

Vor Ort treffe ich Yassanew, Ibrahim und Mohammed. Zu meinem Erstaunen lachen Sie viel und wirken ungewohnt entspannt. Ich fühle mich direkt wohl in Ihrer Gesellschaft und wie ein alter Freund, der mal eben zu Besuch ist.

Ich erinnere mich: Als ich zum ersten Mal im Heim war, fotografierte ich Yassanew in der Küche - ohne, dass sein Gesicht zu erkennen war.

Über die Zeit hat sich zwischen uns eine echte Freundschaft aufgebaut. Vertrauen zueinander. Wir scherzen, ziehen uns gegenseitig auf, können aber auch über ernste Themen sprechen.

Heute fordere ich Yassanew zum Armdrücken heraus und bitte ihn an den Tisch. Er lacht - und ich glaube nicht, dass ich eine Chance haben werde. Yassanew macht den rechten Arm frei und nimmt die linke Hand hinter den Rücken. Ah, stimmt. Das hätte ich fast vergessen.

Etwas überrascht gewinne ich die Partie. Hat er mich gewinnen lassen? Yassanew hat gefühlt 10 Mal mehr Kraft als ich. Vielleicht habe ich meinen Sieg auch meinem Handballer-Arm zu verdanken.

Wir tauschen Tricks aus und nächstes Mal wird es eine Revanche geben. Nun sitzt Yassanew ganz ruhig da und ich blicke ihn an. Frage ihn, ob ich ihn fotografieren darf. Er stimmt zu.

Nach den Klicks zeige ich ihm die Fotos und er sucht sich eines raus, das ich verwenden darf. Dieses ist hier zu sehen.

Yassanew erzählt mir, dass er bald arbeiten darf. Er möchte aber noch besser deutsch lernen, damit er auch eine Chance auf einen Arbeitsplatz hat. Jetzt meine ich zu erahnen, warum er so gute Laune hat.

Auf dem Nachhauseweg bin ich vor lauter Freude überwältigt. Diese Jungs haben keinen Besitz, doch mit ihrem unbändigen Überlebenswillen und dem Drang, die Hoffnung niemals aufzugeben, inspirieren sie mich gewaltig.

Yassanew, danke, dass es Dich gibt.___

posted image

2015-02-24 10:16:02 (5 comments, 3 reshares, 33 +1s)Open 

Es ist Montagabend und ich besuche Muhammed, Yassanew und Ibrahim in Ihrem kleinen Zimmer des Flüchtlingsheimes. Sie sind gut gelaunt und sehen erstaunlich fit aus - im Vergleich zu den Wochen zuvor.

Ich witzele einwenig mit Yassanew herum, dass ich jetzt wieder einen Bodyguard gebrauchen könnte, der mich durchs Haus führt und den anderen Flüchtlingen vorstellt (Yassanew vertraute mir vor ein paar Wochen an, dass Security sein Traumjob wäre).

Er nimmt sich sofort Zeit für mich. Nachdem im ersten Stock des Heimes niemand die Türe öffnet, versuchen wir es im dritten. Dort treffen wir auf Omar, der zu Besuch bei einem Freund ist.

Omar ist schmal, ein bisschen kleiner als ich und spricht mit zurückhaltender Stimme ein sauberes, aufgeräumtes Deutsch.

Der junge Algerier ist 20 Jahre alt und schon seit 2 1/2 Jahren in Deutschland. Omar erzählt mir, dass er vonTunesien m... more »

Es ist Montagabend und ich besuche Muhammed, Yassanew und Ibrahim in Ihrem kleinen Zimmer des Flüchtlingsheimes. Sie sind gut gelaunt und sehen erstaunlich fit aus - im Vergleich zu den Wochen zuvor.

Ich witzele einwenig mit Yassanew herum, dass ich jetzt wieder einen Bodyguard gebrauchen könnte, der mich durchs Haus führt und den anderen Flüchtlingen vorstellt (Yassanew vertraute mir vor ein paar Wochen an, dass Security sein Traumjob wäre).

Er nimmt sich sofort Zeit für mich. Nachdem im ersten Stock des Heimes niemand die Türe öffnet, versuchen wir es im dritten. Dort treffen wir auf Omar, der zu Besuch bei einem Freund ist.

Omar ist schmal, ein bisschen kleiner als ich und spricht mit zurückhaltender Stimme ein sauberes, aufgeräumtes Deutsch.

Der junge Algerier ist 20 Jahre alt und schon seit 2 1/2 Jahren in Deutschland. Omar erzählt mir, dass er von Tunesien mit einem Boot nach Italien geflohen war. Dieser Vorgang sei gefährlich und illegal gewesen.

Während ich mit diesem Mann spreche, fällt mir auf, wie klar seine Augen sind. Doch ich konzentriere mich weiter auf seine Worte.

„10 Stunden, ungefähr“ dauerte die Bootsfahrt. 1000 Euro hat es gekostet. Omar floh anschließend über die Schweiz nach Deutschland.

Bis heute hat Omar keine Arbeitserlaubnis. „Ich würde gerne eine Ausbildung machen, aber die haben es mir nicht erlaubt“, erläutert Omar weiter. Elektromechaniker oder Chemielaborant, das wäre er gerne.

„Ich möchte ein besseres Leben.“ Wie sehr ich ihm dies wünsche. Zuhause in Algerien hatte er keine Arbeit und „die Schule war schwierig“.

Ich kenne Omar erst seit ein paar Minuten, doch seine enormen sprachlichen Fähigkeiten deuten auf eine sehr große Lernbereitschaft und Disziplin hin.

Omars Mutter ist noch in Algerien, sein Vater sei schon tot. Auf ein vorsichtiges Nachfragen ergänzt er, dass sein Vater schon 80 gewesen sei.

Ich möchte mehr über Algerien erfahren und die Arbeitslosigkeit wird sofort zum Thema. „Du merkst das, wenn Du nur durch die Straße läufst. Weil da so viele junge Leute stehen. Kiffen, Drogen.“

Im Vergleich zu Algerien ist es für Omar in Deutschland ein bisschen besser. Ich erinnere: Omar darf auch nach 2 1/2 Jahren Aufenthalt immer noch nicht arbeiten.

Wir tauschen Kontaktdaten aus und ich verspreche Omar, ihn zu besuchen. Ich bin froh, ihn getroffen zu haben. Beinahe fällt mir der Abschied schwer, doch jetzt ist es Zeit zu gehen.

Omar, herzlich willkommen in Deutschland. Es ist gut, dass Du hier bist. Ich wünsche Dir das Beste.___

posted image

2015-02-20 11:43:27 (0 comments, 1 reshares, 20 +1s)Open 

„I said no, I don't want to die.“

Heute Morgen begleitet mich ein Journalist, der an einer Reportage arbeitet, zur Landeserstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge (LEA): Jonathan Hadem.

Wir verstehen uns blendend und merken schnell, dass wir beide der Hardcore-Szene zugetan sind. So tauschen wir uns über gute Bands und Konzerte aus. Unterwegs kramt Jonathan sein Aufnahmegerät aus und ab sofort wird alles auf Ton dokumentiert.

Vor der LEA begegnet uns Fina aus Gambia. Er ist 24 Jahre alt, etwas größer als ich und strahlt ein starkes Selbstbewusstsein aus. Auf seine Nachfrage hin zeige ich ihm meine Webseite und erkläre ich, wer ich bin und stelle Jonathan vor.

Fina antwortet erst etwas zögerlich, doch nach und nach wächst sein Vertrauen zu uns - so auch das, was er über sich offenbart. Der Gambianer hatte in seiner Heimat einen kleinen Straßenkiosk,über den Secon... more »

„I said no, I don't want to die.“

Heute Morgen begleitet mich ein Journalist, der an einer Reportage arbeitet, zur Landeserstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge (LEA): Jonathan Hadem.

Wir verstehen uns blendend und merken schnell, dass wir beide der Hardcore-Szene zugetan sind. So tauschen wir uns über gute Bands und Konzerte aus. Unterwegs kramt Jonathan sein Aufnahmegerät aus und ab sofort wird alles auf Ton dokumentiert.

Vor der LEA begegnet uns Fina aus Gambia. Er ist 24 Jahre alt, etwas größer als ich und strahlt ein starkes Selbstbewusstsein aus. Auf seine Nachfrage hin zeige ich ihm meine Webseite und erkläre ich, wer ich bin und stelle Jonathan vor.

Fina antwortet erst etwas zögerlich, doch nach und nach wächst sein Vertrauen zu uns - so auch das, was er über sich offenbart. Der Gambianer hatte in seiner Heimat einen kleinen Straßenkiosk, über den Second-Hand-Kleidung verkaufte. Das Geschäft lief sehr gut.

Als er beide Eltern verlor, half ihm ein Freund nach Libyen Dort arbeitete Fina 20 Monate. Eines Nachts wurde er von Männern geweckt. Er solle sofort mitkommen und hätte eine dreistündige Bootsfahrt vor sich.

Fina wehrte sich. „I said no, I don't want to die.“ „Eather we kill you or you go.“ Fina wollte nie nach Italien, „that was never my intention.“ Er wurde gezwungen.

Die Bootsfahrt sei gefährlich gewesen und hätte ganze zwei Tage gedauert. Gemeinsam mit 200 anderen Menschen wäre er so nach Italien übergesetzt.

„I never want to experience this again.“ In Italien war es schlimm, kein Geld, kein Essen. Fina schlief eine Woche auf der Straße. Kannte niemanden. Als er von Deutschland hörte, wurde ihm gesagt, dass es hier besser sei. So machte er sich auf und kam gestern in Karlsruhe an.

Ich kann Fina nur bewundern. Was hat dieser Kerln nicht alles ausgehalten und überstanden. Fina ist ein Held.

Fina zeigt mir seinen Zettel, auf dem sein eigentlicher Bestimmungsort in Deutschland geschrieben steht: Mannheim. Gegen 14 Uhr werde er mit anderen Flüchtlingen dorthingebracht, mit dem Bus.

Jonathan und ich verabschieden uns von Fina und wünschen ihm viel Glück. „Maybe one day you'll open up a second hand shop in Germany“ sage ich Fina und ein breites Lächeln erfüllt sein Gesicht.

„Then I'd stay in Germany forever“.

Fina, sei willkommen in Deutschland! Mögest Du für immer bleiben und eines Tages ein Geschäft eröffnen dürfen. Mögest Du unter uns neue Freunde finden und eine sichere Zukunft. Mögest Du nie wieder dazu gezwungen werden, zu fliehen. Friede mit Dir.___

posted image

2015-02-10 16:29:05 (13 comments, 5 reshares, 71 +1s)Open 

Fofana stellt sich an die Wand, schaut mich an, und ich mache ein Foto. Dann geht er in sein Zimmer, er möchte alleine sein.

Eine halbe Stunde zuvor fahre ich zuhause los, um Yassanew und Ibrahim zu besuchen. Mein Herz pocht laut, denn ich habe zwei ausgedruckte Portraits von den beiden dabei, die ich ihnen geben will. Ich bin so gespannt, wie sie reagieren werden!

Schnell eingeparkt, klemme ich die beiden 20x30 Prints unter den Arm. Durch die Fenster des weißen Hauses sehe ich einen Flüchtling, der mit freiem Oberkörper am Fenster steht - frisch geduscht. Seine stählernen Muskel spiegeln sich im Zimmerlicht (es stellt sich später heraus, dass der feine Kerl Ibrahim ist, den ich Wochen später fotografieren werde).

Im Erdgeschoss duftet es nach frischer Suppe - ich genieße das jedes Mal. Ich klopfe kurz an und mir wird geöffnet. Ibrahim und Yassanew sind da, sieschauen ... more »

Fofana stellt sich an die Wand, schaut mich an, und ich mache ein Foto. Dann geht er in sein Zimmer, er möchte alleine sein.

Eine halbe Stunde zuvor fahre ich zuhause los, um Yassanew und Ibrahim zu besuchen. Mein Herz pocht laut, denn ich habe zwei ausgedruckte Portraits von den beiden dabei, die ich ihnen geben will. Ich bin so gespannt, wie sie reagieren werden!

Schnell eingeparkt, klemme ich die beiden 20x30 Prints unter den Arm. Durch die Fenster des weißen Hauses sehe ich einen Flüchtling, der mit freiem Oberkörper am Fenster steht - frisch geduscht. Seine stählernen Muskel spiegeln sich im Zimmerlicht (es stellt sich später heraus, dass der feine Kerl Ibrahim ist, den ich Wochen später fotografieren werde).

Im Erdgeschoss duftet es nach frischer Suppe - ich genieße das jedes Mal. Ich klopfe kurz an und mir wird geöffnet. Ibrahim und Yassanew sind da, sie schauen Fernsehen.

Ich freue mich sehr, sie zu sehen. Doch Ibrahim wirkt sehr bedrückt. Ich gebe ihm das Foto, er bedankt sich, doch er ist zu traurig. Ich frage ihn, was los ist, und er gibt mir in wenigen Worten zu verstehen, dass er immer noch keine Arbeit habe und er das enge Zusammensein mit den anderen Flüchtlingen leid hat.

Er tut mir so leid. Yassaweh ist ähnlich gestimmt, doch er bekommt ein breites Lächeln, als er das Foto sieht. Ich bitte ihn, mich einwenig durchs Heim zu begleiten. Vor ein paar Wochen erzählte er mir noch, dass sein Traumjob „Security“ sei.

„Yassanew, ich brauche jemand, der mich beschützt!“ scherze ich ein bisschen und sein Gesicht erhellt sich wieder. Auch Ibrahim lächelt ein bisschen. Yassanew begleitet mich ins Nebenzimmer, dort leben seit 15 Monaten sieben Flüchtlinge aus Gambia in einem sehr engen, abgedunkelten Raum.

Ihr Zimmer ist geschmückt mit einer großen Afrika-Karte, Stoffen, Postern, die an ihre Heimat erinnern. Zwei sitzen vor einem Fernseher und gucken Nachrichten, in denen über globalen Terrorismus berichtet wird.

Ich versuche, irgendwie mit den Männern ins Gespräch zu kommen, doch heute habe ich kein Glück. Yassanew begleitet mich in die hell beleuchtete Küche. Am alten Herd steht ein großer, kräftiger Mann, der mit einem Holzlöffel einen roten Topf bedient.

Sein Name ist Fofana Senesie und ich brauche ganze drei Anläufe, um mir seinen Namen zu merken, der mir im Gespräch immer wieder entfällt. Ich mache Scherze über mich selbst und Fofana lächelt einwenig.

Doch sein Lächeln ist überzogen von Trauer. Ich entscheide mich dafür, ihn nicht zu fragen, warum er hier ist, das wäre jetzt zu viel. Doch er ist bereit, sich kurz von mir fotografieren zu lassen - zieht sich ein anderes T-Shirt an und stellt sich in den Gang.

Fofana stellt sich an die Wand, schaut mich an, und ich mache ein Foto. Dann geht er in sein Zimmer, er möchte alleine sein. Es ist jetzt nicht an der Zeit, ihm hinterherzulaufen. So packe ich meine Kamera und verabschiede mich in der Küche.

-

Meine naive Vorfreude, ihnen ein Foto zu bringen traf direkt auf die Lebensrealität der Flüchtlinge. Diese Jungs kommen aus der deprimierenden Lage nicht heraus. Sie führen doch so ein anderes Leben, wie ich. Sie sind diejenigen, die dringend Hilfe brauchen.

Doch ich kann das nicht leisten. Ich bin der „Foto-Mann“. Ich kann nichts ändern, doch ich kann versuchen, wenigstens ein paar Minuten für diese Jungs da zu sein. Zuzuhören.

Und mit den Bildern, die ich von Ihnen mache, das Bild, das meine Freunde im Netz von Flüchtlingen haben, ein bisschen verändern. Das ist meine Hoffnung.

Fotofana Senesie, sei willkommen in Deutschland. Möge dieses Land Deine Trauer lindern. Mögest Du Freunde finden und Arbeit. Wegbegleiter, die Dich unterstützen und aufmuntern, wenn Du nicht mehr weiter weißt. Friede mit Dir.___

posted image

2015-02-05 13:10:54 (4 comments, 7 reshares, 52 +1s)Open 

Freunde für zehn Minuten

Es ist kurz vor halb 10, bitterkalt und meine Fingerspitzen frieren selbst unter den dicken Termohandschuhen. Ich frage mich, ob heute Morgen überhaupt jemand mit mir sprechen wird, da es so kalt ist. Kein gutes Wetter für Plaudereien.

Ob es in den Flüchtlingsheimen auch so kalt ist? Sind die Räume dort gut beheizt? Ich hoffe, dass ich dies in den nächsten Wochen herausfinden werde.

Ich stehe an der Kreuzung vor der Landes-Erstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge. Ein Mann starrt mich aus seinem Auto heraus an, meine Kamera provoziert wohl ein bisschen.

Ich treffe zwei Jungs, Ibrahim und Achmad aus Gambia. Sie begegnen mir sehr nett, müssen aber dringend weiter. Auch die Autos rauschen vorbei.

Keine Minute später läuft ein Mann namens Baladoku auf mich zu und wir verständigen uns auf Englisch. Baladoku ist ein schmalerMann mit Ka... more »

Freunde für zehn Minuten

Es ist kurz vor halb 10, bitterkalt und meine Fingerspitzen frieren selbst unter den dicken Termohandschuhen. Ich frage mich, ob heute Morgen überhaupt jemand mit mir sprechen wird, da es so kalt ist. Kein gutes Wetter für Plaudereien.

Ob es in den Flüchtlingsheimen auch so kalt ist? Sind die Räume dort gut beheizt? Ich hoffe, dass ich dies in den nächsten Wochen herausfinden werde.

Ich stehe an der Kreuzung vor der Landes-Erstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge. Ein Mann starrt mich aus seinem Auto heraus an, meine Kamera provoziert wohl ein bisschen.

Ich treffe zwei Jungs, Ibrahim und Achmad aus Gambia. Sie begegnen mir sehr nett, müssen aber dringend weiter. Auch die Autos rauschen vorbei.

Keine Minute später läuft ein Mann namens Baladoku auf mich zu und wir verständigen uns auf Englisch. Baladoku ist ein schmaler Mann mit Kappe, gleichförmigem Gesicht und fein ausrasiertem Bart.

Auf die Frage, woher er sei, antwortet er „from Karlsruhe“. Für Baladoku ist es eine Selbstverständlichkeit. Ich muss nachhaken, um herauszufinden, was seine ursprüngliche Heimat ist. Ein kleines Missverständnis führt zu seiner Antwort: „My country is no good, is war, fights…“ Baladokus Heimat ist aus Nigeria, wie sich herausstellt.

„Because of Bokoh Haram. That's why I come here.“ Baladoku hat keine Familie und lebt seit zwei Wochen in Karlsruhe. Mit klarer Stimme erzählt er mir, dass er von Nigeria nach Frankreich geflogen sei, dort zwei Tage geblieben und anschließend nach Karlsruhe gekommen ist.

Auch Baladoku wurde von Boko Haram angegriffen. Auch er sollte getötet werden. Baladoku verlor Familie und Freunde, konnte dem sicheren Tod jedoch entrinnen. Wir sprechen darüber, wie er es geschafft hatte, zu entkommen und ich sage ihm, „you are a strong man“.

Wir wissen beide, dass Stärke nicht immer das Entscheidende ist, doch ich sehe in diesem Mann eine Entschiedenheit, wie sie mir selten begegnet. Und dies sage ich ihm auch.

„If you catch me, you are going down.“ Das klingt nun etwas übertrieben, doch er würde alles tun, um zu überleben. Und das ist auch der Grund, warum er es bis nach Deutschland geschafft hat. Dafür bewundere ich ihn. Das macht ihn für mich zum Helden.

Ich zeige ihm meine Webseite auf dem iPhone, um ihm zu verdeutlichen, was ich mache - denn Baladoku möchte sehen, was ich bisher gemacht habe. Je mehr Bilder ich ihm zeige, umso größer wird sein Vertrauen und schließlich willigt er ein, dass ich ihn fotografieren dürfe.

Und wie ich mich darüber freue! „You made my day!“ Ich kann nicht anders, als ihm zu sagen, dass ich ihn mag. „You like me?“ fragt Baladoku etwas ungläubig. „Yes. I like you.“ Und das stimmt auch. In den vergangenen zehn Minuten habe ich diesen Mann schätzen gelernt.

Allade Shoue Baladoku (das ist sein vollständiger Name), bedankt sich höflich „I'm very happy to you“ und wir verabschieden uns. Am liebsten würde ich mit ihm mitgehen und weiter ein Freund für ihn bleiben. Doch jetzt muss ich ihn ziehen lassen. Zwei Leben haben sich für zehn Minuten getroffen und dann geht die Reise weiter.

Es mag vielleicht blöd klingen, aber ich werde Baladoku vermissen. Ich verspreche ihm, dass ich über ihn schreiben werde.

Baladoku, sei herzlich willkommen in Deutschland. Ich hoffe, dass Du hier ein sicheres Zuhause finden und nicht immer vom letzten Groschen leben musst. Dass Du neue Freunde finden wirst, die Dir zur Seite stehen und Dich unterstützen. Danke, dass es Dich gibt.___

posted image

2015-02-03 16:15:10 (11 comments, 6 reshares, 36 +1s)Open 

Es ist Ende Dezember. Ich fahre mit meinem Auto zum Parkplatz in der Nähe der Landes-Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Bevor ich einbiege, sehe ich einen Mann, der etwas trägt, das aussieht wie eine große Puppe. Die Beine baumeln leblos hin und her. Ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache, doch ich parke erst mal ein.

Kaum ausgestiegen sehe ich linker-hand den Mann auf mich zulaufen. Er händigt mir einen Zettel aus, auf dem eine kleine Karte der Oststadt in Karlsruhe eingezeichnet und die Adresse eines Arztes markiert ist. Der Mann versteht mich kaum und er ist verzweifelt. Hält den Finger immer wieder auf die Karte.

Um seine Situation zu verdeutlichen, dreht es sich zur Seite und ich sehe, was er auf seinen Schultern trägt. Es ist ein kreidebleiches Mädchen, vielleicht 3 Jahre alt. Sie hat viel zu große Kleider an an und die kastanienbraunen Haare wehen durch ihrfeines Ges... more »

Es ist Ende Dezember. Ich fahre mit meinem Auto zum Parkplatz in der Nähe der Landes-Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Bevor ich einbiege, sehe ich einen Mann, der etwas trägt, das aussieht wie eine große Puppe. Die Beine baumeln leblos hin und her. Ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache, doch ich parke erst mal ein.

Kaum ausgestiegen sehe ich linker-hand den Mann auf mich zulaufen. Er händigt mir einen Zettel aus, auf dem eine kleine Karte der Oststadt in Karlsruhe eingezeichnet und die Adresse eines Arztes markiert ist. Der Mann versteht mich kaum und er ist verzweifelt. Hält den Finger immer wieder auf die Karte.

Um seine Situation zu verdeutlichen, dreht es sich zur Seite und ich sehe, was er auf seinen Schultern trägt. Es ist ein kreidebleiches Mädchen, vielleicht 3 Jahre alt. Sie hat viel zu große Kleider an an und die kastanienbraunen Haare wehen durch ihr feines Gesicht. 

Sofort frage ich, ob ich ein Foto machen darf, doch der Mann möchte das nicht. Ich versuche, ihn zu überreden, denn ich möchte diese schreckliche Situation zeigen können. Doch er wimmelt mich ab. Verständlich. Er hat gerade ganz andere Sorgen.

Stelle Dir mal vor: Du hast Deine geliebte Heimat verlassen und bist weit weg in ein fremdes Land geflüchtet, dessen Regeln und Gepflogenheiten nicht kennst. Die Reise ist anstrengend, Du bist erschöpft, wirst mit vielen anderen in einer Aufnahmestelle kurzfristig beherbergt.

Doch Deine Tochter ist krank. Ihr Zustand verschlimmert sich, so dass sie sich nicht mehr bewegen kann und auf keines Deiner Worte reagiert. 

Aufgeregt suchst Du nach einem Arzt in der Aufnahmestelle, 1000 fremde Stimmen wirbeln durch Dein Ohr, doch alles, was Du bekommst, ist ein Zettel mit einer Karte drauf. Die Beschriftungen sind krumme, komische Zeichen, die Du nicht entziffern kannst. 

So schickt man Dich los. Du weißt nicht, wo Du bist und Du weißt nicht, wo Du hinmusst. Legst Dir Dein geliebtes Töchterlein um die Schultern und läufst einfach los, in der Hoffnung, doch den Arzt zu finden. 

Deine Tochter reagiert nicht mehr, doch Du spürst das Klopfen des kleinen Herzchen auf der Schulter. Du weißt, dass Du es schaffen musst, doch Du weißt auch, dass Du in einem Labyrinth bist, dessen Ausgang Du nicht kennst.

Du hast Angst um Deine Tochter. Sie jetzt zu verlieren würde Dein Leben zermürben. Es wäre das Wahrwerden aller Ängste, die Du als Vater ohnehin schon hast. Du würdest Dir Dein restliches Leben Vorwürfe machen - wenn es denn dann überhaupt noch lohnenswert ist, weiterzuleben. 

-

Nun steht dieser Mann mit seiner Tochter vor mir. Ich versuche ihm, zu erklären, wie er zum Arzt kommt, doch es ergibt keinen Sinn. Er versteht mich ja nicht. Ich weiß: Er würde nie ankommen. Er ist verloren.

Ich entschließe mich schnell, die Beiden zum Arzt zu fahren. Wir laufen schnell zum Auto und legen seine Tochter in den Kindersitz. Ich habe auch Kinder. Quietschlebendig, neugierig und voller Leben.

Nicht so dieses Kind. Das Mädchen sackt regungslos in sich zusammen und öffnet seine Augen, die gen Himmel verdreht sind. Ich glaube, dass in diesem Mädchen nicht mehr viel Leben ist. Nur ein klitzekleiner Hauch. Viellicht irre ich mich auch. Die Angst um dieses Kind durchfährt meinen ganzen Körper.

Bitte stirb nicht, kleines Mädchen. Nicht jetzt. Du hast es so weit geschafft. Bleib stark.

Hastig tippe ich die Adresse ins Navi und rase los. Unterwegs sagt der Mann das erste Wort und einzige Wort, das ich verstehen kann. „Epilepsie“. Bleib stark, Mädchen. Ihr Mund steht offen und sie verliert Spucke.

Ich konzentriere mich aufs Fahren. Keine 3 Minuten später bremse ich vor der Arztpraxis. „Here we are!“ rufe ich, der Mann öffnet die Tür, schnallt seine Tochter ab und legt sie sich um.

Ich schaue ihm hinterher und schnaufe durch.

Dann fahre ich nach Hause. Doch im Auto kommen mir die Tränen. Ich rufe meine Frau an und erzähle ihr aufgeregt, was mir gerade passiert ist. Ich kann das alles gar nicht fassen, das ging so schnell. Zu schnell.

Meine Frau tröstet mich und sagt, dass sie stolz auf mich ist und ich das Richtige getan hätte. Diese Worte sind wie Honig. Im Büro angekommen spreche ich noch mit meinem Freund Daniel darüber. Ich muss das loswerden. Ich muss... ich muss... ich bin... alles und nichts auf einmal. 

Im Redaktions-Chat des Foto-Magazines, für das ich Herausgeber bin, fragt mich eine Redakteurin, der ich auch davon erzählt habe, wie es jetzt wohl weitergehen wird mit dem Mädchen. 

Da fällt mir auf: Ich werde die beiden nicht mehr sehen. Flüchtlinge, die in die Erstaufnahmestelle kommen, bleiben meist nur kurz. 

Das Mädchen wird mir die folgenden Tage nicht aus dem Kopf gehen. Ich werde immer wieder daran denken müssen. Bleib stark, kleines Mädchen.___

posted image

2015-02-02 12:23:21 (2 comments, 2 reshares, 29 +1s)Open 

Es ist Montag, der 2. Februar und ich bin wieder mit der Kamera unterwegs. Es ist kalt und nass. Ekelhaftes Wetter.

Vor der Landes-Erstaufnahme-Stelle treffe ich eine Gruppe von sieben Menschen aus dem Kosovo. Ein Ehepaar mit Kind, ein junger Kollege mit Undercut, zwei etwa gleichaltrige Herren mit markantem Gesicht und ein etwas älterer Mann.

Bisher bin ich größeren Gruppen stets aus dem Weg gegangen, weil ich leichter mit einzelnen Menschen ins Gespräch komme. Doch die sympathischen Gesichter nehmen schon von weitem Blickkontakt mit mir auf.

Unser Gespräch kommt schnell in Gang und der Jüngste mit Zopf und Undercut übernimmt das Übersetzen. Enis ist 17 Jahre alt und erzählt mir, dass die Gruppe schon eine Weile in Deutschland sei.

Enis ist schlank, hat ein feines Gesicht und vertraut mir schnell die Probleme an, denen die Gruppe in ihrer Heimatausgeset... more »

Es ist Montag, der 2. Februar und ich bin wieder mit der Kamera unterwegs. Es ist kalt und nass. Ekelhaftes Wetter.

Vor der Landes-Erstaufnahme-Stelle treffe ich eine Gruppe von sieben Menschen aus dem Kosovo. Ein Ehepaar mit Kind, ein junger Kollege mit Undercut, zwei etwa gleichaltrige Herren mit markantem Gesicht und ein etwas älterer Mann.

Bisher bin ich größeren Gruppen stets aus dem Weg gegangen, weil ich leichter mit einzelnen Menschen ins Gespräch komme. Doch die sympathischen Gesichter nehmen schon von weitem Blickkontakt mit mir auf.

Unser Gespräch kommt schnell in Gang und der Jüngste mit Zopf und Undercut übernimmt das Übersetzen. Enis ist 17 Jahre alt und erzählt mir, dass die Gruppe schon eine Weile in Deutschland sei.

Enis ist schlank, hat ein feines Gesicht und vertraut mir schnell die Probleme an, denen die Gruppe in ihrer Heimat ausgesetzt war. Er selbst habe auf der Baustelle gearbeitet. 2 Monate hier, 1 Monat da, immer irgendwo anders.

Dann fällt das Wort Mafia zu ersten Mal. Die Mafia den Kosovo in kürzester Zeit umgekrempelt und die ganze Gesellschaft mit Drogenhandel unterwandert. Dann wäre die Armut gekommen und die Arbeitsloskeit auch. Enis sagt, er habe mehrere Tage weder Essen, Trinken noch Strom gehabt.

Schlimme Bilder steigen mir zu Kopfe. Ich stelle mir Enis vor, wie er ausgehungert und nach Wasser lechzend um sein Leben kämpft. Im Dunkeln. 

Muhammed, ein hagerer Mann mit dem weißen Schal erzählt, dass er 15 Jahre als Kellner gearbeitet habe. Auch hier: Von einem zum nächsten Moment überfiel Muhammed die Arbeitslosigkeit. Kein Geld, nichts mehr.

Lerim, ein weiterer junger Herr war Musikproduzent, übersetzt Enis. Hier frage ich nicht mehr nach, denn ich kann mir den Ausgang seiner Geschichte denken. Weder Arbeit noch Geld zu haben bedeutet eine direkte Bedrohung des eigenen Lebens. Und sie kommt ohne Vorwarnung. 

Enis und die anderen sind sichtlich deprimiert - während sie erzählen, scheinen sie noch blasser zu sein, als sie sowieso schon sind. Doch - bis auf die kleine Familie, die leider weiter muss - bleiben alle bei mir stehen. Sie wollen erzählen, sie wollen gehört werden.

Enis erwähnt immer wieder, dass er sich wünsche, einmal im Fernsehen ein Interview zu bekommen. Diese Männer wollen unbedingt, dass die Welt erfährt, wie es ist, im Kosovo zu (über-)leben.

Enis meint, dass Deutschland ein gutes Land sei. "Hier hast du alles. Schule, Essen, alles. Hier ist es perfekt. Normal."

Wie ich ihnen doch wünsche, die Normalität einmal genießen zu können. Doch dieser Wunsch wird wohl erstmal ein Wunsch bleiben. 

Als ich sie frage, wie es ihnen in Deutschland bisher ergangen sei, verrät Enis sichtich besorgt, dass es in ihrem FLüchtlingsheim fürchterlich sei. Die Gruppe sei mit 700 (!) anderen Menschen in einem Raum. Überall wären Securities, das Essen sei ungenießbar und die Sanitäranlagen in einem Container.

Mit klarer Stimme betont Enis: "Die Toiletten sind eine perfekte Katastrophe. Perfekte Katastophe."

Dann mache ich noch ein paar Einzelportraits und fotografiere auch den 46-jährigen Ibus. Er wirkt vom Leben gezeichnet. Armer Mann. 

Ich verspreche Enis, dass ich ihn besuchen und die Fotos vorbeibringen werde. Wir tauschen Telefonnummern und Facebook-Profile aus. Enis hat ein kaputtes, altes iPhone. Wenigstens etwas, das halbwegs funktioniert. Auch diesen Beitrag wird er lesen.

Im Moment unserer Verabschiedung schaue ich den Jungs noch eine Weile hinterher. Ich fühle Trauer und bin beschämt für die Zustände, in denen sie hier in Karlsruhe leben müssen. Ich weiß, dass ich an ihrer Stelle längst durchgedreht wäre.

Ich packe meine Kamera ein und laufe zurück zum Auto. Auf dem Heimweg vergesse ich oft, was um mich herum passiert und muss immerzu an Enis denken. Teile seiner Worte springen auf, Bilder von Hunger und der Mafia.

Enis, Muhammed, Lerim und Ibus: Seid herzlich willkommen in Deutschland. Ich hoffe so sehr, dass Ihr hier Arbeit und eine Bleibe finden werdet - mit weniger Menschen um Euch herum und sanitären Anlagen die keine Katastrophe sind. Ihr habt es so weit geschafft. Seid stark. Bleibt stark. ___

posted image

2015-01-31 19:09:14 (1 comments, 8 reshares, 56 +1s)Open 

Es ist Freitag, der 23. Januar, als mich diese Nachricht von einem Stefan in meinem Posteingang überrascht:

"Hallo Martin,

seit ein paar Tagen nun verfolge ich deine Arbeit und heute Morgen glaube ich dich sogar gesehen zu haben.

Ich arbeite in der EnBW nur einen Steinwurf entfernt von dem Ort, an dem du deine Bilder machst.

Der Kontrast der beiden Welten, in denen wir beide täglich unterwegs sind, könnte wohl größer nicht sein.

Meine Neugierde, meine Scham und mein Interesse aber auch nicht.

Würdest du dir vielleicht die Zeit für einen Kaffee mit mir nehmen?"

Wir schreiben ein bisschen hin- und her und ein paar Tage später bin ich wieder mit der Kamera unterwegs, um Flüchtlinge zu treffen. Doch ich entscheide mich kurzfristig um, da ich direkt vor dem EnBW-Gebäude stehe, welches sich schräg gegenüber von derLandes-Erst... more »

Es ist Freitag, der 23. Januar, als mich diese Nachricht von einem Stefan in meinem Posteingang überrascht:

"Hallo Martin,

seit ein paar Tagen nun verfolge ich deine Arbeit und heute Morgen glaube ich dich sogar gesehen zu haben.

Ich arbeite in der EnBW nur einen Steinwurf entfernt von dem Ort, an dem du deine Bilder machst.

Der Kontrast der beiden Welten, in denen wir beide täglich unterwegs sind, könnte wohl größer nicht sein.

Meine Neugierde, meine Scham und mein Interesse aber auch nicht.

Würdest du dir vielleicht die Zeit für einen Kaffee mit mir nehmen?"

Wir schreiben ein bisschen hin- und her und ein paar Tage später bin ich wieder mit der Kamera unterwegs, um Flüchtlinge zu treffen. Doch ich entscheide mich kurzfristig um, da ich direkt vor dem EnBW-Gebäude stehe, welches sich schräg gegenüber von der Landes-Erstaufnahme-Stelle für Flüchtlinge befindet.

Es handelt sich hierbei um einen prächtigen Bau, groß und verglast und mit einem Blick nicht zu erfassen. Automatische Schiebetüren, ein großräumiges Foyer und spiegelnde Oberflächen. Nach Wikipedia ist die EnBW ein börsennotiertes Energieversorgungsunternehmen mit Sitz in Karlsruhe. Das Unternehmen ist nach E.ON und RWE das drittgrößte Energieunternehmen in Deutschland.

Ich krame die Telefonnummer von Stefan aus dem Smartphone und rufe ihn an. "Gib mir 2 Minuten, ich komme runter." Also laufe ich zum Eingang und warte. Das Foyer hallt mehr, als ich es vermutet habe und ringsum sitzen Männer in Anzügen und sprechen kaum wahrnehmbar über wichtige Dinge.

Ich erkenne Stefan von weitem, denn er ist der einzige, der mir entgegenläuft und zulächelt. Ein schmaler Mann mit kurzen Haare, Dreitagebart, Turnschuhen und einem schicken Winterpulli. Stefan holt sich einen Kaffee und bezahlt: Ohne Geld. Mit einer Karte, die sein Konto belastet.

Wir setzen uns in der Nähe der hauseigenen Cafeteria und beginnen zu plaudern. Was Stefan brennend interessiert ist, wie ich auf die Idee gekommen bin, meine Serie zu machen. Und: Ob ich wirklich einfach die Menschen zugehe.

Stefan ist mir sehr sympathisch und wir verstehen uns auf Anhieb. Wir lachen viel und die Chemie stimmt. Wunderbar. Doch Stefan ist auch verzweifelt. "Ich halte es fast nicht aus. Wir sitzen hier in diesem riesigen Gebäude, die EnBW hat einen Jahresumsatz von 19,2 Mrd. und da drüben sind diese Flüchtlinge, die gar nichts haben."

Wir kommen zum Kern des Treffens. Stefan will unbedingt etwas tun, aber er weiß nicht, was. Er hat ein gutes Gehalt und es geht ihm - eigentlich - bestens. Doch dieser Kontrast zwischen reich und arm zermürbt ihn. Als er mir erzählt, dass er DJ ist und ab und auflegt, frage ich ihn, ob er nicht Lust hätte, für ein paar Flüchtlinge aufzulegen.

Seine Augen glitzern. Das wäre geil. Doch wie anfangen? Und vor allem wo? Stefan hat noch zu viele Fragen. Ich erzähle ihm, dass die Flüchtlinge hier in Karlsruhe morgens keinen Kaffee bekämen, weil das nicht im Versorgungsplan vorgesehen wäre.

Wieder glitzern seine Augen. "Das mach ich. Nehme morgens ein paar Kaffeekannen mit und biete Flüchtlingen den Kaffee an." Wir sprechen darüber, wie oft kleine Gesten einen großen Unterschied machen können und graben noch ein paar weitere Ideen aus. Es ist ein wunderbares Gespräch, die Zeit vergeht unmerklich.

Wir schmunzeln und erzählen uns Geschichten über unsere Erfahrungen, sind wütend auf die soziale Ungerechtigkeit und wissen beide: Wir wollen etwas verändern. Jeder auf seine Art, jeder, mit dem, was er hat.

Als ich aufbreche und ich ihn spontan umarme, ist uns beiden klar, dass wir uns nicht das letzte Mal gesehen haben. "Hey, komm doch mal, wenn ich in einer Disco auflege!" ruft er mir zu, als ich schon am Ausgang stehe. "Klar! Gerne!" rufe ich zurück und winke ihm zu.

In den folgenden Tagen denke ich immer wieder über unser Treffen nach. Und folgender Gedanke schießt mir in den Kopf: Wenn Menschen sich aufgrund meiner Bilder fragen, was sie tun können, um Flüchtlingen zu helfen und das dann auch tun, dann hat mein Projekt tatsächlich Sinn. Dann lohnt es sich.

Danke, Stefan.___

posted image

2015-01-29 12:05:41 (1 comments, 3 reshares, 24 +1s)Open 

„40 Jahre keine Arbeit.“

Assan und sein 11jähriger Sohn kommen aus Mazedonien Beide lächeln mir schon aus der Ferne zu und so ist es denkbar einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die beiden strahlen eine Freude aus, die ich bei Flüchtlingen selten zu sehen bekommen habe, denn die meisten leiden sehr unter ihrer Geschichte und können so gar nicht genießen, „angekommen“ zu sein.

Doch zu meiner Verwunderung sprechen beide ein mittelgutes Deutsch. Assan hat Augen wie ein leuchtender Kristall, sie funkeln lichterloh im trüben Sonnenlicht des Morgens.

Ich mache ihm einige Komplimente und wir beginnen ein intensives Gespräch, das jetzt schnell eine Wendung nimmt. Assans Wut und Verzweiflung ist deutlich zu spüren und sein Lächeln ist auf einmal verschwunden.

Er habe 40 Jahre keine Arbeit gefunden, was bedeutet, dass er in diesen Jahrenkein Geld hatte. ... more »

„40 Jahre keine Arbeit.“

Assan und sein 11jähriger Sohn kommen aus Mazedonien Beide lächeln mir schon aus der Ferne zu und so ist es denkbar einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die beiden strahlen eine Freude aus, die ich bei Flüchtlingen selten zu sehen bekommen habe, denn die meisten leiden sehr unter ihrer Geschichte und können so gar nicht genießen, „angekommen“ zu sein.

Doch zu meiner Verwunderung sprechen beide ein mittelgutes Deutsch. Assan hat Augen wie ein leuchtender Kristall, sie funkeln lichterloh im trüben Sonnenlicht des Morgens.

Ich mache ihm einige Komplimente und wir beginnen ein intensives Gespräch, das jetzt schnell eine Wendung nimmt. Assans Wut und Verzweiflung ist deutlich zu spüren und sein Lächeln ist auf einmal verschwunden.

Er habe 40 Jahre keine Arbeit gefunden, was bedeutet, dass er in diesen Jahren kein Geld hatte. Assan ist 54. Seine Familie wäre zu fünft und sie hätten kein Zimmer gehabt. Sie waren obdachlos. Ramadan sei nicht zur Schule gegangen.

Das übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Mit meinen 34 Jahren habe ich nichtmal so lange gelebt, wie dieser Mann arbeitslos war. Aber eines weiß ich: Dass mich eine solche Zeit erdrücken würde und ich erst Recht keine Kraft dazu hätte, eine Flucht zu organisieren, geschweige denn, durchzuführen. So muss der Leidensdruck enorm für diese Familie gewesen sein. 

Assan macht wiederholt deutlich, dass er den Präsidenten von Mazedonien für einen Mafiosi halte. Ich kenne mich in der mazedonischen Politik nicht aus, und kann die Richtigkeit seiner Einschätzung nicht überprüfen - doch ich bin nicht hier, um Fakten zu validieren.

Ich bin hier, um zuzuhören. Ramadan, der Sohn, hört unserem Gespräch gespannt zu, ohne sich einzumischen. Als er mir ein bisschen über sich erzählt, funkeln auch seine Augen. Ramadan hat sein gutes deutsch von seinem Vater gelernt - worauf Assan offensichtlich stolz ist. 

Ob das Erlernen der Fremdsprache zur Vorbereitung auf eine lange geplante Flucht geschah, kann ich nur vermuten. Ich möchte den Vater nicht länger mit der Vergangenheit belasten - da er ohnehin aufgebracht  ist, ohne unfreundlich zu sein. 

Zwei Männer aus dem Kosovo stellen sich zu uns und lauschen der Konversation. Sie nicken verständnisvoll und sind interessiert an der Geschichte Assans. Diese Menschen sind in ihrem Leid vereint.

Ich schließe meine Notizen ab, verneige mich und wünsche allen das Beste für ihr Leben.

Assan und Ramadan, seid herzlich willkommen in Deutschland. Mögest Du, Assan die Erlaubnis, zu arbeiten, schnell bekommen. Mögest Du, Ramadan eine Schule besuchen dürfen. Möget Ihr in Deutschland warm und freundlich empfangen werden und Eure Familie ein Dach über dem Kopf finden, das Euch Schutz und Sicherheit bieten kann.___

posted image

2015-01-27 16:21:03 (2 comments, 6 reshares, 47 +1s)Open 

„Ich werde um mein Leben kämpfen. Bis mir die Kraft ausgeht. Deshalb bin ich hier.“

Das ist Muhammed aus Gambia. Ein Mann wie ein Berg, kräftige Schultern und Arme wie ein Baum. Ein humorvoller Kerl, mit dem ich sofort ins Gespräch kam.

Doch Muhammed ist schüchtern und es braucht eine Weile, bis er mir erzählt, wer er ist. Seine Familie ist immer noch in Gambia und er kam hierher, um für sein Leben zu kämpfen „until my power is finished“.

Dieser Satz kann viel bedeutet, auch seinen Tod. Doch ich bohre nicht weiter nach. Muhammed ist seit 11 Monaten in Deutschland.

Wir sprechen über seine Heimat, Banjul in Gambia. Ich frage ihn, ob er zuhause eine Freundin hatte.
„Nein“, sagt Muhammed. „Niemals.“ Er habe kein Geld gehabt und habe immer noch keines. Wenn man heirate und Kinder habe, dann würde das ohne Geld nicht funktionieren.
Mir wird klar, dass da... more »

„Ich werde um mein Leben kämpfen. Bis mir die Kraft ausgeht. Deshalb bin ich hier.“

Das ist Muhammed aus Gambia. Ein Mann wie ein Berg, kräftige Schultern und Arme wie ein Baum. Ein humorvoller Kerl, mit dem ich sofort ins Gespräch kam.

Doch Muhammed ist schüchtern und es braucht eine Weile, bis er mir erzählt, wer er ist. Seine Familie ist immer noch in Gambia und er kam hierher, um für sein Leben zu kämpfen „until my power is finished“.

Dieser Satz kann viel bedeutet, auch seinen Tod. Doch ich bohre nicht weiter nach. Muhammed ist seit 11 Monaten in Deutschland.

Wir sprechen über seine Heimat, Banjul in Gambia. Ich frage ihn, ob er zuhause eine Freundin hatte.
„Nein“, sagt Muhammed. „Niemals.“ Er habe kein Geld gehabt und habe immer noch keines. Wenn man heirate und Kinder habe, dann würde das ohne Geld nicht funktionieren.

Mir wird klar, dass das Dasein als Flüchtling auch bedeutet, dass ein starker und hübscher Mann wie Muhammed keine Beziehung führen kann. Muhammed hat jedoch damit abgeschlossen.

Des weiteren erzählt er mir, dass er Muslim ist und 5 mal am Tag bete. Muhammed hat keinen Koran, aber einen Teppich, den ich auf seinem Spind entdecke. Er bete auf „koranisch“ und zitiert ein paar Zeilen aus seinem Gebet.

Ich mache Muhammed Komplimente. Doch er streitet alles ab. Und seine Muskeln wären „only water“ - doch dann muss ich einwenig lachen, necke ihn und er kichert mit. Muhammed ist ein toller Mensch.

Doch zum Fotografieren erlaubt mir Muhammed nur ein einiges Mal abzudrücken. Ich also meine Chance nutzen. Das Licht ist denkbar schlecht, doch wenn nicht jetzt, dann nie. So mache ich einen Schritt zur Seite und versuche mein Glück.

Jetzt habe ich Lust auf mehr, doch Muhammed bleibt hart. „One photo“. Und das hat sich gelohnt. Mal sehen, was er sagt, wenn ich ihm den Druck des Bildes vorbeibringe.

Auf diesen Moment freue ich mich, wie ein kleines Kind.

Muhammed, willkommen in Deutschland. Ich wünsche Dir, dass Dir Dein Leben irgendwann erlaubt, eine Frau zu finden und Kinder zu haben. Mögest Du immer die Freiheit haben, Deine Religion auszuüben.___

Buttons

A special service of CircleCount.com is the following button.

The button shows the number of followers you have directly in a small button. You can add this button to your website, like the +1-Button of Google or the Like-Button of Facebook.






You can add this button directly in your website. For more information about the CircleCount Buttons and the description how to add them to another page click here.

Martin GommelTwitterCircloscope