Test CircleCount PRO now!
Login now

Not your profile? Login and get free access to your reports and analysis.

Tags

Sign in

No tag added here yet.
You can login on CircleCount to add some tags here.

Are you missing a tag in the list of available tags? You can suggest new tags here.

Login now

Do you want to see a more detailed chart? Check your settings and define your favorite chart type.

Or click here to get the detailed chart only once.

Shared Circles including Martin Gommel

Shared Circles are not available on Google+ anymore, but you can find them still here.

The Google+ Collections of Martin Gommel

101080167733770848150 has no public Google+ Collections yet.

Activity

Average numbers for the latest posts (max. 50 posts, posted within the last 4 weeks)

0
comments per post
5
reshares per post
25
+1's per post

2,886
characters per posting

Top posts in the last 50 posts

Most reshares: 41

posted image

2015-10-27 08:41:27 (0 comments; 41 reshares; 76 +1s)Open 

Sein fester Blick ist entschlossen auf die Ausgangstür des Supermarktes gerichtet. In Minutenabständen verlassen Italiener*innen den Store und der Mann, der auf einem alten Hocker sitzt, verabschiedet die vorbeiziehenden Menschen. Er ist die Freundlichkeit in Person.

David schaut mich lächelnd an, als ich ihm die Hand reiche und mich zu ihm setze. Ich krame mein Handy aus der Tasche und tippe ein paar Wortfetzen in meine Übersetzungsapp, denn David kommt aus Mali und spricht Französisch.

Zwischen dem langsamen Wortaustausch gestikuliere ich mit Mimik und Händen und auch David zeigt mir mit Gesichtsausdrücken und Malbewegungen, dass er mir wohlgesonnen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb.

David lebt seit sieben Monaten auf der Straße und derzeit hier, unter dieser Treppe. Er bekam in Italien kein Asyl und fällt somit durch das Raster der hiesigen Gesellschaft. KeineSozialle... more »

Most plusones: 76

posted image

2015-10-27 08:41:27 (0 comments; 41 reshares; 76 +1s)Open 

Sein fester Blick ist entschlossen auf die Ausgangstür des Supermarktes gerichtet. In Minutenabständen verlassen Italiener*innen den Store und der Mann, der auf einem alten Hocker sitzt, verabschiedet die vorbeiziehenden Menschen. Er ist die Freundlichkeit in Person.

David schaut mich lächelnd an, als ich ihm die Hand reiche und mich zu ihm setze. Ich krame mein Handy aus der Tasche und tippe ein paar Wortfetzen in meine Übersetzungsapp, denn David kommt aus Mali und spricht Französisch.

Zwischen dem langsamen Wortaustausch gestikuliere ich mit Mimik und Händen und auch David zeigt mir mit Gesichtsausdrücken und Malbewegungen, dass er mir wohlgesonnen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb.

David lebt seit sieben Monaten auf der Straße und derzeit hier, unter dieser Treppe. Er bekam in Italien kein Asyl und fällt somit durch das Raster der hiesigen Gesellschaft. KeineSozialle... more »

Latest 50 posts

posted image

2016-02-08 16:23:20 (0 comments; 1 reshares; 15 +1s)Open 

Nach ca. 12 Stunden Reisezeit bin ich heute morgen mit Andreas Tichon von Welcome Help hier auf Samos gelandet. Die Nacht war recht anstrengend, da wir zwei mal umsteigen und in Athen 4 Stunden Wartezeit hatten. Es folgen ein paar Impressionen. 

Samos ist gefühlt halb so groß wie Lesbos und wir haben erfahren, dass nach der Ruhe wegen der Unwetter heute morgen schon einige Geflüchtete auf Samos eingetroffen sind. Außerdem sollen diese Woche bis zu acht deutsche Grenzschutzpolizist*innen von Frontex eintreffen. 

Nun sind wir heilfroh, endlich auf Samos eintroffen zu sein und werden uns heute Abend das Camp für Geflüchtete und die Strände ansehen.

Wer meine unabhängige fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann dies gerne via Paypal tun. 

paypal.me/martingommel

Nach ca. 12 Stunden Reisezeit bin ich heute morgen mit Andreas Tichon von Welcome Help hier auf Samos gelandet. Die Nacht war recht anstrengend, da wir zwei mal umsteigen und in Athen 4 Stunden Wartezeit hatten. Es folgen ein paar Impressionen. 

Samos ist gefühlt halb so groß wie Lesbos und wir haben erfahren, dass nach der Ruhe wegen der Unwetter heute morgen schon einige Geflüchtete auf Samos eingetroffen sind. Außerdem sollen diese Woche bis zu acht deutsche Grenzschutzpolizist*innen von Frontex eintreffen. 

Nun sind wir heilfroh, endlich auf Samos eintroffen zu sein und werden uns heute Abend das Camp für Geflüchtete und die Strände ansehen.

Wer meine unabhängige fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann dies gerne via Paypal tun. 

paypal.me/martingommel___

posted image

2016-02-05 09:44:22 (0 comments; 7 reshares; 25 +1s)Open 

Bevor ich morgen nach Samos aufbreche, liegt es mir auf dem Herzen, hier ein paar (sehr) persönliche Worte verlieren. Ich möchte heute offenlegen, welche Motivation hinter meiner fotojournalistischen Arbeit im Themenkomplex Flucht liegt und mich zu einem Grad öffnen, wie ich es hier im Internet bisher strikt vermieden haben. 

Wer meinen bisherigen Werdegang beobachtet hat, könnte meinen, dass ich ein Mensch bin, der eine überaus glückliche Kindheit erlebt hat und deshalb seinen Weg entschieden gehen kann. 

Das ist: falsch. Ich habe als Kind und heranwachsender Jugendlicher sehr darunter gelitten, von anderen Mitschülern gehänselt (so wurde das in den 90ern genannt) zu werden. Erst später sprachen man von…

Mobbing

Meine ehemaligen Schulkamerad*innen werden sich noch gut daran erinnern, dass ich lange Zeit so etwas wie der »Depp der Schule« war. Meistverging keine ... more »

Bevor ich morgen nach Samos aufbreche, liegt es mir auf dem Herzen, hier ein paar (sehr) persönliche Worte verlieren. Ich möchte heute offenlegen, welche Motivation hinter meiner fotojournalistischen Arbeit im Themenkomplex Flucht liegt und mich zu einem Grad öffnen, wie ich es hier im Internet bisher strikt vermieden haben. 

Wer meinen bisherigen Werdegang beobachtet hat, könnte meinen, dass ich ein Mensch bin, der eine überaus glückliche Kindheit erlebt hat und deshalb seinen Weg entschieden gehen kann. 

Das ist: falsch. Ich habe als Kind und heranwachsender Jugendlicher sehr darunter gelitten, von anderen Mitschülern gehänselt (so wurde das in den 90ern genannt) zu werden. Erst später sprachen man von…

Mobbing

Meine ehemaligen Schulkamerad*innen werden sich noch gut daran erinnern, dass ich lange Zeit so etwas wie der »Depp der Schule« war. Meist verging keine Stunde, in der sich nicht irgendjemand über mein Äußeres (ich habe rote Haare), meine weiße Haut (ich bekomme Sonnenbrand, werde aber kein bisschen braun) oder meinen Nachnamen lustig machte. 

Ein Beispiel:  Schmerzvoll war für mich die Erfahrung, als (ich war ca. 14) alle Schüler*innen in der Turnhalle versammelt, über eine Stadt in Weißrussland mit Namen »Gomel« berichtet und aufgerufen wurde, dorthin zu spenden. 

Nach der Veranstaltung riefen mir Schüler*innen nach: »Spendet für Gommel! Hahahahah! Spendet für ihn!«. Sie druckten Blätter mit dem Spruch aus und hingen sie in der Schule auf.  Kein Lehrer sagte etwas. Kein*e Mitschüler*in ergriff für mich Partei. 
Einsamkeit

In meinem Innern wurde ich jedes Mal sehr traurig, wenn mir so etwas widerfuhr. Es schmerzte und ich fühlte mich einsam. Ich hasste die Menschen nicht, die sich über sie lustig machten, sondern war darüber traurig, von ihnen nicht gemocht zu werden. Ihren Ansprüchen nicht zu genügen erzeugte ein dauerhaftes Gefühl von Scham. 

Ich hatte den Eindruck, der »letzte Dreck« zu sein. Alle waren besser als ich und niemand schien meine Trauer wahrzunehmen. Das Schlimmste war für mich, in meiner Einsamkeit nicht gesehen zu werden. 

Natürlich trug ich meinen Teil dazu bei. Ich hatte kaum soziale Kompetenzen und versuchte, durch ein unglücklich provozierendes Auftreten meine Unsicherheit zu kaschieren. Ich war schnell zu verunsichern, schlecht im Sprüche-Kontern und mir meiner selbst
peinlich. Und so zog ich wohl automatisch Häme auf mich.  

Veränderung

Mit 15 Jahren kam dann eine große Veränderung. Irgendetwas in mir sagte: »Martin, Du bist genauso viel wert, wie die Anderen.« Ich weiß nicht, was es war, doch dieser Satz war auf einmal da. 

Es hatte Klick gemacht. Ab diesem Zeitpunkt ging es in meinen
Beziehungen zu anderen bergauf. Ich konnte langsam aber sicher echte Freundschaften schließen und wurde immer weniger gehänselt. Ich verließ nach einer üblen Aktion der Dorf-Nazis den Handball-Verein, fand eine großartige Band, ich der ich E-Bass spielte und erfreute langsam daran, ein Mensch zu sein. 

Das Leben schien (wieder) einen Sinn zu haben. Ich begann, innerlich aufzuatmen und guckte mir bei anderen Leuten Selbstbewusstsein ab. So gewöhnte ich mir beispielsweise an, in Gesprächen meinem Gegenüber direkt in die Augen zu sehen. Das hatte ich bisher nicht gekonnt.

Solidarität

Während es also mit mir bergauf ging, machte ich eine interessante Entdeckung: Ich fühlte mich mit denen, die nun – statt mir – gehänselt wurden, tief verbunden. Dann, wenn wieder fünf Jungs einem einzelnen hinterherliefen, um ihn zu verprügeln, tat es wieder weh.

Dieses Gefühl des Mit-Leidens sollte mich fortan nicht mehr verlassen. Bis heute schmerzt es, wenn ich mitbekomme, wie Schwächere von Stärkeren unterdrückt werden. Sei es nun, dass Kinder ein anderes Kind niedermachen, Polizist*innen bei einer Demo auf Demonstrant*innen eindreschen, Muslim*innen unter Rassismus leiden oder Menschen vor Krieg (den die Mächtigen führen) flüchten müssen. 

Ich habe gelernt, meinem Mitleiden Raum zu geben und es direkt in Taten umzuleiten. Deshalb solidarisiere ich mich mit Menschen, die unter der Gesellschaft leiden. 

Als Kind hatte ich das Gefühl, mit meinem Anderssein und meiner Scham alleine zu sein. Deshalb möchte ich mich dafür einsetzen, das Leiden von Menschen sichtbar zu machen. Mit Kamera und Tastatur. Und als Martin, der einfach da ist und zuhört. Der einen Moment lang Freund ist. Und dann davon erzählt. Im Netz, im Gespräch, auf Vorträgen und auch an Schulen. 
_

Wer mich dabei unterstützen möchte, kann das gerne via Paypal tun. Ich danke Euch sehr. ___

posted image

2016-02-04 20:36:06 (0 comments; 8 reshares; 40 +1s)Open 


Sparrow: Freund, Bruder, Lebensretter 

30. November, Griechenland. Eigentlich wollte er nur eine Woche auf Lesbos bleiben. Doch dann kam alles anders. Sparrow ist schlank, etwas kleiner als ich und fällt dadurch auf, dass er gar nicht auffällt. Er trägt KEINEN Pulli mit NGO-Logo, trägt KEINE Warnweste und sieht fast erschreckend normal aus. Bei über 75 Hilfsorganisationen, die sich am griechischen Strand tummeln ist er beinahe unsichtbar, und vielleicht ist es das, was mich an ihm fasziniert.

Also treffe ich mich mit ihm auf ein Bier, um ihn besser kennenzulernen. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Sparrow seit zwei Monaten auf Lesbos, möchte nicht mit Klarnamen genannten werden – und lässt sich eigentlich gar nicht fotografieren. Er nennt sich selbst »Sparrow« (= Sperling) und koordiniert in Abstimmung mit Rettungsschwimmer*innen und Speedboatfahrer*innen dieNotrettunge... more »


Sparrow: Freund, Bruder, Lebensretter 

30. November, Griechenland. Eigentlich wollte er nur eine Woche auf Lesbos bleiben. Doch dann kam alles anders. Sparrow ist schlank, etwas kleiner als ich und fällt dadurch auf, dass er gar nicht auffällt. Er trägt KEINEN Pulli mit NGO-Logo, trägt KEINE Warnweste und sieht fast erschreckend normal aus. Bei über 75 Hilfsorganisationen, die sich am griechischen Strand tummeln ist er beinahe unsichtbar, und vielleicht ist es das, was mich an ihm fasziniert.

Also treffe ich mich mit ihm auf ein Bier, um ihn besser kennenzulernen. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Sparrow seit zwei Monaten auf Lesbos, möchte nicht mit Klarnamen genannten werden – und lässt sich eigentlich gar nicht fotografieren. Er nennt sich selbst »Sparrow« (= Sperling) und koordiniert in Abstimmung mit Rettungsschwimmer*innen und Speedboatfahrer*innen die Notrettungen. Er ist einer derjenigen, die als allererstes von übersetzenden Booten erfahren. 

Sparrow gehört zu den Anarchisten, einer kleinen, griechischen Gruppe, die vor Monaten (und dem Ansturm der zahlreichen NGOs) damit anfingen, am Strand der Insel feste Strukturen aufzubauen, um die Geflüchteten aufzunehmen: Küche, Medikation, Kleidung. Genau das, was die Ankommenden dringend benötigen. 

»Ich fühle mich nicht wie ein Volunteer oder freiwilliger Helfer. Ich bin hier aus Solidarität«. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. »Ich bin mittlerweile 40 Jahre alt. Und wenn ich hier jemanden aus dem Boot ziehe, dann ziehe ich meinen Vater, meine Mutter, Schwester, Brüder, ja, meine eigene Familie aus dem Boot. Selbst, wenn ich sie nicht einmal kenne.«

Dieses Sich-Identifizieren mit Geflüchteten berührt mich sofort. Denn ich weiß: Beim Helfen von Bedürftigen gibt es immer eine ungewollte Hierarchie. Ich helfe Dir, also bin ich stark und Du schwach. Doch bei Sparrow klingt das anders. »Wir sind hier nicht wegen Charity oder sowas. Wir fühlen uns wie ein Teil der Menschen, die hier ankommen.« Und deshalb tragen die Anarchisten auch keine Pullis mit Logo – und haben Ende November noch nicht einmal ein Spendenkonto. 

Wir wechseln das Thema und ich frage Sparrow, ob es auf der Insel einen Ort gibt, der ihm besonders wichtig ist. Nach langem Zögern blitzen seine Augen kurz auf: »Ah, doch. Da war was.« Ich spitze meine Ohren.

»Vor kurzem sprang eine schwangere Frau aus dem ankommenden Boot und gebar am Strand ihr Kind.« Ich traue meinen Ohren nicht. Wie bitte? Sparrow fährt mich einem Schmunzeln fort: »Doch es war nur ein Helfer da. Als ich mit einigen Ärzte dazukam, war das Kind gerade zur Welt gekommen. Wir bedeckten es mit meiner Jacke und kam auch schon der Krankenwagen, der sie ins Hospital brachte. Soweit ich weiß, geht es beiden gut und sie leben jetzt in Deutschland.«

Gemeinsam fahren wir zum Ort der Geburt, obwohl es schon dunkel ist. Dort angekommen sehe ich: Der Hang ist abschüssig. »Wir mussten eine Mulde graben, um die Mutter und das Kind sicher nach oben zu transportieren«, erklärt Sparrow und positioniert sich an die Stelle. Die Frontlichter des Autos sorgen für genügend Helligkeit, sodass ich eine Aufnahme machen kann. 

Während ich auf Lesbos unterwegs bin, laufen wir uns noch oft über den Weg. Trinken gemeinsam ein Bierchen, plaudern kurz am Strand und freunden uns ein bisschen an. Sparrow ist fast immer auf dem Sprung. Hier ein Anruf, da eine Warnung, dort eine Rettung, die organisiert werden muss. Er ist flink und immer in Bewegung. Wie ein kleiner, unsichtbarer Sperling. 

Mein lieber Freund Sparrow. Welch Glück hatte ich doch, Dich auf Lesbos kennenzulernen. Bleib, wie Du bist, denn Du bist für viele Menschen Freund, Bruder und Lebensretter. 

Wer meine freie, fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte kann der gerne über Paypal tun. Ich danke Euch. http://paypal.me/martingommel___

posted image

2016-02-03 19:47:20 (0 comments; 3 reshares; 31 +1s)Open 

„If a person, who is a refugee steals something, that person is a criminal. But that doesn’t mean, that ALL refugees are criminals.“ – Keba aus Gambia, März 2015 

„If a person, who is a refugee steals something, that person is a criminal. But that doesn’t mean, that ALL refugees are criminals.“ – Keba aus Gambia, März 2015 ___

posted image

2016-01-29 09:27:01 (0 comments; 4 reshares; 18 +1s)Open 

»Mein Bruder wurde von islamistischen Terroristen geköpft« erklärt mir der große Afghane, den ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) in Karlsruhe kennenlerne.

Ramez* zückt sein Handy und deutet auf das Gesicht eines Mannes, der in Uniform gemütlich Tee trinkt. Es ist sein älterer Bruder. Mit einer eindeutigen Geste imitiert er das Durchtrennen des Halses. 

»Mit einem Messer.«

Ramez ist zwei Köpfe größer als ich, hat glasklare Augen und wunderbar weiße Zähne. Er spricht nur ein paar Worte Englisch, doch Gottseidank kann meine Übersetzungsapp Farsi. 

Während ich über seine Schulter blicke, streicht er über hunderte Fotos aus seiner Heimat, Masar-e Scharif in Afghanistan. Seine Frau ist zu sehen und seine beiden Kinder, von denen er beim Asylverfahren getrennt wurde und die in einer entfernten Unterkunft leben. 
Ramez wird sie garant... more »

»Mein Bruder wurde von islamistischen Terroristen geköpft« erklärt mir der große Afghane, den ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (LEA) in Karlsruhe kennenlerne.

Ramez* zückt sein Handy und deutet auf das Gesicht eines Mannes, der in Uniform gemütlich Tee trinkt. Es ist sein älterer Bruder. Mit einer eindeutigen Geste imitiert er das Durchtrennen des Halses. 

»Mit einem Messer.«

Ramez ist zwei Köpfe größer als ich, hat glasklare Augen und wunderbar weiße Zähne. Er spricht nur ein paar Worte Englisch, doch Gottseidank kann meine Übersetzungsapp Farsi. 

Während ich über seine Schulter blicke, streicht er über hunderte Fotos aus seiner Heimat, Masar-e Scharif in Afghanistan. Seine Frau ist zu sehen und seine beiden Kinder, von denen er beim Asylverfahren getrennt wurde und die in einer entfernten Unterkunft leben. 

Ramez wird sie garantiert vermissen. 

Dann zieht der schlanke Afghane das rechte Hosenbein hoch und deutet auf eine Narbe am Knöchel seines Fußes: »Die Terroristen haben mit einer Kalaschnikow auf  meinen Fuß eingedroschen.« 

Er habe auch noch weitere Verletzungen am Bauch und seinem linken Arm – all das klingt so, als habe er einen Angriff nur knapp überlebt.

»Finish?« fragt Ramez und reicht mir lächelnd die Hand. Er muss weiter und so trennt sich unser Weg nach dieser kurzen Begegnung. 

Während ich am Schreibtisch diesen Bericht schreibe, erreicht mich die Spiegel-Eilmeldung, dass »Unbekannte eine Handgranate auf das Gelände eines Flüchtlingsheims mit 170 Bewohnern in Baden-Württemberg geworfen« hätten. 

In diesen Momenten wird mir erneut diese surreale Gleichzeitigkeit von den Kriegen in Afghanistan, Syrien und so vielen anderen Ländern dort und rassistischen Übergriffen hier, wo ich zuhause bin, bewusst. Ich habe ein mulmiges Gefühl. 

Ramez, ich wünsche Dir von Herzen, dass Deine inneren und äußeren Wunden heilen werden, Du nicht abgeschoben und niemals Opfer eines rechten Angriffes wirst. Behalte Dein strahlendes Gesicht und verliere niemals den Mut. Friede mit Dir. 

*Name geändert 
__________
PS: Wer meine fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann dies sehr gerne via Paypal tun. Ich danke Euch! 

paypal.me/martingommel___

posted image

2016-01-26 08:18:18 (0 comments; 7 reshares; 22 +1s)Open 

Mein »Friede mit Dir«-Shop startet

Liebe Freund*innen! Endlich ist es soweit: Ich habe einen Shop mit Hoodies, T-Shirts und anderen Sachen. Ich habe etwas feuchte Hände, denn ich bin wirklich sehr aufgeregt.

Dabei ist die Idee dahinter einfach: Ich suche schon lange nach schönem Klamotten-Kram, der refugeefreundlich, feministisch, antirassistisch (usw.) sind und mir selber gefallen. Und weil es die richtig guten Sachen oft nicht lokal gibt, habe ich gedacht: Hey, das mache ich einfach selbst.

http://shop.spreadshirt.de/martingommel/

Und ich hatte auch schon eine Idee: Ich wollte unbedingt einen Kapuzenpulli haben, der vorne drauf einen arabischen Schriftzug hat, der sagt: »Friede sei mit Dir/Euch«.

Warum? Da ich mit vielen Geflüchteten Menschen zu tun habe, kann so ein Pulli einen großen Unterschied machen, weil so gleich meine wichtigsteMessage... more »

Mein »Friede mit Dir«-Shop startet

Liebe Freund*innen! Endlich ist es soweit: Ich habe einen Shop mit Hoodies, T-Shirts und anderen Sachen. Ich habe etwas feuchte Hände, denn ich bin wirklich sehr aufgeregt.

Dabei ist die Idee dahinter einfach: Ich suche schon lange nach schönem Klamotten-Kram, der refugeefreundlich, feministisch, antirassistisch (usw.) sind und mir selber gefallen. Und weil es die richtig guten Sachen oft nicht lokal gibt, habe ich gedacht: Hey, das mache ich einfach selbst.

http://shop.spreadshirt.de/martingommel/

Und ich hatte auch schon eine Idee: Ich wollte unbedingt einen Kapuzenpulli haben, der vorne drauf einen arabischen Schriftzug hat, der sagt: »Friede sei mit Dir/Euch«.

Warum? Da ich mit vielen Geflüchteten Menschen zu tun habe, kann so ein Pulli einen großen Unterschied machen, weil so gleich meine wichtigste Message kommuniziert wird.

Außerdem habe ich heute von einer Islamwissenschaftlerin erfahren: As-salamu aleikum, wie es da jetzt steht, ist in der gesamten arabischen Welt gebräuchlich und so gut wie 100% der Muslime aus dieser Region verwenden das. Ist das nicht super?

So startet heute meine erste nunja, Kollektion. Weitere sollen folgen. Übrigens: Falls Du Grafikdesign studiert hast oder Ilustrator*in bist und mich unterstützen magst, würde ich mich sehr über eine Nachricht von Dir freuen.

Außerdem: Für jedes Produkt, das ihr im »Friede mit Dir«-Shop kauft, bekomme ich 5 €. So könnt Ihr also auch auf diesem Weg meine fotojournalistische Arbeit unterstützen. :)

http://shop.spreadshirt.de/martingommel/___

posted image

2016-01-23 20:11:37 (0 comments; 2 reshares; 21 +1s)Open 


»Interview? Kein Problem.« Yasser* lächelt erfreut und fragt zurück: »Da, wo ich schlafe? Mein Bett?« Gemeinsam mit einem Übersetzer laufen wir quer durch das für 1000 Menschen ausgelegte Zelt des Campus Ost in Karlsruhe. Der schlanke Algerier trägt nicht viel am Leibe, vielleicht auch, weil es hier angenehm warm ist: Ein enges Oberteil, Jogginghose und Badelatschen. Und natürlich einen Schal. 

Ich frage nicht nach, ob er nicht mehr bekommen hat, denn ich möchte den 19-jährigen nicht gleich auf seine mögliche Armut ansprechen. »Essen bekomme ich genug« führt Yasser aus. »Naja, und manchmal habe ich Milch, aber kein Brot und manchmal Brot, aber keine Milch, hihi«. Verschmitzt schaut er mich an, der wache Kerl bringt mich sofort zum Lachen. 

»Wenn ich morgens verschlafe, bekomme ich aber nichts mehr zu essen…«. Ich nehme an, dass Yasser einfach Langschläferist, werde aber flugs ei... more »


»Interview? Kein Problem.« Yasser* lächelt erfreut und fragt zurück: »Da, wo ich schlafe? Mein Bett?« Gemeinsam mit einem Übersetzer laufen wir quer durch das für 1000 Menschen ausgelegte Zelt des Campus Ost in Karlsruhe. Der schlanke Algerier trägt nicht viel am Leibe, vielleicht auch, weil es hier angenehm warm ist: Ein enges Oberteil, Jogginghose und Badelatschen. Und natürlich einen Schal. 

Ich frage nicht nach, ob er nicht mehr bekommen hat, denn ich möchte den 19-jährigen nicht gleich auf seine mögliche Armut ansprechen. »Essen bekomme ich genug« führt Yasser aus. »Naja, und manchmal habe ich Milch, aber kein Brot und manchmal Brot, aber keine Milch, hihi«. Verschmitzt schaut er mich an, der wache Kerl bringt mich sofort zum Lachen. 

»Wenn ich morgens verschlafe, bekomme ich aber nichts mehr zu essen…«. Ich nehme an, dass Yasser einfach Langschläfer ist, werde aber flugs eines besseren belehrt: »Weißt Du, hier ist es die ganze Zeit laut im Zelt. Ich muss bis vier Uhr Nachts warten, bis ich schlafen kann.« Jetzt verstehe ich, warum Yasser das Frühstück verschläft. An seiner Stelle wäre ich in diesem Zelt längst depressiv geworden. 

Ich mag Yasser sofort, weil er etwas Spontan-Frohes an sich hat, äußerst kommunikativ ist und ein helles Köpfchen ist. Ein paar Worte Deutsch spricht er immer wieder in sein Arabisch hinein, was den Übersetzer hin und wieder leicht irritiert. 

»Mit dem Boot. Von Algerien direkt nach Spanien, und es war sehr gefährlich« beantwortet er meine Frage nach der Flucht. »Ich bin von einer Wahrscheinlichkeit von 80 % ausgegangen, dass ich auf dem Meer sterbe. Die Wellen waren höher als dieses Zelt.« Ich schaue nach oben. Sechs, sieben Meter? Könnte hinkommen. »18 Stunden waren wir auf dem Meer. Es war ein kleines Boot und wir waren 20 Leute.« 

18 Stunden. Ich erinnere mich an meine Fahrt mit der Fähre von Athen nach Lesbos. Das waren 12 Stunden, die Fähre beheizt, beleuchtet und es gab alles, was ich mir wünschen konnte. Ich schlief zwischendurch und kam ausgeruht am Hafen an. Königlich. Aber 18 Stunden in einem kleinen Boot? Auf dem offenen Meer? Mit Wellen höher als ein 1000-Menschen-Zelt? Meine Hände werden feucht, wenn ich mir all das vorstelle. Es muss der blanke Horror gewesen sein. 

Wir sprechen über die Vorfälle von Köln. Yasser lässt keinen Zweifel übrig, was er davon hält: »Ich möchte damit nichts zu tun haben.  Bei Frauen muss man sich Zeit lassen. Ein, zwei, drei Jahre, mindestens. Dann kann alles andere kommen.« 

Während ich Yasser fotografiere, hält er sich schnell den Schal und die Hände vors Gesicht. Ganz automatisch – und ich respektiere seinen Wunsch. Doch durch diese Posen wirkt er ganz anders. Verletzlich. Traurig. Ja, ganz und gar nicht mehr lustig.  Und das, was Yasser bisher erlebt hat, ist auch nicht zum Lachen.

Mensch, Yasser. Danke, dass Du mir einen kleinen Einblick in Dein Leben gewährt hast. Ich beneide Dich um Deine Resilienz, Offenheit und Lebensfreude. Ich wünsche ich Dir von Herzen, dass Dein Antrag auf Asyl genehmigt wird, auch, wenn die Chancen nicht die besten sind. Du hast doch schon so vieles aufgegeben. Friede mit Dir. 

*Name geändert 
__

Ihr lieben Leser*innen. Wie Ihr wisst, arbeite ich unabhängig von Medien- und Nachrichtenhäusern. Wenn Ihr das, was ich tue, unterstützen wollt, könnt Ihr das sehr gerne über Paypal tun oder mir etwas überweisen. Ich danke Euch von Herzen. 

Paypal -> paypal.me/martingommel / Überweisung -> IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC: KARSDE66XXX___

2016-01-22 20:13:42 (0 comments; 10 reshares; 38 +1s)Open 

Als ich heute morgen erfuhr, dass heute morgen zwei Boote auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland untergegangen waren, traf es mich wie ein Stich ins Innere. 

Das Magazin Neues Deutschland schrieb »Die griechische Küstenwache entdeckte vor der Insel Farmakonisi bisher sieben Leichen. Darunter waren auch sechs Kinder.«

Laut dem Twitter-Account der Ärzte Ohne Grenzen sind heute mindestens 42 Menschen auf dem Meer ertrunken. Und um mir und vielleicht auch Euch ein bisschen näher zu bringe, was diese leisen, abstrakten Zahlen, die doch alle so weit weg sind, in Wahrheit (dieses Wort benutze ich selten) bedeuten, ein kleiner Einblick. 

42 Menschenleben. Das bedeutet: 42 mal riechen, schmecken, fühlen, lachen, hoffen, lieben. Es bedeutet, zweiundvierzig mal fliehen, Angst haben, Heimat verlassen. Und es bedeutet 42 mal Todeskampf gegen das Ertrinken. Vielleicht sogarim Anbli... more »

Als ich heute morgen erfuhr, dass heute morgen zwei Boote auf dem Weg von der Türkei nach Griechenland untergegangen waren, traf es mich wie ein Stich ins Innere. 

Das Magazin Neues Deutschland schrieb »Die griechische Küstenwache entdeckte vor der Insel Farmakonisi bisher sieben Leichen. Darunter waren auch sechs Kinder.«

Laut dem Twitter-Account der Ärzte Ohne Grenzen sind heute mindestens 42 Menschen auf dem Meer ertrunken. Und um mir und vielleicht auch Euch ein bisschen näher zu bringe, was diese leisen, abstrakten Zahlen, die doch alle so weit weg sind, in Wahrheit (dieses Wort benutze ich selten) bedeuten, ein kleiner Einblick. 

42 Menschenleben. Das bedeutet: 42 mal riechen, schmecken, fühlen, lachen, hoffen, lieben. Es bedeutet, zweiundvierzig mal fliehen, Angst haben, Heimat verlassen. Und es bedeutet 42 mal Todeskampf gegen das Ertrinken. Vielleicht sogar im Anblick der Geliebten. Der Kinder oder Mütter. 

Es bedeutet sich klar werden: Jetzt ist es vorbei. Mein Leben endet hier. Oder eben nicht klar werden. Überrascht sein vom Verlieren der Kraft. Vom Hereinfließen des Wassers in die Lungen. Zweiundvierzig mal Blick in den Tod.

Das Schlimme an der Sache ist: Von der Türkei nach Griechenland fährt eine Fähre. Jeden Tag. Doch die Geflüchteten dürfen sie nicht benutzen. Es wäre ein Klacks, diese Menschen nach Griechenland zu befördern. Und 99% von allen würden sogar gut und gerne dafür bezahlen. 

Warum dürfen sie nicht? Weil die EU das genau so will. »Außengrenzen sichern« ist der politisch saubere Begriff dafür. Das Problem: Es funktioniert nicht. Die Geflüchteten hält die Todesgefahr kein bisschen davon ab, es zu riskieren. So verzweifelt sind sie. 

Diese 42 Menschen (die Dunkelziffer kennen wir nicht) könnten jetzt noch leben. Jetzt noch riechen, schmecken, fühlen, hoffen und ja, lieben. Es ist Zeit, öffentlich gegen die EU-Flüchtlingspolitik aufzustehen. Zu demonstrieren. Aktiv zu werden. Jetzt.___

posted image

2016-01-22 10:31:32 (0 comments; 1 reshares; 21 +1s)Open 

»Taliban-Kämpfer zogen mich aus dem Auto und schlugen mich mit Metallstangen.«

Husseins Gesichtsdruck ist traurig und die Müdigkeit von Krieg, Terror und Flucht steht ihm ins Gesicht geschrieben, als wir uns im großen, gut beheizten Zelt des KIT Campus am Stadtrand kennenlernen. Im Hintergrund rennen Kinder vorbei, Frauen und ältere Männer stellen sich um uns herum, als ich Hussein die erste Frage stelle.

»Meine Frau und die Kinder waren zuhause, als es passiert ist.« Der große Afghane zieht das rechte Hosenbein nach oben. »Und eigentlich konnten wir nie nach draußen. Doch an diesem Tag war ich mit dem Auto unterwegs, als ich plötzlich angehalten wurde. Sie starrten ins Auto, stellten Fragen und zogen mich heraus. Ob ich von der Regierung sei. Dann schlugen sie mit Metallstangen auf mich ein. Mein Bein war gebrochen.«

Ich versuche mir, den Horror vorzustellen.Sehe vor mein... more »

»Taliban-Kämpfer zogen mich aus dem Auto und schlugen mich mit Metallstangen.«

Husseins Gesichtsdruck ist traurig und die Müdigkeit von Krieg, Terror und Flucht steht ihm ins Gesicht geschrieben, als wir uns im großen, gut beheizten Zelt des KIT Campus am Stadtrand kennenlernen. Im Hintergrund rennen Kinder vorbei, Frauen und ältere Männer stellen sich um uns herum, als ich Hussein die erste Frage stelle.

»Meine Frau und die Kinder waren zuhause, als es passiert ist.« Der große Afghane zieht das rechte Hosenbein nach oben. »Und eigentlich konnten wir nie nach draußen. Doch an diesem Tag war ich mit dem Auto unterwegs, als ich plötzlich angehalten wurde. Sie starrten ins Auto, stellten Fragen und zogen mich heraus. Ob ich von der Regierung sei. Dann schlugen sie mit Metallstangen auf mich ein. Mein Bein war gebrochen.«

Ich versuche mir, den Horror vorzustellen. Sehe vor meinem inneren Auge große Männer, die immer wieder, immer wieder, immer wieder unnachgiebig auf den am Boden liegenden Hussein eindreschen und ihn blutig schlagen. Stelle mir vor, wie er um Hilfe ruft, versuche seinen Schmerz zu spüren. »Hast Du Dich hier in Karlsruhe ärztlich behandeln lassen?«, frage ich nach. »Ja, aber der Arzt hat mich wieder weggeschickt. Ich soll in 6 Monaten wieder kommen.« »Waaaaas? 6 Monate?« platzt es aus mir heraus. »Wenn es draußen kälter ist, sind meine Schmerzen nicht so stark.« Er bekam nicht einmal Schmerztabletten.
Dann zieht Hussein sein T-Shirt nach oben. »Das ist vorher passiert. Zuhause. Eine Bombe traf unser Haus. Das waren keine Taliban.« »Und Deine Frau, die Kinder?« »Sie wurden nicht verletzt. Wir hatten Glück.« In mir regt sich der Verdacht, dass dies ein Drohnenbeschuss der Amerikaner gewesen sein konnte. Doch ich möchte nicht spekulieren, nicht jetzt, nicht hier. »Unser Heimatdorf ist ein paar Kilometer von Kabul entfernt. Es ist Krieg.«

Die Flucht war für die kleine Familie eine Tortur. Nach zwei Wochen kamen sie in der Türkei an, hatten jedoch kein Geld mehr, um die weitere Route zu bezahlen. So blieben sie drei Monate – Hussein erklärt nicht, was in dieser Zeit passierte – und setzten dann mit dem Boot nach Griechenland über: Eine Stunde auf dem Meer, dann Stillstand. Nicht nach vorne, nicht zurück. Hussein rief die griechische Polizei und die Küstenwache rettete alle Bootsinsassen. 10 Tage später, am 31.12. 2015 kamen sie in Deutschland an.
»Wir verstehen nicht, warum Menschen aus Syrien hier besser behandelt werden, als wir« fügt er an, als ob ihm das die ganze Zeit auf der Zunge lag. »Die Deutschen sind sehr nett zu uns und wir haben keine Probleme mit Leuten aus Syrien, aber wir spüren ständig, dass sie besser behandelt werden. Zum Beispiel bekamen die Syrer neue Schuhe, wir alte. Warum?« Hussein schaut mich fragend an. Ich kann es ihm nicht erklären und bekunde ihm, dass mir das sehr leid tut. Ich verabschiede mich – doch zurück bleibt ein mulmiges Gefühl, dass auch hier in Karlsruhe etwas schiefläuft. Denn ich kenne diese Berichte, sie sind mir nicht neu. Strukturelle Diskriminierung aufgrund der Herkunft Flüchtender begegnet mir überall.

Liebe Familie aus Afghanistan. Was habt ihr nicht schon alles durchstehen müssen. Mein Herz blutet, wenn ich Euch so sehe. Bleibt stark, bleibt mutig, bleibt hoffnungsvoll. Friede mit Euch, meine Lieben.

Liebe Freunde und Freundinnen. Da ich als Fotojournalist unabhängig von Medienhäusern arbeite, um frei zu berichten, freue ich mich über Eure Unterstützung, die ihr mir über Paypal oder Direktüberweisung zukommen lassen könnt. Ich danke Euch von Herzen. 

Paypal: paypal.me/martingommel / IBAN: DE60 6605 0101 1020 2083 26 – BIC: KARSDE66XXX___

posted image

2016-01-20 20:05:40 (0 comments; 5 reshares; 27 +1s)Open 

»Hallo, ich bin Martin, Fotojournalist, und Du?« frage ich neugierig. »Amna aus Norwegen. Du bist Fotograf? Das mag ich nicht.« Oh nein, denke ich. »Warum das?« »Einige Fotografen sind so fixiert auf ihr Foto, dass sie die Helfer und Helferinnen davon abhalten, die Flüchtenden beim Ankommen am Strand zu unterstützen. Sie stehen oft im Weg herum.« 

Vor fünf Minuten kam gerade das letzte Boot mit Geflüchteten an, der Strand ist voll mit orangenen Rettungswesten und wir schauen raus aufs schwarze Meer. Amna und ich sind in dieser kalten Novembernacht auf der griechischen Insel Lesbos.


Ein paar Tage später sitze ich mit Amna im Café Goji. Wir trinken gemeinsam ein Bier, mein Aufnahmegerät läuft und ich habe sogar ein Foto von Amna gemacht. Nach unserer ersten - zugegeben etwas schwierigen - Konversation haben wir uns noch lange unterhalten, denn ich konnte ihreAmbivalenz aggre... more »

»Hallo, ich bin Martin, Fotojournalist, und Du?« frage ich neugierig. »Amna aus Norwegen. Du bist Fotograf? Das mag ich nicht.« Oh nein, denke ich. »Warum das?« »Einige Fotografen sind so fixiert auf ihr Foto, dass sie die Helfer und Helferinnen davon abhalten, die Flüchtenden beim Ankommen am Strand zu unterstützen. Sie stehen oft im Weg herum.« 

Vor fünf Minuten kam gerade das letzte Boot mit Geflüchteten an, der Strand ist voll mit orangenen Rettungswesten und wir schauen raus aufs schwarze Meer. Amna und ich sind in dieser kalten Novembernacht auf der griechischen Insel Lesbos.


Ein paar Tage später sitze ich mit Amna im Café Goji. Wir trinken gemeinsam ein Bier, mein Aufnahmegerät läuft und ich habe sogar ein Foto von Amna gemacht. Nach unserer ersten - zugegeben etwas schwierigen - Konversation haben wir uns noch lange unterhalten, denn ich konnte ihre Ambivalenz aggressiven Fotograf*innen gegenüber sehr gut nachvollziehen. Aus dem kurzen Gespräch wurde ein langes und, nunja, irgendwie habe ich es geschafft, sie zu einem Interview zu überreden. 

»Ich bin 26, Maschinenbau-Ingenieurin und habe 2013 meinen Master gemacht. Seither habe ich Wartungen von Ölplattformen in der Nordsee und Inspektionsplanungen von Topside Pipings gemacht«, berichtet mir die junge Frau mit den dunklen Augenbrauen.

»Was hat Dich dann nach Lesbos verschlagen?« Eigentlich ist diese Frage ist super-klischeehaft, aber ich muss sie stellen. »Der norwegischen Ölindustrie geht es zur Zeit nicht gut und so wurden viele Stellen gestrichen. Meine auch.« Ich schlucke. »Ich bin dann für knappe zwei Wochen zu meinen Eltern gezogen und meine Tante hat mir von der Situation auf Lesbos berichtet. Ich bin sofort in den Flieger gestiegen, den sie mir bezahlt hat.« Hier im Café tobt das Leben, um uns herum wird Bier serviert und die alten Griechen rufen sich gegenseitig Witze quer durch den Raum entgegen.  

Amna fährt fort: »Lesbos hat meine Sicht auf alles verändert. Wirklich: Alles ist anders.» Sie habe mit Menschen gesprochen, die ihre Familie verloren hatten, die über Bombenangriffe berichteten, oder von ihren Liebsten getrennt wurden. »Und trotzdem schaffen es die Leute, ein Lächeln im Gesicht zu tragen. Das ist wundervoll.« Lesbos habe ihr viel über den Hintergrund all derer gezeigt, die weiter in den Norden Europas ziehen würden. Es wäre so einfach, hinter einem Bildschirm sitzend Menschen zu verurteilen. Ich nicke.


»Was hast Du bisher auf Lesbos so gemacht?« Schon wieder eine dermaßen allgemeine Frage von mir, ich weiß. Amna scheint sich nicht daran zu stören und anwortet geflissentlich: »Jeder Tag ist anders. Ich habe Zelte gereinigt, als Urdu-Übersetzerin für den Arzt gearbeitet, Kleider ausgeteilt, Essen serviert und mit geflüchteten Kindern gespielt.« Amna ist sich für nichts zu schade, denn der Anblick der Geflüchteten hat sie berührt:

»Wenn Du siehst, wie die Menschen hier ankommen und Frauen in Ohmnacht fallen, dann fängst Du selbst fast an zu Weinen – hältst aber Deine Tränen zurück.«

Doch die junge Norwegerin hat noch größere Pläne. »Mein jetziges Ziel ist es, nach Asien zu gehen. Nach Thailand oder Nepal. Dort brauchen sie Hilfe beim Gebäudebau –  das Erdbeben war viel in den Medien, aber jetzt spricht niemand mehr darüber. Wer hilft jetzt dort? Ich weiß es nicht. Am 2. Januar 2016 werde ich fliegen.« 

Amna erklärt mir, dass sie aus erster Hand helfen und die NGOs unterstützen will, die effektiv vor Ort sind. »Ich möchte es mit meinen eigenen Augen sehen und dann helfen, wie und wo ich kann. Häuser bauen, Tempel konstruieren, Kindern Englisch beibringen: Ich werde tun, was ich kann.«

Nachdem wir unser Interview beendet haben und noch ein Weilchen quatschen, wird mir klar, dass es eine gute Entscheidung war, Amna Fragen zu stellen und sie zu fotografieren. Als wir uns voneinander verabschieden, erklärt mir Amna, dass ich ihre Sicht auf Fotograf*innen verändert hätte und sie meine Arbeit sehr schätze. Ich bin nun doch etwas erleichtert.

Liebe Amna. Ich bin immer noch beeindruckt von Deiner Hingabe an die Hilflosen und Schutzsuchenden. Diese Welt braucht mehr Menschen wie Dich und ich wünsche Dir das Beste, wohin auch immer Dich Dein Weg führen wird.

Wer mehr über Amnas Volunteering erfahren möchte, kann einen Blick in ihre dafür angelegte Facebook-Gruppe werfen. Dort berichtet sie regelmäßig über ihre Projekte und Begegnungen. Amna reist immer alleine. 
https://www.facebook.com/groups/1665148213723983/permalink/1676067989298672/

Wer Amna direkt unterstützen will, kann das per Überweisung tun:

Amna Irshad | IBAN: NO50 0539 3356 377 | BIC: DNBANOKKXXX___

posted image

2016-01-18 20:02:21 (0 comments; 3 reshares; 19 +1s)Open 

Karlsuhe. Von einem jungen Security-Mitarbeiter der Firma BIG werde ich durch das dreistöckige Gebäude geführt. Menschen sitzen hier und da mit ihrem Smartphone auf dem Boden, Kinder flitzen fröhlich an uns vorbei und grinsen mich mit großen Augen an. Es ist gut, hier zu sein. 

Durch einen engen, mit Deckenstrahlern grell beleuchteten Gang hindurch stehen wir plötzlich in einem riesigen Saal, der mir als die Notunterkunft präsentiert wird. Die tiefsitzende Decke suggeriert ein bedrückendes Gefühl, dessen Großteil der Lampen entweder kaputt sind, oder ausgestellt wurden. Menschen versuchen, zu schlafen, andere sitzen im Kreis beisammen. 

Auf einem der drahtigen Kasernen-Gestelle (auch Bett genannt) sitzt Musa, ein schmaler Mann mit klaren Augen, großen Händen und kurzgeschorenen Haaren. In einem Hotel habe er zuhause gearbeitet und Touristen dabei geholfen, auf denMärkten nicht... more »

Karlsuhe. Von einem jungen Security-Mitarbeiter der Firma BIG werde ich durch das dreistöckige Gebäude geführt. Menschen sitzen hier und da mit ihrem Smartphone auf dem Boden, Kinder flitzen fröhlich an uns vorbei und grinsen mich mit großen Augen an. Es ist gut, hier zu sein. 

Durch einen engen, mit Deckenstrahlern grell beleuchteten Gang hindurch stehen wir plötzlich in einem riesigen Saal, der mir als die Notunterkunft präsentiert wird. Die tiefsitzende Decke suggeriert ein bedrückendes Gefühl, dessen Großteil der Lampen entweder kaputt sind, oder ausgestellt wurden. Menschen versuchen, zu schlafen, andere sitzen im Kreis beisammen. 

Auf einem der drahtigen Kasernen-Gestelle (auch Bett genannt) sitzt Musa, ein schmaler Mann mit klaren Augen, großen Händen und kurzgeschorenen Haaren. In einem Hotel habe er zuhause gearbeitet und Touristen dabei geholfen, auf den Märkten nicht die teuersten Produkte zu kaufen, erklärt mir der Gambier bereitwillig. Ich kann ihn mir gut vorstellen, mit maßgeschneidertem Anzug, rotem Hut, hinter einem Tresen mit Computer und Schlüsselbrett. 

Musa spricht ein von seiner Heimatsprache stark eingefärbtes Englisch und bestimmte Verben kurz und bündig. Er kommt schnell auf seine Fluchtroute zu sprechen. Um von Gambia (über Senegal, Mali und Nigeria) nach Libyen zu entkommen, benötigte er 26 Tage – und hatte noch die dreitägige Flucht mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer plus den Weg nach Karlsruhe vor sich. 

Mit leiser Stimme erzählt mir der schlanke Kerl aus Banjul, dass er unbedingt nach Deutschland wollte. Hier würde er respektiert und auch etwas zu essen bekommen. Seine Worte klingen so zuversichtlich – aus Solidarität lächle ich ein bisschen, doch in mir spricht alles dagegen. Musa weiß noch nicht, was auf den Straßen deutscher Großstädte passiert und wie viele Unterkünfte schon ausgebrannt sind. 

Seine Fluchtgründe erfrage ich nicht, in einem Nebensatz lässt er verlauten, dass es nicht auszuhalten war in Gambia. Doch ich möchte nicht weiter bohren, denn Musa wird noch oft genug erklären müssen, warum er nach Deutschland floh. 

So nicke ich dem Security-Menschen zu und gebe Musa zum Abschied noch einmal die Hand. Ich wünsche ihm das Allerbeste, hier in diesem Land, das mir in den letzten Monaten selbst fremd geworden ist. 

Mensch, Musa. Ich habe Dich gerne kennengelernt. Ob wir uns wieder sehen werden? Ich hoffe, dass Du bei uns Asyl und ein Zuhause bekommen wirst. Was ich nicht hoffe ist, dass du auf Grund Deiner Herkunft Opfer rassistischer Gewalt wirst. Niemals. Friede mit Dir. 

––
Möchtest Du mich unterstützen? Das geht hier, danke! 
paypal.me/martingommel___

posted image

2016-01-12 11:38:43 (0 comments; 2 reshares; 22 +1s)Open 

»Merkel did not pay for us.«

Zarte Schneeflocken wehen an diesem Januarmorgen leise über das breit angelegte Areal des Lageso. Warm eingepackt stapfe ich auf einen in die Jahre gekommenen Mann zu, der im Rollstuhl ein Zigarettchen pafft. Amir* lächelt mich vertrauensvoll an und sein warmer Händedruck spiegelt die Herzlichkeit dieses Mannes wieder, die er mir ganz ohne Worte entgegenbringt. 

Vor zehn Minuten lernte ich zufällig seinen erwachsenen Sohn Salem* auf der Caritas-Station für Verletzte kennen – der mir, als er herausfindet, dass ich Journalist bin, sofort anbietet, mir seinen Vater vorzustellen. 

Nun stehe ich hier vor dem 58-jährigen Amir, um den sich Tochter Nafisa* und Salem gesellt haben – und die beide offensichtlich besorgt sind um seinen Zustand. Doch bevor ich auch nur eine Frage stellen kann, beginnt Amir vor unseren Augen an, zu weinen undreibt sich di... more »

»Merkel did not pay for us.«

Zarte Schneeflocken wehen an diesem Januarmorgen leise über das breit angelegte Areal des Lageso. Warm eingepackt stapfe ich auf einen in die Jahre gekommenen Mann zu, der im Rollstuhl ein Zigarettchen pafft. Amir* lächelt mich vertrauensvoll an und sein warmer Händedruck spiegelt die Herzlichkeit dieses Mannes wieder, die er mir ganz ohne Worte entgegenbringt. 

Vor zehn Minuten lernte ich zufällig seinen erwachsenen Sohn Salem* auf der Caritas-Station für Verletzte kennen – der mir, als er herausfindet, dass ich Journalist bin, sofort anbietet, mir seinen Vater vorzustellen. 

Nun stehe ich hier vor dem 58-jährigen Amir, um den sich Tochter Nafisa* und Salem gesellt haben – und die beide offensichtlich besorgt sind um seinen Zustand. Doch bevor ich auch nur eine Frage stellen kann, beginnt Amir vor unseren Augen an, zu weinen und reibt sich die Tränen mit einem knittrigen Taschentuch aus dem Gesicht. Ich nehme an, dass er seine körperliche Verfassung betrauert, doch etwas anderes ist des Vaters Pein. 

Amir trauert, weil Nafisa und Salem den Deutschkurs, der hier in der Nähe fr Gefüchtete angeboten wird, nicht besuchen dürfen. »Merkel did not pay for us, because we are from Afghanistan«, so Nafisa. Sie würde so gerne Deutsch lernen. Langsam dämmert mir, warum Amir so bedrückt ist. Seine Kinder sind die Zukunft der Familie. Er selbst ist vom Krieg gezeichnet, doch wenn Nafisa und Salem verwehrt wird, deutsch zu lernen, wie soll die Familie dann Fuß fassen in diesem kalten Land?

Das brutale ist: Amir, seine Frau und die drei Kinder (ein minderjähriger Sohn ist mitgeflohen) sind in Deutschland seit vier Monaten nur geduldet – und ob sie Asyl bekommen, steht noch aus. Aktuell behält sich die Deutsche Regierung vor, Geflüchtete aus Afghanistan abzuschieben, wenn diese aus sicheren Gebieten kommen. 

Während Amir die Jogginghose am Reisverschluss öffnet, sehe ich, wie »sicher« seine Heimat ist. Ein Taliban-Kämpfer hatte ihm in Kabul mit einem Geschoss den Oberschenkel zerstört, weil er als Journalist an einem Beitrag über die Terror-Organisation arbeitete. Seither musste sich Amir 70 (!) Beinoperationen unterziehen. Sein linker Schenkel ist voller Metallplatten. Bis heute ist nicht geklärt, wie die Zukunft der Familie aussehen und ob sie in Deutschland bleiben dürfen. 

Immer wieder bedankt sich Amir bei mir, immer wieder kullern neue Tränen über sein Gesicht. Ich versuche, mit ein paar Worten und Gesten Trost zu spenden, doch erst, nachdem ich mich mich von der Familie gelöst und verabschiedet habe, überkommt mich die Trauer. Ich kann nicht fassen, was ich da gerade erlebt habe. In meiner Wohnung überkommt mich eine träge Müdigkeit und ich muss erst einmal schlafen. Dabei stelle ich mir die Frage: Wenn ich es schon beinahe nicht aushalte, wie muss es dieser Familie erst gehen? 

Amir, Nafisa und Salem. Von Herzen wünsche ich Euch, dass Ihr ein warmes Zuhause findet. Schutz. Ruhe. Und Freunde. Wenn nicht in Deutschland, dann wo anders. Mögen Eure Tränen getrocknet und in Freude verwandelt werden. Alssalam ealaykum. السلام عليكم. Friede mit Euch. 

*Name geändert.

Ihr lieben Leser*innen. Wie Ihr wisst, arbeite ich unhabhängig von Nachrichtenagenturen an meinem Großprojekt über Geflüchtete in Europa. Wenn Euch meine Arbeit wichtig ist und Ihr mich dabei unterstützen wollt, sei Euch hier meine Paypal-Adresse ans Herz gelegt. Ich danke Euch 1000 mal. 

https://www.paypal.me/martingommel___

2016-01-08 20:07:55 (0 comments; 1 reshares; 12 +1s)Open 

»Meine Hände und Füsse werden immer kälter« – Eine Stunde vor dem LaGeSo–Wartezelt in Berlin

Liebe Freund*innen. Heute morgen habe ich mich von 11.30 bis 12.30 Uhr vor das Wartezelt auf dem Lageso gestellt und meine Beobachtungen mit Zeitstempel notiert. Das Wartezelt (Zelt 5) steht direkt vor einem Büro des LaGeSo und die Geflüchteten warten dort auf einen ihrer Termine. 

11.30: Ich zähle ca. 120 Menschen, die vor Zelt 5 anstehen. Derzeit sind es +3 Grad.11.35: Ich trage wie die meisten Geflüchteten keine Handschuhe und meine Hände beginnen zu frieren.

11.38: 10 Leute werden in das Zelt gelassen.

11.39: 5 weitere dürfen rein. Ich stelle mich neben den Eingang.

11.40: Meine Füße werden kalt.

11.42: Aus dem Zelt sind Rufe und Tumult zu hören.

11.43: Drei Männer der Sicherheitsfirma sind am Eingang des Wartezeltesund sprechen mit Ge... more »

»Meine Hände und Füsse werden immer kälter« – Eine Stunde vor dem LaGeSo–Wartezelt in Berlin

Liebe Freund*innen. Heute morgen habe ich mich von 11.30 bis 12.30 Uhr vor das Wartezelt auf dem Lageso gestellt und meine Beobachtungen mit Zeitstempel notiert. Das Wartezelt (Zelt 5) steht direkt vor einem Büro des LaGeSo und die Geflüchteten warten dort auf einen ihrer Termine. 

11.30: Ich zähle ca. 120 Menschen, die vor Zelt 5 anstehen. Derzeit sind es +3 Grad.11.35: Ich trage wie die meisten Geflüchteten keine Handschuhe und meine Hände beginnen zu frieren.

11.38: 10 Leute werden in das Zelt gelassen.

11.39: 5 weitere dürfen rein. Ich stelle mich neben den Eingang.

11.40: Meine Füße werden kalt.

11.42: Aus dem Zelt sind Rufe und Tumult zu hören.

11.43: Drei Männer der Sicherheitsfirma sind am Eingang des Wartezeltes und sprechen mit Geflüchteten, die nicht verstehen, warum sie hier anstehen müssen.

11.46: Der Boden ist matschig und nass.

11.48: Die Gruppe bewegt sich keinen Millimeter.

11.51: Ein Security-Mann geht die Reihe durch und befielt eine Zweier-Reihe zu machen. »Jalla, Jalla!«

11.53: Meine Hände und Füsse werden immer kälter.

11:56: Ich fotografiere einen Security, der mit einem Band eine Absperrung zieht. Sofort kommt ein zweiter Security und sagt, ich solle seinen Kollegen nicht von hinten fotografieren. Er habe mich schon die ganze Zeit beobachtet. Für welche Zeitung ich hier wäre. Ich zeige ihm das Foto (siehe unten), stelle mich mit Namen vor und bringe ihn zum Lachen. Ich stehe nun innerhalb der Absperrung.

12.01: Meine Finger werden langsam steif und das Tippen fällt immer schwerer.

12.04: Drei Geflüchtete werden des Zeltes verwiesen.

12.05: Ich vernehme das Schreien eines Kindes.

12.08: Seit dem letzten Hereinlassen von 15 Geflüchteten hat sich die Gruppe nicht bewegt.

12.10: Meine Zehenspitzen beginnen zu schmerzen.

12.12: In der ersten Reihe kniet ein Geflüchteter in der Hocke und zittert am ganzen Körper.

12.15: Ich muss mich bewegen und etwas hin- und herlaufen. Im Gegensatz zu den Geflüchteten kann ich das.


12.16: Eine Frau mit Kinderwagen läuft auf das Zelt zu und wird hereingelassen.

12.19: Ein älterer Mann wird von einem Mitarbeiter der Security beschimpft, es soll nach Haus gehen. Er verlässt somit den Bereich vor dem Zelt.

12.21: Mir ist super kalt.

12.23: Seit 11.39 Uhr wurde niemand ins Zelt gelassen. Das Zelt ist übrigens mit weiteren ca. 200-300 Menschen befüllt.

12.25: Ich mache mir Sorgen um den zitternden Mann, der immer noch hockend kniet und sich in die übergezogene Decke gehüllt hat.

12.28: Weitere Männer hocken. Der Wind schneidet uns ins Gesicht.

12.30: Ich entscheide mich, so lange hier zu bleiben, bis der zitternde Mann ins wartende Zelt gelassen wird. Er müsste mit der nächsten Gruppe eingelassen werden.

12.34: Ein Security-Mann holt einen Mann aus dem Zelt, den er gerade an der Warteschlange vorbei reingelassen hat, diskutiert mit ihm, schreit ihn sehr laut an und lässt ihn wieder rein.

12.38: Seit 60 min hat sich die Warteschlange keinen Zentimeter bewegt.

12.40: 30 Leute werden ins Zelt gelassen. Der zitternde Mann auch.

12.42: Vor dem Zelt warten jetzt noch 95 Menschen in der Kälte.

12.43: Ende meines Protokolls. Ich friere am ganzen Körper und kann beinahe nicht mehr tippen. Zitternd verlasse ich so schnell ich kann das Gelände des LaGeSo und suche den nächsten Döner-Laden auf, um dort etwas warmes zu essen. 

(ich habe die Fotos mit dem iPhone aufgenommen und hinterher bearbeitet)___

posted image

2016-01-07 19:45:45 (0 comments; 10 reshares; 51 +1s)Open 

Geflüchtet aus Damaskus, obdachlos in Berlin

Als ich am Dienstagabend zum Gelände des LaGeSo in Berlin stapfte, lag auf den Straßen der Hauptstadt eine mehrere Zentimeter dicke Schneedecke. Eisige Kälte zog in die Zelte, und ein paar Geflüchtete kämpften sich gegen den Wind über den großen Innenhof.

Nachdem ich alle Zelte abgeklappert hatte, in denen nur ein paar Grüppchen warteten, sah ich mich im Wärmezelt um. In der Ecke stehend starrte ein Mann mit schwarzem Bart auf sein Smartphone. Unsere Blicke trafen sich, ich gab mir einen Ruck, und sprach ihn an.

Wir einigten uns auf Arabisch und meine Übersetzungs-App erwies sich als besonders effizient, die wir beide im Wechsel bedienten.

Samy aus Damaskus brachte seine Situation in einem kurzen Satz auf den Punkt:

»Kein Geld, kein Essen, ich lebe auf der Straße.«

Dass er seit 4Monaten in De... more »

Geflüchtet aus Damaskus, obdachlos in Berlin

Als ich am Dienstagabend zum Gelände des LaGeSo in Berlin stapfte, lag auf den Straßen der Hauptstadt eine mehrere Zentimeter dicke Schneedecke. Eisige Kälte zog in die Zelte, und ein paar Geflüchtete kämpften sich gegen den Wind über den großen Innenhof.

Nachdem ich alle Zelte abgeklappert hatte, in denen nur ein paar Grüppchen warteten, sah ich mich im Wärmezelt um. In der Ecke stehend starrte ein Mann mit schwarzem Bart auf sein Smartphone. Unsere Blicke trafen sich, ich gab mir einen Ruck, und sprach ihn an.

Wir einigten uns auf Arabisch und meine Übersetzungs-App erwies sich als besonders effizient, die wir beide im Wechsel bedienten.

Samy aus Damaskus brachte seine Situation in einem kurzen Satz auf den Punkt:

»Kein Geld, kein Essen, ich lebe auf der Straße.«

Dass er seit 4 Monaten in Deutschland und sich schon vier Wochen hier am LaGeSo aufhielt, schob der schöne Syrer nach.

Ab 22 Uhr werde er hier aus dem Zelt geworfen und könnte nur in einem Bus übernachten, wenn dort keine Familien schlafen würden. Spätestens um 6 Uhr morgens würde aber auch der Bus schließen.

Diese Worte konnte Samy auf Englisch: »I'm on the Street.«

Wann es hier im Zelt wieder etwas zu essen gäbe, fragte er mit ruhiger Stimme. Ich konnte es ihm nicht beantworten und als ich so neben ihm stand, überkam mich das Mitleid. Ich kramte in meinem Geldbeutel und gab ihm etwas Geld, damit er sich wenigstens davon etwas kaufen konnte.

Zuerst wollte Samy das Geld nicht annehmen, doch ich steckte es ihm schnell in die Manteltasche. Wir schauten uns in die Augen. Es traf mich ins Herz, was diesem Mann, der vor dem Krieg in seiner Heimat bis nach Berlin gereist war, hier widerfuhr.

Auf meine Frage zog er einen Stapel abgestempelter Zettel aus der Innentasche seines grauen Mantels und versuchte, mir zu erklären, was dort – natürlich auf Deutsch – geschrieben stehe.

Beim dritten Papier stockte ich. Ein Amt hatte ihm bis einschließlich Januar einen feststehenden Geldbetrag zugesichert, doch Samy hatte davon nie etwas gesehen. Ihm wurde auch eine Unterkunft versprochen, doch irgendjemand hatte das Wort »Bus« mit Kugelschreiber in Großbuchstaben gekritzelt. Samy sagte immer wieder, »Yes, the bus«.

Sofort machte ich Samy deutlich, dass er immer noch Anspruch auf das Geld habe und ihm dies rechtlich gesehen zustehe. Was die Unterkunft betraf, erklärte ich ihm noch einmal, was auf dem Zettel stand.

Während unseres Gespräches bemerkte ich, dass Samy sein Handy an einer an der Zeltdecke befestigten Steckdosentrommel auflud und deshalb an dieser Stelle stand. Damit er sich ein wenig bewegen konnte, gab ich ihm mein kleines Akku-Pack und machte mit ihm für den Mittwochmorgen einen Termin, um ihm ein Ladekabel für das Akku-Pack zu geben. 12 Uhr, selbe Stelle.

Als wir uns Mittwoch vor der Steckdosentrommel trafen, zeigte ich ihm, wie er mit dem Kabel den Akku, der mittlerweile schon wieder leer war, aufladen konnte.

»Halt! Das geht nicht. Sofort abnehmen!«, vernahm ich eine strenge Stimme hinter uns. Ich drehte mich um und sah einen älteren Herren der Sicherheitsfirma Gegenbauer mit seinen Händen vor meinem Gesicht herumfuchteln.

»Warum das? Der Geflüchtete möchte nur Strom für sein Handy«, entgegnete ich. »Darum. Sofort abnehmen«. Frustriert nahmen wir den Akku von der Steckdose und liefen aus dem Zelt. Samy bekam nicht einmal Strom für sein Handy. Ich erkundigte mich noch, ob es irgendwo auf dem Areal eine Lademöglichkeit für Samy gäbe. Nein. Gibt es nicht. 

Später nannte mich Samy seinen Freund und bedankte sich für alles. Wie gerne wäre ich ein bisschen mehr Freund gewesen, doch an dieser Stelle trennten sich unsere Wege und ich fühlte erneut meine Ohnmacht diesem grausamen System gegenüber.

Mein lieber Samy. Ich wünsche Dir inneren Frieden, Mut und die Kraft für die kommenden Wochen. Mögest Du bald Dein Geld und ein Dach über dem Kopf bekommen. Friede mit Dir.



P.S. Wer Mitleid mit Samy bekommen hat, kann sich gerne an Moabit hilft wenden. Die Organisation kann jegliche Hilfe gebrauchen, um Menschen wie ihn mit warmen Kleidern auszustatten und zu unterstützen.

http://moabit-hilft.com/

Falls Ihr meine Arbeit unterstützen wollt, geht das ganz einfach über Paypal: http://paypal.me/martingommel 

Danke! ___

posted image

2016-01-06 15:35:49 (0 comments; 28 reshares; 59 +1s)Open 

Erste Kälteverletzungen am #LaGeSo  

Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes berichten, doch die Dringlichkeit dieser Meldung scheint mir besonders hoch. Schon gestern Abend fielen in Berlin dicke Schneeflocken vom Himmel und die Gesundheit der Geflüchteten ist bei den gegebenen Minusgraden derzeit besonders gefährdet.

Als ich heute morgen das Büro von Moabit hilft (das sich in Haus D auf dem LaGeSo-Gelände befindet) eintrudelte, wollte ich nur in einem Nebensatz nachfragen, wie es denn mit Verletzungen unter den Geflüchteten aktuell aussieht. Die Antwort schockiert mich noch immer. Laut einer Sprecherin von Moabit hilft meldete die Hilfsorganisation gestern:

1. 10 Erfrierungen an Füßen und an Fingern
2. Ein amputierter erfrorener Zeh bei einem jungen Geflüchteten
3. Zwei kollabierte Geflüchtete, die hungrig waren

Ich weiß, dassdie Frage, d... more »

Erste Kälteverletzungen am #LaGeSo  

Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes berichten, doch die Dringlichkeit dieser Meldung scheint mir besonders hoch. Schon gestern Abend fielen in Berlin dicke Schneeflocken vom Himmel und die Gesundheit der Geflüchteten ist bei den gegebenen Minusgraden derzeit besonders gefährdet.

Als ich heute morgen das Büro von Moabit hilft (das sich in Haus D auf dem LaGeSo-Gelände befindet) eintrudelte, wollte ich nur in einem Nebensatz nachfragen, wie es denn mit Verletzungen unter den Geflüchteten aktuell aussieht. Die Antwort schockiert mich noch immer. Laut einer Sprecherin von Moabit hilft meldete die Hilfsorganisation gestern:

1. 10 Erfrierungen an Füßen und an Fingern
2. Ein amputierter erfrorener Zeh bei einem jungen Geflüchteten
3. Zwei kollabierte Geflüchtete, die hungrig waren

Ich weiß, dass die Frage, die ich nun stellen muss, eine hässliche ist: Muss erst ein*e Geflüchtete*r auf dem Gelände des LaGeSo verhungern/verdursten/erfrieren, bis sich hier etwas grundlegendes ändert?

Was mich in diesem Zusammenhang dermaßen in Rage bringt ist, dass hier Menschen in Berlin, der fucking Hauptstadt Deutschlands auf dem Gelände eines LANDESAMTES in akuter (Lebens-)Gefahr sind und von offizieller Seite keine Veränderungen in Betracht gezogen werden. 

Im Interesse der Geflüchteten fordere ich hiermit alle Politiker*innen, die auch nur ein bisschen Empathie für die Schutzbedürftigen empfinden auf, sich schnellsten für eine radikale Veränderung in Berlin einzusetzen. Das darf so nicht weiter gehen.___

posted image

2016-01-05 08:05:45 (0 comments; 18 reshares; 62 +1s)Open 

4. Januar, LaGeSo: Ich möchte mich schütteln, um zu verstehen, was hier passiert.

Noch immer irritiert von den Verhältnissen, die ich Sonntag Abend auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) erlebt hatte, traf ich Montag Vormittag gegen 11 Uhr auf selbigem Areal wieder ein. 

Was sich nicht geändert hatte: Die Temperatur. Es war beißend kalt, ich hielt es ohne Handschuhe keine 10 Sekunden aus und meine Lippen waren rau geworden. Hingegen strömten Geflüchtete aus allen Richtungen zum Lageso – in und vor den Zelten drängten Menschen. 

Was mich nach wie vor durcheinander brachte: Das schlecht organisierte Terminverfahren. Ich konzentrierte mich auf die Schilder und versuchte in den nächsten Stunden nachzuvollziehen, wer wann wohin musste. Es gelang mir nicht. 

Ein Beispiel: Zelt 5 war auf dem ganzen Gelände für Familienausgeschildert. I... more »

4. Januar, LaGeSo: Ich möchte mich schütteln, um zu verstehen, was hier passiert.

Noch immer irritiert von den Verhältnissen, die ich Sonntag Abend auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) erlebt hatte, traf ich Montag Vormittag gegen 11 Uhr auf selbigem Areal wieder ein. 

Was sich nicht geändert hatte: Die Temperatur. Es war beißend kalt, ich hielt es ohne Handschuhe keine 10 Sekunden aus und meine Lippen waren rau geworden. Hingegen strömten Geflüchtete aus allen Richtungen zum Lageso – in und vor den Zelten drängten Menschen. 

Was mich nach wie vor durcheinander brachte: Das schlecht organisierte Terminverfahren. Ich konzentrierte mich auf die Schilder und versuchte in den nächsten Stunden nachzuvollziehen, wer wann wohin musste. Es gelang mir nicht. 

Ein Beispiel: Zelt 5 war auf dem ganzen Gelände für Familien ausgeschildert. In Zelt 5 waren aber keine Familien. Wie sollte das nur funktionieren? Auf manchen Zelten klebten sogar zwei verschiedene Nummern und so war das Durcheinander perfekt. 

Als Geflüchtete*r würde ich mir hier schlichtweg verarscht vorkommen. 

Die Polizei saß nach wie vor in ihren Mannschaftsbussen - bei laufendem Motor und garantiert mit warmen Sitzen. Den Einsatzkräften ging es tempaturmäßig prächtig. 

Da ich nicht wusste, wie die Security auf mein Fotografieren reagieren würde, hielt ich mich mit der Kamera erstmal zurück. Inbesondere in den Zelten wollte ich nicht für Furore sorgen und die Aufmerksamkeit auf mich lenken. 

Doch im oben genannten Zelt 5 (für Familien) musste ich etwas tun. Die Menge, die am Vorabend aus höchstens 50 Menschen bestanden hatte, war nun auf das dreifache angewachsen und in der Mitte geteilt worden. Links die Männer, rechts die Frauen. 

Ich lief an der Seite der Gitter entlang und sprache drei wartende Männer an. Sie waren wie alle anderen zusammedrückt, doch sie schienen froh zu sein, dass sie jemand auf ihr Befinden ansprach. 

»Meine Füße sind kalt« erklärte mir einer, der sich als Geflüchteter aus Palästina herausstellte. Sie müssten sich immer wieder erneut in Schlangen einquetschen und anstehen. Tag für Tag. 

Das kleine Zelt war warm. Nicht, weil es beheizt wurde. Es waren die Körper den Geflüchteten, die es wärmten. Ich durfte die drei fotografieren, machte ein paar Schnappschüsse und steckte die Kamera wieder in meinen Rucksack. Wünschte den dreien viel Glück und entschuldigte mich dafür, dass mein Land ihnen dieses Szenario zumutete.

Wärend des Gespräches mit den Dreien, das ca. 10 Minuten dauerte, bewegte sich die Menge keinen Milimeter nach vorne. 

Erst später fiel mir ein: Was machst Du als Geflüchtete*r, wenn Du seit 12 Stunden in dieser Schlange stehst, und nun auf Toilette musst? Wenn Du Hunger oder Durst hast? Wenn Du Schmerzen bekommst? 

Würdest Du Dich aus der Menge befreien, um dann das ganze Theater noch einmal durchzumachen? 

Meine Schlussfolgerung: Ganz vorne waren diejenigen, die eigentlich Soforthilfe brauchen und versorgt werden müssten. Und ich bin mir sicher, dass es in all dem stundenlangen Gedränge zu Verletzungen kommen musste.

Auf dem Weg zum Ausgang bemerkte ich, dass die Gruppe, die vor dem »Digitalen Röntgenmobil«, das für tuberkulosekranke und -gefährtete Menschen gedacht ist, dass diese Gruppe nicht kleiner geworden und die Tür des Wagens immer noch verschlossen war. 

Sie warteten nicht in Zelten, sondern draußen. Und: Es waren kranke Menschen. 

Als ich in meiner Wohnung ankam, fühlte ich mich wie erschlagen von all dem Wirrwar und Chaos. Auch heute Morgen kann ich das alles überhaupt nicht einordnen. Es fällt mir schwer, nachzuvollziehen, wie es möglich ist, dass ein Landesamt eine derartige Katastrophe auf den Schultern der Schutzbedürftigen verursachen kann. 

Ich bin nach wie vor irritiert, wütend und auf eine gewisse Weise auch resigniert. Manchmal möchte ich mich selbst schütteln, um endlich zu begreifen, was hier eigentlich passiert. 

Ist das gewollt? Fällt dies in die Kategorie »Abschottungspolitik«, um in die Herkunftsländer ein Signal zu senden, dass es sich nicht lohnt, nach Berlin zu fliehen? Unterlassene Hilfeleistung ist noch untertrieben. Ich bin durcheinander. ___

posted image

2016-01-04 08:28:11 (0 comments; 5 reshares; 28 +1s)Open 

Klirrende Kälte und komplettes Chaos am LaGeSo.

Nachdem ich gestern Abend schon stolz auf mich war, es pünktlich zum Lageso geschafft zu haben, bemerkte ich um 9 Uhr, dass es mehrere LaGeSos in Berlin gibt. Ich war natürlich am Falschen und musste einwenig schmunzeln. 

Also fuhr ich mit der U-Bahn nach Moabit und als ich dort eintraf, bemerkte ich, wie mir der pfeifende Wind ins Gesicht schnitt. Die Nacht war schon vorangeschritten und da stand ich nun vor einem riesigen Gebäudekomplex, in dessen geräumigen Innenhof ein paar Zelte aufgestellt waren. 

Die Präsenz der Polizei, die mit mehreren Einsatzwägen vor Ort waren, rief alte Erinnerung an Demonstationen in mir wach, bei denen die Polizist*innen in die Menge droschen. Ich vertraue diesem Apparat nicht im Geringsten. 


In Begleitung der Mitarbeiterin von Moabit Hilft betrachtete ich ein Zelt nachdem Ander... more »

Klirrende Kälte und komplettes Chaos am LaGeSo.

Nachdem ich gestern Abend schon stolz auf mich war, es pünktlich zum Lageso geschafft zu haben, bemerkte ich um 9 Uhr, dass es mehrere LaGeSos in Berlin gibt. Ich war natürlich am Falschen und musste einwenig schmunzeln. 

Also fuhr ich mit der U-Bahn nach Moabit und als ich dort eintraf, bemerkte ich, wie mir der pfeifende Wind ins Gesicht schnitt. Die Nacht war schon vorangeschritten und da stand ich nun vor einem riesigen Gebäudekomplex, in dessen geräumigen Innenhof ein paar Zelte aufgestellt waren. 

Die Präsenz der Polizei, die mit mehreren Einsatzwägen vor Ort waren, rief alte Erinnerung an Demonstationen in mir wach, bei denen die Polizist*innen in die Menge droschen. Ich vertraue diesem Apparat nicht im Geringsten. 


In Begleitung der Mitarbeiterin von Moabit Hilft betrachtete ich ein Zelt nach dem Anderen und hörte ihren Erklärungen aufmerksam zu – wärend wir bei 11° die Augen zusammen kreifen mussten.

Sehr gerne würde ich hier in präzisen Worten und leicht zu verstehenden Angaben erklären, wie die Geflüchteten zu ihrem Termin kommen. Jedoch bin ich dazu nicht im Stande, denn: Es ist ein einziges Chaos. Ich verstehe es einfach nicht.

Mal sind die Geflüchteten in Zelt A, um ein Bändchen zu bekommen, dann wieder in Zelt B, um dort auf einen Termin zu warten, dann wieder in ihrer Unterkunft (wenn sie eine haben), um auf einen zweiten, dritten, vierten, fünften (!) Termin zu warten.


Leute lagen auf dem kalten Boden und versuchten, zu schlafen, ein Zelt war beheizt, alle anderen gar nicht. Und jetzt nochmal in meinen eigenen Worten:

Die Organisation am Landesamt für Gesundheit und Soziales ist eine fucking Katastrophe. 

Jedenfalls kam ich nach einiger Zeit ins Wartezelt. Schon um 22.30 drängte sich hier eine Gruppe von Geflüchteten eng an einander, um auf den Termin am nächsten Morgen zu warten. Die Wachmänner der Sicherheits-Firma riefen von außen immer wieder in die Gruppe, in leicht aggresivem Ton. Noch einmal: Es ist bitterkalt, auch in diesem Zelt. 


Später traf ich in Zelt A, das einigermaßen gut beheizt ist, einen Mann aus dem Irak, der auf ein paar Decken auf dem Boden saß. Mittels eines zweiten Landsmannes, der das Arabisch auf meinem iPhone lesen konnte, fand ich heraus, dass Aimad 39 Jahre alt ist und mit seinen drei Kindern hier auf Asyl wartete. 

Aimad reiste mit seiner Familie aus seiner Heimat al-Anbar nach Berlin und wartet nun seit zwei Wochen. Dass diese Mann noch lächeln konnte, grenzt für mich an ein Wunder, denn er händigte mir einen Stapel Papiere mit Stempeln aus, die den schlechten Gesundheitszustand seiner Mutter bescheinigten.


Diese befindet sich derzeit in einer Notunterkunft, ist nicht mehr in der Lage, eigenständig die Toilette zu benutzen und klagt über starke Nieren und Knieschmerzen. Ich sah in Aimads Augen, dass er sich große Sorgen um seine Mutter machte. Immer wieder versuchte er, mit mir über sie zu sprechen. 


Ich tippte in meine Übersetzungsapp, dass ich ihm uns einer Familie viel Glück wünsche und gab ihm meine Hand.  Gegen 23.30 Uhr machte ich mich dann auf den Rückweg, denn ich erfuhr, dass nach Mitternacht fast keine U-Bahnen mehr fahren. 

Nun sitze ich hier und schreibe diesen Bericht. Das, was ich gestern erfahren habe, ist so verwirrend wie bewegend. Die Geflüchteten tun mir so leid – und gleichzeitig will nicht in meinen Kopf, wie dieses Amt der Hauptstadt Deutschlands ein solches Schlamassel verursachen und seiner Pflicht nicht nachkommen kann. 

Nun mache ich mich wieder auf zum LaGeSo, denn heute morgen werden die ersten Termine in diesem Jahr vergeben und viele Geflüchtete feiern heute Geburtstag. Warum? Weil viele nur das Jahr wissen, in dem sie geboren sind. Also feiern sie einfach zu Beginn des Jahres an irgendeinem Tag.

Ich hoffe so sehr, dass sich hier schnellstens etwas ändert. Ich denke an die Kinder. An die schwangeren Frauen. Ich denke an alle, die schutzlos Wetter und Unfähigkeit der Regierung ausgesetzt sind.  Mein Herz blutet und ja, so fühlt es sich gerade wirklich an. 

P.S. Wenn ihr meine freie fotojournalistische Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das gerne über Paypal tun. Ich danke Euch von Herzen. 
http://paypal.me/martingommel___

posted image

2016-01-03 17:41:00 (0 comments; 2 reshares; 17 +1s)Open 

3. Januar, Berlin–Kreuzberg

Nachdem ich gestern heil und munter in Berlin-Kreuzberg ankam, war ich nach 14 Stunden Fahrt zum Hinfallen müde und legte mich direkt ins gr0ße Bett. Ich habe das Glück, hier mit einer kleinen Familie befreundet zu sein, die mir gütigerweise ihre wahnsinnig gemütliche Wohnung überlassen haben. 

Kurz nach dem Frühstück kuschelte ich mich in meine warme Jacke, Mütze und Handschuhe, um bei gnadenlosen -11° eine kleine Runde durch das schöne Kreuzberg zu drehen.

Besonders viel ging mir nicht durch den Kopf, außer, dass ich es mir nicht vorstellen kann, in dieser klirrenden Kälte mehrere Stunden oder gar Tage irgendwo draußen herumzustehen –was so vielen Geflüchteten hier am Lageso so ergangen ist. 

Viel eher hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, klein zu sein in dieser riesigen Stadt und versuchte mich an unserenSchulausflug des Beruf... more »

3. Januar, Berlin–Kreuzberg

Nachdem ich gestern heil und munter in Berlin-Kreuzberg ankam, war ich nach 14 Stunden Fahrt zum Hinfallen müde und legte mich direkt ins gr0ße Bett. Ich habe das Glück, hier mit einer kleinen Familie befreundet zu sein, die mir gütigerweise ihre wahnsinnig gemütliche Wohnung überlassen haben. 

Kurz nach dem Frühstück kuschelte ich mich in meine warme Jacke, Mütze und Handschuhe, um bei gnadenlosen -11° eine kleine Runde durch das schöne Kreuzberg zu drehen.

Besonders viel ging mir nicht durch den Kopf, außer, dass ich es mir nicht vorstellen kann, in dieser klirrenden Kälte mehrere Stunden oder gar Tage irgendwo draußen herumzustehen –was so vielen Geflüchteten hier am Lageso so ergangen ist. 

Viel eher hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, klein zu sein in dieser riesigen Stadt und versuchte mich an unseren Schulausflug des Berufskolleges zu erinnern – konnte mich jedoch an nichts mehr erinnern. Vor 15 Jahren waren für mich Schulausflüge schrecklich langweilig.

Heute geht es mir so ganz anders. Ich bin hier, weil ich hier sein will. Und ich habe ein Ziel: Ich möchte herausfinden, wie es den Menschen geht, die vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Turmstraße warten müssen. 

Doch vor heute Abend 9 Uhr ist es zu früh, dort aufzuschlagen, erkundete ich heute erst einmal das Viertel, in dem ich derzeit wohne. Vielleicht ist das meine Art, mich mit einem neuen Ort anzufreunden: Fotografierend.

Mittags drehte ich dann eine zweite Runde und betrat auch den Friedhof, dessen dunkle Bäume im Gegenlicht eine ganz eigene Stimmung erzeugten, die ich nicht in Worte zu fassen vermag. 

Nun ist es nach 18 Uhr und bald werde ich mich zum Lageso aufmachen, um mich später mit einer Mitarbeiterin von Moabit hilft zu treffen. Wen werde ich heute noch kennenlernen? Wie wird die Nacht wohl werden? Wie geht es den Geflüchteten?

Ich werde es herausfinden. Hallo Berlin. 

P.S. Wer meine fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann dies gerne via Paypal tun. Ich danke Euch von Herzen. 

http://paypal.me/martingommel___

posted image

2015-12-30 12:55:52 (0 comments; 7 reshares; 39 +1s)Open 

Karlsruhe, 29. Dezember 2015. Ein Sicherheitsbeamter der BIG begleitet mich durch eiine Landeserstaufnahme-Stelle (LEA) am Stadtrand und zeigt mir die unterschiedlichen Räumlichkeiten wie Kantine, Notunterkunft und auch die obersten Etagen des großen Gebäudes.

Es ist Vorschrift, dass ich Interviews nicht alleine führe, da es scheinbar zu Rangeleien unter Geflüchteten kommen kann, wenn die Presse da ist. Ich führe nun seit einem Jahr Interviews mit Geflüchteten in und vor Unterkünften und bisher ist mir so etwas noch nie passiert, aber gut.

Der BIG-Beamte und Schichtleiter ist zumal äußerst freundlich zu mir – und geht sehr herzlich mit den Geflüchteten um. So nutze ich die Gelegenheit und lasse mir von ihm alle Bereich des ehemaligen Bankgebäudes zeigen. 

Nach einem kleinen Rundgang sehe ich einen jungen Mann am Ende eines der langen Flure stehen.Gedankenversun... more »

Karlsruhe, 29. Dezember 2015. Ein Sicherheitsbeamter der BIG begleitet mich durch eiine Landeserstaufnahme-Stelle (LEA) am Stadtrand und zeigt mir die unterschiedlichen Räumlichkeiten wie Kantine, Notunterkunft und auch die obersten Etagen des großen Gebäudes.

Es ist Vorschrift, dass ich Interviews nicht alleine führe, da es scheinbar zu Rangeleien unter Geflüchteten kommen kann, wenn die Presse da ist. Ich führe nun seit einem Jahr Interviews mit Geflüchteten in und vor Unterkünften und bisher ist mir so etwas noch nie passiert, aber gut.

Der BIG-Beamte und Schichtleiter ist zumal äußerst freundlich zu mir – und geht sehr herzlich mit den Geflüchteten um. So nutze ich die Gelegenheit und lasse mir von ihm alle Bereich des ehemaligen Bankgebäudes zeigen. 

Nach einem kleinen Rundgang sehe ich einen jungen Mann am Ende eines der langen Flure stehen. Gedankenversunken starrt er in sein Smartphone und nimmt beide Kopfhörer ab, als ich ihm vorsichtig auf die Schulter tippe. 

David ist einen Kopf kleiner als ich und braucht einen Moment, um zu verstehen, warum ich mit ihm sprechen will. Leider spricht der Mazedonier mit dem blondierten Pony nur ein paar Fitzelchen Deutsch und Englisch, läuft mit mir aber direkt zum Zimmer, das er sich mit seinem Bruder Dolan und dessen Frau Serifka teilt. 

5 Doppelbetten fasst das ca. 25 Quadratmeter kleiner Zimmerchen, in dem die drei Geflüchteten aus dem Ort Kriva Palanka in Mazedonien derzeit leben – sie teilen sich den Raum mit einer Familie, die auch Kinder hat. Diese wuseln kichernd nach draußen und ich beginne mein Interview, in dem ich meine Übersetzungs-App öffne – und als Zweittastatur serbisch einstelle. 

Als ich Adam frage, warum die drei nach Deutschland geflohen wären und ihm mein iPhone in die Hand drücke, tippt er einen kurzen Satz ein, der mir wie folgt übersetzt wird:

»Weil Mazedonien nicht uns haben will.« 

Dann erhebt Adam seinen Zeigefinger, kramt er in seinem Bett sein Smartphone heraus und zeigt mir zwei Videos. Das erste ist ein mazedonischer Fernsehbericht über einen Anschlag auf eine Moschee.

Zerborstene Scheiben, große Ziegelsteine und zerstörte Gebetsräume sind zu sehen. Die Akteure sprühten außerdem rote Kruzifixe auf die Außenwände der Moschee. Also ein Anschlag von radikalen Christen.

Dann zeigt mit Adam das zweite Video, diesmal keine professionelle Aufnahme, denn er hat es selbst mit seinem Handy aufgenommen. Zu sehen sind Polizisten mit Maschinengewehren, die das Haus einer Menschengruppe, Muslime, räumen. Stress liegt in der Luft, Männer und Frauen beschweren sich lauthals bei den Einsatzkräften.

Während ich mir fassungslos die bewegenden Bilder ansehe, bemerke ich, dass Adam weint und sich Tränen aus den Augen drückt. Immer wieder zeigt er mir mit Handbewegungen, dass sie vertrieben wurden, weil sie Muslime sind. 

Jetzt weiß ich, warum die drei nach Deutschland geflohen sind. Ich tippe in mein Smartphone: »Es tut mir sehr leid, was Euch passiert ist.« Die drei nicken. 

Mir fehlen die Worte. Jetzt das Interview weiterzuführen und das Thema zu wechseln kommt mir unpassend vor. Meine letzte Frage, wie es ihnen jetzt in Deutschland geht, beantworten alle drei mit dem Daumen nach oben. Es ist gut, dass sie hier sind. Und ich hoffe sehr, dass sie bleiben können. 

So verabschiede ich mich mit einem Хвала und verbeuge mich vor den Dreien. Es ist serbisch und bedeutet »Danke«. 

Mein lieber Adam, liebe Serifka, lieber Dolan. Es stimmt mich unendlich traurig, dass Ihr aufgrund Eures muslimischen Glaubens Eure Heimat verlassen musstet. Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr hier bei uns nicht erneut unter Ausgrenzung leiden müsst und wie Freunde aufgenommen werdet. Friede mit Euch. ___

posted image

2015-12-29 09:55:08 (0 comments; 0 reshares; 19 +1s)Open 

Ich bin fremd in meiner Heimat 

Es ist 6 Uhr morgens und ich liege wach im Bett. Kann nicht mehr schlafen, denn mein Körper ist voll mit Adrenalin. Meine Entscheidung, mich als Fotojournalist komplett selbständig zu machen, fühlt sich so gut an, dass mein Körper beinahe zu beben beginnt.

Und dann fallen mir wieder all die 1000 Möglichkeiten ein, wie ich 2016 beginnen kann. Das Thema Flucht werde ich auch im kommenden Jahr beackern, aber wo anfangen? 

http://www.kinderaufderflucht.de/Nach Calais zum Jungle, in dem 5000 Geflüchtete sich selbst organisieren? Oder Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze? An den Lageso? Ich schreibe meinem Freund Tilman von Kinder auf der Flucht  eine Whatsapp-Nachricht und frage ihn, wie er die Entwicklung dort einschätzt. 

Doch ich kann nicht mehr einschlafen. Zu viele Gedanken brummen mir durch den Kopf und meinedrei Mädel... more »

Ich bin fremd in meiner Heimat 

Es ist 6 Uhr morgens und ich liege wach im Bett. Kann nicht mehr schlafen, denn mein Körper ist voll mit Adrenalin. Meine Entscheidung, mich als Fotojournalist komplett selbständig zu machen, fühlt sich so gut an, dass mein Körper beinahe zu beben beginnt.

Und dann fallen mir wieder all die 1000 Möglichkeiten ein, wie ich 2016 beginnen kann. Das Thema Flucht werde ich auch im kommenden Jahr beackern, aber wo anfangen? 

http://www.kinderaufderflucht.de/Nach Calais zum Jungle, in dem 5000 Geflüchtete sich selbst organisieren? Oder Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze? An den Lageso? Ich schreibe meinem Freund Tilman von Kinder auf der Flucht  eine Whatsapp-Nachricht und frage ihn, wie er die Entwicklung dort einschätzt. 

Doch ich kann nicht mehr einschlafen. Zu viele Gedanken brummen mir durch den Kopf und meine drei Mädels surren noch vor sich hin. Also packe ich meine Kamera und laufe eine Runde durch die Karlsruher Ost-Stadt, um meine Gedanken einwenig zu sortieren. 

Doch beim Laufen kommt es wieder hoch, dieses Gefühl, fremd zu sein in der eigenen Heimat. Neue Fragen tauchen auf und immer wieder pocht es mir durch den Kopf: 


Was haben wir – hier in Karlsruhe, hier in Deutschland – zu viel, das andere zu wenig haben?

Ich denke kurz nach und weiß: Alles. 

Seitdem ich in Kosovo, Süditalien und auch auf Lesbos war, habe ich den direkten Vergleich: Armut – Reichtum. Und der fühlt sich immer komischer an. Denn zum Einen mag ich die Stadt, die Gebäude und all das Wuseln der Fahrräder und Leute. 


Zum Anderen aber fühlt sich es nicht richtig an, denn mein Kopf sagt mir, dass es uns hier nur gut geht, weil es anderen Menschen, die wir ausbeuten, schlecht geht. Ich genieße und verabscheue den Anblick dieser Stadt zugleich. 

Jaja, ich weiß schon. Das geht allen so, die mal in armen Ländern waren. Kulturschock und so. Aber das macht es nicht besser und ich fühle mich nunmal so. Vielleicht werde ich einmal routinierter und gewöhne mich an diesen Unterschied, werde in ein paar Jahren lockerer damit umgehen können. Aber jetzt und hier? Bä. Ekelhaft. 


So laufe ich noch einwenig durch Karlsruhe und lasse meine Gedanken ziehen. Schließlich ändert es überhaupt nichts, wenn ich den vermeintlichen Reichtum verabscheue. Kein Kind wird davon satt, keine Geflüchtete gerettet, nichts und niemand hat etwas davon. 


Also schlendere ich durch die Gassen. Grüße Hundebesitzer*innen beim Gassigehen und fotografiere das Blinken und Glänzen dieser Stadt. 

Karlsruhe, Du alteuropäischer Koloss.  

Wie wirst Du mir Deinem Reichtum umgehen? Wirst Du ihn für Dich behalten, und nur Deine Gebäude, Deine Straßen, Dein Gesicht pflegen? 


Wie wirst Du die Menschen aufnehmen, die zu Dir flüchten? Wie wirst Du die behandeln, die leiden? Wirst Du Schutz oder Bedrohung sein? Werden Deine Heime brennen? Wirst Du Dich erheben gegen die Rechtsnationalen? 


Wirst Du als ein Ort der Nächstenliebe oder als ein Ort des Nächstenhasses erinnert werden?  

Karlsruhe. Du bist schön und hässlich zu gleich. Du wirst wohl immer meine Heimat sein – und mir für immer fremd bleiben. ___

2015-12-28 09:02:03 (0 comments; 21 reshares; 23 +1s)Open 


Jetzt brauche ich Euch

Wie Ihr wisst, habe ich meinen Job beim Foto-Magazin kwerfeldein (das ist vor 10 Jahren gegründet habe) gekündigt, um ab sofort alle Hände frei zu haben und mich nur noch der fotojournalistischen Arbeit im Themenkomplex Flucht zu widmen.

Das bedeutet für mich ganz konkret: Ich habe ab sofort keine regelmäßige Geldquelle mehr – dafür aber mehr Zeit, das zu tun, was mir so sehr am Herzen liegt: Die Situation der Geflüchteten Menschen in Europa zu dokumentieren, ein bisschen Freund zu sein und Euch dann diese Geschichten zu erzählen. Mit Bild und Text.

Ich strebe derzeit ganz bewusst keinen festen Arbeitsplatz bei einer Zeitung an, weil ich mich nicht einem politischen Duktus beugen möchte. Ich brauche die Freiheit, zu zeigen, was ich zeigen will – ohne, dass mir jemand reinpfuscht und mich hier oder dorthin schickt, um besondersdramatische F... more »


Jetzt brauche ich Euch

Wie Ihr wisst, habe ich meinen Job beim Foto-Magazin kwerfeldein (das ist vor 10 Jahren gegründet habe) gekündigt, um ab sofort alle Hände frei zu haben und mich nur noch der fotojournalistischen Arbeit im Themenkomplex Flucht zu widmen.

Das bedeutet für mich ganz konkret: Ich habe ab sofort keine regelmäßige Geldquelle mehr – dafür aber mehr Zeit, das zu tun, was mir so sehr am Herzen liegt: Die Situation der Geflüchteten Menschen in Europa zu dokumentieren, ein bisschen Freund zu sein und Euch dann diese Geschichten zu erzählen. Mit Bild und Text.

Ich strebe derzeit ganz bewusst keinen festen Arbeitsplatz bei einer Zeitung an, weil ich mich nicht einem politischen Duktus beugen möchte. Ich brauche die Freiheit, zu zeigen, was ich zeigen will – ohne, dass mir jemand reinpfuscht und mich hier oder dorthin schickt, um besonders dramatische Fotos abzuliefern.

Es ist mir wichtig, die Personen, die ich treffe, auf Augenhöhe zu fotografieren. Wenn möglich, mit Ihnen zu sprechen und ihre Geschichte zu erzählen. Ich glaube, dass das heutzutage sehr wichtig ist, denn die großen Medienhäuser sorgen mit Statistiken und dem Reden von der »Flüchtlingslawine« für mehr Angst als Empathie.

Außerdem möchte ich auch weiter die Gesichter und Motivationen von all denen zeigen, die sich aktiv in der Hilfe für Geflüchtete engagieren. Dies scheint mir ebenfalls wichtig zu sein, denn meiner Meinung nach sind das Heldinnen und Helden, die uns allen ein großes Vorbild sein können.

Doch einen Teil meines bisherigen Weges hätte ich nicht gehen können, ohne die großen und kleinen Spenden von bisher Unbekannten, die mir sagten: »Martin, was Du machst, finde ich wichtig und ich möchte Dich unterstützen.«

So ist es auch um meinen weiteren Weg als Fotojournalist bestellt. Auch in Zukunft werde ich das, was ich heute tue, nicht ohne Spenden tun können. Ja, ich werde Vorträge an Schulen halten (das ist mir sehr wichtig) und ja, ich werde weiterhin für NGOs arbeiten, die von meiner Arbeit profitieren, usw., – doch ich weiß schon jetzt: Ohne Eure Unterstützung werde ich nicht so unabhängig bleiben können.

Für meine Dokumentationen haben ich ganz konkrete Ausgaben wie Reisekosten, Verpflegung, meine Unterkunft – und hin und wieder brauche ich neues Equipment.

Deshalb will ich nicht länger um den heißen Brei reden: Ich brauche Euch.
Wer mich bei meinem Vorhaben 2016 unterstützen möchte, kann das sehr gerne tun. Mir ist dabei wichtig: Dies soll keine Aufforderung, sondern eine Einladung sein. :)

Paypal: paypal.me/martingommel

Konto

Martin Gommel

IBAN DE60 6605 0101 1020 2083 26

BIC KARSDE66XXX

Ich danke Euch von Herzen.
Euer Martin___

posted image

2015-12-23 11:39:26 (0 comments; 8 reshares; 33 +1s)Open 

»Viele Frauen haben Angst, dass ihr Kind im Bauch gestorben ist.« Mit einer Ärztin auf Lesbos

Lesbos im November. Ein frostiger Wind weht über den Strand der kleinen griechischen Insel und ich betrete einen Bus, der mit einem großen Plakat der Adventisten überzogen ist. Da ich gegenüber christlichen Vereinen Vorbehalte habe, begleitet mich ein mulmiges Gefühl – das sich in den nächsten Minuten in Luft auflösen wird.

Im Bus lerne ich die Schweizerin Jacqueline Alder kennen, die seit 10 Tagen in diesem Bus arbeitet. Jacqueline ist Ärztin und der Bus kein Bus, sondern eine Klinik. Ich halte mich an den Stangen fest, denn mir bleibt der Mund offen, während ich das Innere des Busses bewundere. Unfassbar. Und: Hier wird nicht missioniert, sondern nur medizinisch versorgt.

Alles ist voll mit fein säuberlich einsortierten Medikamenten und es gibt hinter einem Vorhangeinen abgetren... more »

»Viele Frauen haben Angst, dass ihr Kind im Bauch gestorben ist.« Mit einer Ärztin auf Lesbos

Lesbos im November. Ein frostiger Wind weht über den Strand der kleinen griechischen Insel und ich betrete einen Bus, der mit einem großen Plakat der Adventisten überzogen ist. Da ich gegenüber christlichen Vereinen Vorbehalte habe, begleitet mich ein mulmiges Gefühl – das sich in den nächsten Minuten in Luft auflösen wird.

Im Bus lerne ich die Schweizerin Jacqueline Alder kennen, die seit 10 Tagen in diesem Bus arbeitet. Jacqueline ist Ärztin und der Bus kein Bus, sondern eine Klinik. Ich halte mich an den Stangen fest, denn mir bleibt der Mund offen, während ich das Innere des Busses bewundere. Unfassbar. Und: Hier wird nicht missioniert, sondern nur medizinisch versorgt.

Alles ist voll mit fein säuberlich einsortierten Medikamenten und es gibt hinter einem Vorhang einen abgetrennten Raum für Frauen.

»Vor ein paar Wochen schickte mir ein Freund eine E-Mail und stellte mir das Bus-Projekt vor. Mich hat sehr bewegt, was hier auf Lesbos abgeht. Weil ich gerade frei hatte, habe ich gesagt: Okay, ich komme.«

Jacqueline setzte sich in einen Flieger und arbeitet nun seit 10 Tagen mit ihrem Kollegen Michael-John Von Hörsten zusammen, der vor 6 Wochen seinen Job kündigte und seither rund um die Uhr Geflüchtete medizinisch versorgt.

»An einem Tag kommen gar keine Boote, aus welchen Gründen auch immer und manchmal kommen 10 Boote gleichzeitig und da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll«, berichtet mir die große Schweizerin.

»Was wir am meisten sehen, sind unterkühlte Leute, die sehr lange schlecht oder gar nichts gegessen haben, die traumatisiert sind. Manchmal gibt es sehr heftige emotionale Reaktionen bis zur Bewusstlosigkeit. Sie werden hier dann aufgewärmt, bekommen zu essen und zu trinken.«

Dies seien aber noch die harmlosen Fälle. Jacqueline hat in den paar Tagen auf Lesbos weitaus schlimmeres gesehen.

»Oft kommen auch Leute mit Schuss oder Messer-Verletzungen. Viele sind Monate unterwegs, sehr weit gereist und sich wochenlang in Wäldern versteckt.«

Ich schaue zu Strand und erinnere mich an die Gesichter, die ich in den letzten Tagen gesehen habe. Jetzt kann ich ein bisschen besser verstehen, wie es den Geflüchteten bisher ergangen ist.

»Wir hatten eine Frau, die von ISIS die Kehle durchgeschnitten eine Brust abgetrennt bekam. Ihr Mann wurde vor ihren Augen umgebracht. Die Kinder waren auch dabei, als das passiert ist.«

Ich spüre, wie mir einwenig schwindelig wird. Gut, dass wir uns gerade hingesetzt haben.

»Gestern war ein junger Mann da, der nur geweint hat, weil seine ganze Familie (Frau und Kinder) vor seinen Augen ausgerottet wurde. Das geht mir schon sehr nah, diese Menschen sind einfach alleine hier.«

Ich atme tief durch. Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf und ich ringe nach den passenden Worten. Da fällt mir ein, dass der Bus ja eine Klinik ist und ich frage Jacqueline nach den Behandlungen, die sie hier mit ihren Kollegen durchführt.

»Die Standardbehandlungen sind Wundversorgung und Schwangerschaftskontrollen. Viele Frauen haben Angst, dass ihr Kind im Bauch gestorben ist – was durch den ganzen Stress durchaus passieren kann. Des weiteren machen wir Flüssigkeitstherapien, da viele Geflüchtete unterkühlt, dehydriert oder schwer krank sind.«

Manche Kinder kämen mit Lungenentzündung, Asthmapatienten verlieren häufig ihre Sprays, so Jacqueline. Sie erlebe jedoch auch sehr schöne Begegnungen.

»Wir hatten kürzliche eine Groß-Familie. Jesiden, die im Irak verfolgt werden. Die Eltern und ihre 13 Kinder kamen auf drei unterschiedlichen Booten an und von den Helfer*innen wusste niemand, wo sie dazugehörten. Alle haben sich dann wieder gefunden.«

»Mit Medikamenten sind wir gut versorgt. Was uns noch fehlt, sind gute Monitore, wenn Patienten in einen Herzstillstand geraten… Wir brauchen vor allem Geld für Spezialgeräte und die Wartung des Busses, denn die Idee dahinter ist, dass wir auch woanders Geflüchtete versorgen können. Beispielsweise in Mazedonien oder weiter nördlich auf der Balkanroute.«

Am darauffolgenden Tag begleite ich Jacqueline bei der Behandlung eines Jungen, der schreiend und weinend von seiner Mutter in den Bus getragen wird. Der kleine Muhammed weint so viel, dass mir die Tränen ins Gesicht stehen, denn ich weiß, dass dies auch mein Kind sein könnte.

Jaqueline kommuniziert mit einem Übersetzer, der arabisch spricht und ebenfalls ein Geflüchteter ist. Sie erklärt ihm, welche Medikamente der Junge nehmen soll, und wie viel. Der Übersetzer gibt diese Informationen an die Mutter weiter, die, wie sich herausstellt, schwanger ist.

Mit einem Ultraschallgerät tastet Jaqueline den Bauch der Mutter ab und nachdem ich von beiden das OK bekomme, darf ich auch den Raum betreten und ein paar Fotos machen. Die Mutter ist sichtlich erleichtert, dass ihr Kind im Bauch gesund ist.

Und zwischenzeitlich hat sich auch der kleine Junge beruhigt, dem die Behandlung des Kinderarztes sehr schnell geholfen hat. Ich spüre, welch eine Oase dieser Bus mitsamt den Ärzt*innen ist. Jacqueline strahlt eine Ruhe und Routine aus, die hier an diesem Ort ganz besonders wichtig ist.



Liebe Jacqueline. Ich bin immer noch sprachlos von Deinem Einsatz für die Geflüchteten und dem, was Du auf Lesbos tagtäglich erlebst. Menschen wie Du sind ein Licht im Dunkeln der Geflüchteten und es gibt viel zu wenige Menschen, wie Dich. Ich bin so dankbar dafür, dass Du tust, was Du tust. Friede mit Dir.

P.S. Wer meine fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann dies gerne via Paypal tun. Dankeschön!

https://www.paypal.me/martingommel___

posted image

2015-12-22 17:42:26 (0 comments; 6 reshares; 57 +1s)Open 

Ankunft bei Nacht

Als zu später Stunde Boote von der Türkei nach Griechenland übersetzten, konnte ich in den Gesichtern die peinigende Angst der Geflüchteten sehen.

Denn ist so ganz anders, in ein Boot zu steigen, wenn die das tiefe Schwarz nicht erkennen lässt, wie hoch die Wellen sind und wie weit es noch bis zum anderen Ufer ist.

Selbst ich habe manchmal Angst, wenn ich Nachts alleine durch die Stadt laufe und ein paar Laternen kaputt sind. Wie muss es dann sein, auf dem großen Meer zu sein?

Doch die Nacht versperrt auch die Sicht der türkischen Polizei und macht in vielen Fällen eine Flucht erst möglich. Immer wieder werden Geflüchtete von türkischen Einsatzkräften verhaftet – und nach dem EU-Deal mit Erdogan sind die Bedingungen nicht besser geworden.

So wollen die Ankommenden häufig einfach nur raus aus dem Boot. So schnell wiemöglich an Lan... more »

Ankunft bei Nacht

Als zu später Stunde Boote von der Türkei nach Griechenland übersetzten, konnte ich in den Gesichtern die peinigende Angst der Geflüchteten sehen.

Denn ist so ganz anders, in ein Boot zu steigen, wenn die das tiefe Schwarz nicht erkennen lässt, wie hoch die Wellen sind und wie weit es noch bis zum anderen Ufer ist.

Selbst ich habe manchmal Angst, wenn ich Nachts alleine durch die Stadt laufe und ein paar Laternen kaputt sind. Wie muss es dann sein, auf dem großen Meer zu sein?

Doch die Nacht versperrt auch die Sicht der türkischen Polizei und macht in vielen Fällen eine Flucht erst möglich. Immer wieder werden Geflüchtete von türkischen Einsatzkräften verhaftet – und nach dem EU-Deal mit Erdogan sind die Bedingungen nicht besser geworden.

So wollen die Ankommenden häufig einfach nur raus aus dem Boot. So schnell wie möglich an Land. Dadurch entsteht jedoch eine gefährliche Hektik, die nicht selten zu Verletzungen führt. Dieses Foto verdeutlicht diesen Eindruck.

Ich habe gesehen, wie unterkühlte Kinder zitterten. Wie schwangere Frauen sorgenvoll dreinblickten und ältere Männer auf dem Boden zusammensackten, sobald sie ein paar Meter auf griechischen Boden waren.

Es ist grausam, zu fliehen. Besonders bei Nacht.



P.S. Wer meine fotojournalistische Arbeit unterstützen möchte, kann das gerne hier tun:

https://www.paypal.me/martingommel

Danke! ___

posted image

2015-12-21 10:10:22 (0 comments; 2 reshares; 28 +1s)Open 

Liebe Freund*innen, eine große Veränderung liegt vor mir. 

Liebe Freund*innen, eine große Veränderung liegt vor mir. ___

posted image

2015-12-17 11:55:41 (0 comments; 1 reshares; 24 +1s)Open 

Blick hinter die Kulissen

Morgen Vormittag werde ich vor 70 Schüler*innen einen Vortrag über meine Erfahrungen auf Lesbos halten und bereite mich gerade darauf vor.

Ich bin sehr froh darüber, dass immer mehr Lehrer*innen die Initiative ergreifen und mir die Türen ihrer Schulen öffnen (und dafür sorgen, dass ich ein kleines Entgelt dafür bekomme).

Für mich ist es sehr wichtig, auf diesem Wege die junge Generation an die Hintergründe der Thematik zu führen. Rede und Antwort zu stehen und meine Eindrücke zu schildern.

Ich glaube, es ist nie zu früh (oder zu spät), den Diskurs zu suchen und ich bin schon sehr gespannt auf morgen.

Blick hinter die Kulissen

Morgen Vormittag werde ich vor 70 Schüler*innen einen Vortrag über meine Erfahrungen auf Lesbos halten und bereite mich gerade darauf vor.

Ich bin sehr froh darüber, dass immer mehr Lehrer*innen die Initiative ergreifen und mir die Türen ihrer Schulen öffnen (und dafür sorgen, dass ich ein kleines Entgelt dafür bekomme).

Für mich ist es sehr wichtig, auf diesem Wege die junge Generation an die Hintergründe der Thematik zu führen. Rede und Antwort zu stehen und meine Eindrücke zu schildern.

Ich glaube, es ist nie zu früh (oder zu spät), den Diskurs zu suchen und ich bin schon sehr gespannt auf morgen.___

posted image

2015-12-16 21:33:33 (0 comments; 1 reshares; 22 +1s)Open 

November 2015, Lesbos, Griechenland.
Eine gerade angekommene Geflüchtete sucht am Strand nach brauchbaren Dingen für die weiterführende Flucht.

November 2015, Lesbos, Griechenland.
Eine gerade angekommene Geflüchtete sucht am Strand nach brauchbaren Dingen für die weiterführende Flucht.___

posted image

2015-12-16 15:07:11 (0 comments; 4 reshares; 12 +1s)Open 

Übringes: Wer meine fotografische Arbeit unterstützen möchte, kann dies sehr gerne hierüber tun: https://www.paypal.me/martingommel Ich danke !

Übringes: Wer meine fotografische Arbeit unterstützen möchte, kann dies sehr gerne hierüber tun: https://www.paypal.me/martingommel Ich danke !___

posted image

2015-12-15 17:01:24 (0 comments; 2 reshares; 24 +1s)Open 

Sie standen beobachtend vor ihren Häusern, liefen spazieren oder saßen zigarillo-rauchend in den kleinen Cafés. Die Bewohner*innen des kleinen Örtchens Skala Skamnias auf der Insel Lesbos schien meine Anwesenheit (und die aller anderen Helfer*innen) nicht sonderlich zu interessieren.

Witzigerweise sah ich diese Frau im Zentrum des Dörfchens immerwieder. Sie stand meistens vor ihrem kleinen Häuschen und guckte einwenig mürrisch drein. Nach zwei, drei Begegnungen legte ich es drauf an.

Auf mein naives „Hello! My name is Martin, who are you?” aus der Ferne reagierte die Dame nicht einmal mit dem Zucken einer Wimper. Wie sollte sie auch, denn sie sprach kein Englisch.

Ich ging noch einen Schritt weiter, zog meine Kamera und hielt sie vors Gesicht. Jetzt flunkerte ein Schmunzeln über ihr Gesicht und ich machte ein Foto. Klick. Mit breitem Grinsen verabschiedete ichmich recht ... more »

Sie standen beobachtend vor ihren Häusern, liefen spazieren oder saßen zigarillo-rauchend in den kleinen Cafés. Die Bewohner*innen des kleinen Örtchens Skala Skamnias auf der Insel Lesbos schien meine Anwesenheit (und die aller anderen Helfer*innen) nicht sonderlich zu interessieren.

Witzigerweise sah ich diese Frau im Zentrum des Dörfchens immerwieder. Sie stand meistens vor ihrem kleinen Häuschen und guckte einwenig mürrisch drein. Nach zwei, drei Begegnungen legte ich es drauf an.

Auf mein naives „Hello! My name is Martin, who are you?” aus der Ferne reagierte die Dame nicht einmal mit dem Zucken einer Wimper. Wie sollte sie auch, denn sie sprach kein Englisch.

Ich ging noch einen Schritt weiter, zog meine Kamera und hielt sie vors Gesicht. Jetzt flunkerte ein Schmunzeln über ihr Gesicht und ich machte ein Foto. Klick. Mit breitem Grinsen verabschiedete ich mich recht freundlich und mit einem wieder naiven „Thank you! Very good!”

~

Wie vielen geflüchteten Menschen haben die Ortsansässigen schon in die Augen gesehen? Es sind hunderttausende, die alleine 2015 über die Insel nach in den Norden zogen. Und nicht alle davon überleben die Überfahrt mit dem Boot und werden reglos an die Küsten gespült.

Ich habe mich gefragt, wie ich an ihrer Stelle mit dem unfassbaren Ausmaß an Leid umgehen würde. Ob ich nach ein paar Wochen abstumpfen und resigniert all dem den Rücken kehren könnte. Ob ich auch nach Monaten nicht abreißender Ankünfte Leute umsorgend aus den Booten ziehen würde.

Ich weiß es nicht. Auch auf Lesbos wird es unter den 86000 Bewohner*innen xenophobe und feindliche Regungen geben, aber auch diejenigen, die die Not und Verzweiflung der Mütter, Kinder und Männer sehen und sie deshalb weiterhin willkommen heißen.

Und wenn dann mal wieder konservative Bewohner*innen altdeutscher Dörfer wegen ein paar Geflüchteten völlig aus der Fassung geraten, kann ich auch das mittlerweile ganz gut in Relation setzen.

Was ich aber weiß ist, dass die Menschen auf dieser Insel nicht zu Unrecht den Friedensnobelpreis bekommen sollen. Sie verdienen meinen größten Respekt___

posted image

2015-12-04 16:57:23 (0 comments; 3 reshares; 29 +1s)Open 

Bei der Ankunft von Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos geht es häufig sehr hektisch zu. Junge Menschen springen vom Boot, andere können sich nicht bewegen und die Babies und Kinder werden zuerst von den Helfer*innen in Sicherheit gebracht.

Häufig ist die größte Sorge der Mütter das Wohl der eigenen Kinder, denn die Geflüchteten wissen: Eine Überfahrt ist für alle Beteiligten ein ernstzunehmendes Risiko.

Bei der Ankunft von Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos geht es häufig sehr hektisch zu. Junge Menschen springen vom Boot, andere können sich nicht bewegen und die Babies und Kinder werden zuerst von den Helfer*innen in Sicherheit gebracht.

Häufig ist die größte Sorge der Mütter das Wohl der eigenen Kinder, denn die Geflüchteten wissen: Eine Überfahrt ist für alle Beteiligten ein ernstzunehmendes Risiko.___

posted image

2015-11-18 12:13:42 (0 comments; 1 reshares; 21 +1s)Open 

Saliou (oder: meiner Machtlosigkeit ins Auge sehen)

Vielleicht erinnert Ihr Euch an meinen Bericht über Saliou. Im Oktober traf ich ihn in Catania auf Sizilien – Saliou ist ein geflüchtetes Kind und 14 Jahre alt. 

Ich traf ihn ein zweites Mal, denn die Leute vom Projekt Seehilfe fuhren nocheinmal nach Catania, um Hilfgüter bei dem Jesuitenorden, der sich auch um Saliou kümmert abzugeben. 

Als wir uns zufällig auf der Straße trafen, freute sich Saliou – und ich mich erst, als ich sah, dass er im Besitz eines Fahrrades war. 

Unser Gespräch blieb erneut im Wortgewirr der Sprachbarrire stecken, doch wenn ich die Zeichensprache und des kleinen Senegalesen richtig verstanden habe, konnte er auf eine Unterkunft zum übernachten zurückgreifen. 

Wir kommunizierten ohne Worte. Mit Blicken, einem Lächeln, Kopfbewegungen und ein paar Wortfetzen.Auch ohne Worte i... more »

Saliou (oder: meiner Machtlosigkeit ins Auge sehen)

Vielleicht erinnert Ihr Euch an meinen Bericht über Saliou. Im Oktober traf ich ihn in Catania auf Sizilien – Saliou ist ein geflüchtetes Kind und 14 Jahre alt. 

Ich traf ihn ein zweites Mal, denn die Leute vom Projekt Seehilfe fuhren nocheinmal nach Catania, um Hilfgüter bei dem Jesuitenorden, der sich auch um Saliou kümmert abzugeben. 

Als wir uns zufällig auf der Straße trafen, freute sich Saliou – und ich mich erst, als ich sah, dass er im Besitz eines Fahrrades war. 

Unser Gespräch blieb erneut im Wortgewirr der Sprachbarrire stecken, doch wenn ich die Zeichensprache und des kleinen Senegalesen richtig verstanden habe, konnte er auf eine Unterkunft zum übernachten zurückgreifen. 

Wir kommunizierten ohne Worte. Mit Blicken, einem Lächeln, Kopfbewegungen und ein paar Wortfetzen. Auch ohne Worte ist so viel möglich, zu sagen. Dann trat er in die Pedale, drehte das Fahrrad um und fuhr fort.

Saliou ist eines von hunderten Opfern Europäischer Politik. Ein Kind, das kein Asyl bekommen hat und höchstwahrscheinlich nur, weil er noch ein Kind ist, eine Bleibe haben. Er wird - spätestens mit 18 - auf den Straßen Siziliens leben und immer wieder spüren müssen, dass er hier nicht erwünscht ist. 

Meistens ist es nicht viel, was ich geben kann und ich wünschte mir, Menschen wie den kleinen Saliou sofort von ihrer Not zu entbinden. Doch ich kann es nicht und weiß, dass gut gemeinte Hau-Ruck-Aktionen verheerende Folgen haben können, insbesondere für Geflüchtete.

Ein Beispiel: Immer wieder schreiben mir Menschen (in leicht vorwurfsvollem Unterton), warum wir nicht wie Saliou einfach mit nach Deutschland genommen haben. Und glaubt mir, ich habe ernsthaft darüber nachgedacht.

Jedoch muss bei solchen Aktionen auch bedacht werden, welche Folgen ein Eingriff haben kann. Denn: Was wäre passsiert, wenn wir mit Saliou an einer Landesgrenze kontrolliert würden? 

Die Möglichkeit, der Schlepperei bezichtigt und (alle, wir waren zu sechst) verhaftet zu werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Und Saliou? Was würde mit ihm passieren? Er hätte sich - trotz seiner Registrierung in Italien und seinem sogenannten „illegalen“ Status“ – unerlaubt in Europa bewegt. Was wäre mit ihm passiert?

In der derzeitig so undurchsichtigen Situation kann das niemand vorhersagen, denn ständig werden neue Asyl-Gesetze verabschiedet und Grenzbehörden handeln nicht immer zugunsten der Geflüchteten.   

Dies ist nur eine von vielen (!) Gefahren, die bei solchen Aktionen zu bedenken sind. 

Was mich selbst - wie so oft – furchtbar wütend macht, ist meine eigene Machtloskeit. Ich fühle in diesem kapitalisten und rassistischen System wie gelähmt und weiß von Gesprächen mit ehrenamtlichen Helfer*innen, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin. 

Doch ich möchte und ich werde nicht aufgeben, auch, wenn ich manchmal kurz davor bin und infrage Stelle, ob meine Berichterstattung überhaupt einen Sinn hat oder nur Mitleid erzeugt, das schnell wieder verpufft. 

Trotzdem: Ich werde auch in Zukunft das menschliche Leid, das dieses System verursacht, aufdecken. Mit Kamera und Tastatur. Mit meinem Da-Sein für diese Menschen. Und wenn ich direkt helfen kann, dann werde ich es tun. 

Mein lieber Saliou, ich hoffe, dass ich mich nicht verhört habe und Du wirklich eine Bleibe in Catania gefunden hast. Ich werde Dich nicht vergessen und wünsche Dir Freunde und Freundinnen, die mit Dir und für Dich kämpfen. ___

posted image

2015-11-17 17:41:51 (0 comments; 5 reshares; 27 +1s)Open 

„Ich muss in der Öffentlichkeit betteln, um mich zu ernähren.“

Es ist Oktober und ich bin mit den Aktivist*innen vom Projekt Seehilfe auf Sizilien, um Geflüchteten Soforthilfe zu geben. Vor der Eingang eines Supermarktes sitzt Greg, ein Mann von kräftiger Statur und selbstbewusster Ausstrahlung.

„Nein, ich bin kein Refugee“, macht mir Greg sofort deutlich, als ich in einem Nebensatz von Geflüchteten spreche. Ihm „Ich hatte ein Visa, musste kein Asyl beantragen und wie viele aus Afrika diesen harten Weg gehen.“

Und trotzdem sitzt Greg hier vor dem Supermarkt. Menschen grüßen ihn schon von Weitem und ein kleines Mädchen, das gerade mit ihrer Mutter einkaufen geht, macht einen Fistbump mit ihm.

„Das Gute an Italien ist: Die Leute sind nett zu mir. Das Schlechte: Ich habe kaum Chancen, hier zu arbeiten“ führt er weiter aus.
„Zuhause in Nigeria ha... more »

„Ich muss in der Öffentlichkeit betteln, um mich zu ernähren.“

Es ist Oktober und ich bin mit den Aktivist*innen vom Projekt Seehilfe auf Sizilien, um Geflüchteten Soforthilfe zu geben. Vor der Eingang eines Supermarktes sitzt Greg, ein Mann von kräftiger Statur und selbstbewusster Ausstrahlung.

„Nein, ich bin kein Refugee“, macht mir Greg sofort deutlich, als ich in einem Nebensatz von Geflüchteten spreche. Ihm „Ich hatte ein Visa, musste kein Asyl beantragen und wie viele aus Afrika diesen harten Weg gehen.“

Und trotzdem sitzt Greg hier vor dem Supermarkt. Menschen grüßen ihn schon von Weitem und ein kleines Mädchen, das gerade mit ihrer Mutter einkaufen geht, macht einen Fistbump mit ihm.

„Das Gute an Italien ist: Die Leute sind nett zu mir. Das Schlechte: Ich habe kaum Chancen, hier zu arbeiten“ führt er weiter aus.

„Zuhause in Nigeria habe ich studiert. Ich bin ein Künstler. Ich rappe. Und schreibe. Jetzt muss ich in der Öffentlichkeit betteln, um mich zu ernähren.“

Was den Mann mit der positiven Ausstrahlung nach Italien brachte, erfrage ich nicht, denn ich möchte ihn nicht mit der Vergangenheit konfrontieren. Doch im Gespräch wird etwas anderes deutlich und das hat mit Rassismus zu tun:

„Als ich mal mit der Bahn gefahren bin, da war das ganze Abteil voll. Der Schaffner ging an allen Fahrgästen vorbei – und direkt auf mich zu. Als ich ihm mein Ticket gegeben habe, war er enttäuscht. So etwas ärgert mich sehr. Ich verstehe das nicht.“

Auch mit Greg gehe ich ein Runde einkaufen. Philipp von Seehilfe gibt mir die Bankkarte und wir drehen eine Runde durch den Einkaufsladen. Ich spüre, dass Greg sich mit seiner Rolle als Bettler abgefunden – und trotzdem seine Selbstachtung nicht verloren hat.

Seit fünf Jahren lebt Greg nun hier auf Sizilien. Er hat seinen Umgang mit der schwierigen Situation gefunden und begrüßt alle Italiener*innen, die er sieht. Und sie grüßen zurück. Ich bin mir sicher, dass dies harte Arbeit für ihn war.

Lieber Greg, es tut mir sehr leid, dass Du in Europa jeden Tag betteln gehen musst. Ich wünsche Dir von Herzen eine bessere Zukunft und eine Arbeitsstelle und einen würdigen Lohn, von dem Du Dich selbst ernähren kannst.___

posted image

2015-11-12 16:49:32 (0 comments; 0 reshares; 22 +1s)Open 

Als wir zum ersten Mal zum Hafen in Pozzallo, Sizilien fuhren, hielten wir vor einer Mülltonne, aus der gefühlte 20 kleine, abgemagerte Katzen hüpften und sich versteckten. 

Ich stieg vorsichtig aus und versuchte, mit der Kamera die unscheinbare Szene einzufangen. Je näher in den Katzen kam, umso weiter verkrochen sie sich in die Steine. 

Dies ist eine der wenigen Aufnahmen, die mir gelungen ist. 

Als wir zum ersten Mal zum Hafen in Pozzallo, Sizilien fuhren, hielten wir vor einer Mülltonne, aus der gefühlte 20 kleine, abgemagerte Katzen hüpften und sich versteckten. 

Ich stieg vorsichtig aus und versuchte, mit der Kamera die unscheinbare Szene einzufangen. Je näher in den Katzen kam, umso weiter verkrochen sie sich in die Steine. 

Dies ist eine der wenigen Aufnahmen, die mir gelungen ist. ___

posted image

2015-11-11 11:18:46 (0 comments; 5 reshares; 30 +1s)Open 

„Ich lebe nach der Philosphie, dass alle Menschen gleich sind. Ich möchte so viele Menschen wie möglich kennenlernen. Und ihre Sprachen.“

Das ist Ekku (Name geändert). Wir lernen uns in einer Unterkunft für Geflüchtete kennen, die - wie so viele – fernab der sizizilienischen Bevölkerung liegt. Der 23-jährige ist schlank, trägt einen fein ausrasierten Bart und eine rote Basecap.

Gerne zeigt er mir sein kleines Zimmer, das er sich mit zwei weiteren Geflüchteten teilt. Durch ein Fenster sehen wir Kühe auf der Weide grasen und Ekku setzt sich auf sein Bett.

„Wie geht es Dir?“ frage ich ihn unverblümt.
„Eigentlich geht es mir gut. Mein Asylantrag wurde abgelehnt, doch ich habe eine zweite Chance bekommen, mir einen Rechtsanwalt zu suchen und für Asyl zu kämpfen. Jetzt hängt alles vom Richter ab.“

„Und wann wird der Richter dasentscheiden?“
„Das ist d... more »

„Ich lebe nach der Philosphie, dass alle Menschen gleich sind. Ich möchte so viele Menschen wie möglich kennenlernen. Und ihre Sprachen.“

Das ist Ekku (Name geändert). Wir lernen uns in einer Unterkunft für Geflüchtete kennen, die - wie so viele – fernab der sizizilienischen Bevölkerung liegt. Der 23-jährige ist schlank, trägt einen fein ausrasierten Bart und eine rote Basecap.

Gerne zeigt er mir sein kleines Zimmer, das er sich mit zwei weiteren Geflüchteten teilt. Durch ein Fenster sehen wir Kühe auf der Weide grasen und Ekku setzt sich auf sein Bett.

„Wie geht es Dir?“ frage ich ihn unverblümt.
„Eigentlich geht es mir gut. Mein Asylantrag wurde abgelehnt, doch ich habe eine zweite Chance bekommen, mir einen Rechtsanwalt zu suchen und für Asyl zu kämpfen. Jetzt hängt alles vom Richter ab.“

„Und wann wird der Richter das entscheiden?“
„Das ist das Problem. Ich weiß es nicht.“

Ich erinnere mich daran, wie schlimm dieses Warten und zum Nichtstun gezwungen-sein für Geflüchtete ist. Doch Ekku strahlt.

„Mein Glaube gibt mir Kraft. Ich bin Muslim. Allah hat mich erschaffen. Und jetzt muss ich eben diesen Umständen ins Angesicht sehen.“

Dann kommen wir auf seine Flucht zu sprechen.

„Ich war ein Bäcker und lehrte ehrenamtlich arabisch,“ führt Ekku aus. „Weil ich aber in der Öffentlichkeit etwas gesagt habe, das der Regierung nicht gefiel, wurde ich festgenommen und saß zwei Monate im Gefängnis. Dort wurde ich krank und musste ins Krankenkaus. Ein Freund sagte mir, dass es hier nicht sicher für mich ist.“

So floh Ekku nach Libyen. Versteckte sich. Hatte Hunger und Durst. Angst davor, erschossen zu werden und musste sich verstecken. Ekku überstand all das unversehrt.

Beim Erzählen schaut der Gambier mich offen an, gestikuliert und achtet stets darauf, dass ich verstanden habe, was ich sage.

„Viele meiner Freunde sind weiter in den Norden Europas gereist. Ich habe mich dafür entschieden, hier zu blieben.“

Ekku strahlt. Lacht – ganz ungewungen und ehrlich. Die Vergangenheit hat ihn stark gemacht.

In einem Nebensatz erklärt er, dass er die Sprache beider Mitbewohner aus unterschiedlichen Herkunftsländern spricht und ingesamt über einen Sprachschatz von neun (!) Sprachen verfügt:

„Ich lebe nach der Philosphie, dass alle Menschen gleich sind. Ich möchte so viele Menschen wie möglich kennenlernen. Und ihre Sprachen.“

Ekku ist 23 Jahre alt und spricht: Englisch, Französisch, Arabisch, Senegalesisch, Wolof, Bai, Hassania (marokkanisches Arabisch), Mandinka und eine weitere Sprache. 

Ich kann kaum glauben, was Ekku mir erzählt und drücke ihm meine Bewunderung aus. Das Gemeinsame ist Ekku sehr wichtig.

„Viele meiner Leute sind Christen. Aber das ist kein Problem, ich glaube mit ihnen zusammen. Wir haben viele Gemeinsamkeiten.“

Ich stehe neben diesem Mann und mit jedem weiteren Satz, den er sagt, muss auch ich lächeln. Ekku lebt, was er sagt und steckt mich mit seiner Freude am Leben an. 

Keine fünf Minuten später interviewe ich einen anderen Geflüchteten aus Syrien. Ekku übersetzt das Arabische fließend ins Englische und spricht dem Geflüchteten immer wieder Mut zu.  

Lieber Ekku. Ich bin so dankbar dafür, Dich kennengelernt zu haben und wünsche Dir, dass Du so stark und mutig bleibst, wie Du bist.___

posted image

2015-11-10 18:09:11 (0 comments; 2 reshares; 24 +1s)Open 

Ich muss an Geflüchtete denken.

Auf der Hinfahrt nach Italien machte ich auf der Fähre diese schnappschussartige Aufnahme. Am Ende des Horizontes ist Sizilien zu sehen. 

Wenn ich mir heute, nach zwei Wochen Abstand dieses Foto ansehe, dann kommen mir nicht nur Erinnerungen an die Überfahrt. Nein, es tritt das ein, was mir derzeit ständig widerfährt, wenn ich im Alltag irgendwelche nebensächlichen Dinge sehe: 

Ich muss an Geflüchtete denken. 

Ganz konkret: An eine Überfahrt auf einem kleinen, überfüllten Boot. Natürlich stimmt die Perspektive nicht. Der Standpunkt der Aufnahme ist zu hoch, ein Foto aus einem kleinen Boot heraus wäre wesentlich niedriger gewesen.

Jedoch: Wenn ich diese Foto sehe und meine Augen schließe, kann ich es mir ein bisschen vorstellen. und erinnere die Erzählungen von Geflüchteten, die mir von ihrer Überfahrterzählten. 
<... more »

Ich muss an Geflüchtete denken.

Auf der Hinfahrt nach Italien machte ich auf der Fähre diese schnappschussartige Aufnahme. Am Ende des Horizontes ist Sizilien zu sehen. 

Wenn ich mir heute, nach zwei Wochen Abstand dieses Foto ansehe, dann kommen mir nicht nur Erinnerungen an die Überfahrt. Nein, es tritt das ein, was mir derzeit ständig widerfährt, wenn ich im Alltag irgendwelche nebensächlichen Dinge sehe: 

Ich muss an Geflüchtete denken. 

Ganz konkret: An eine Überfahrt auf einem kleinen, überfüllten Boot. Natürlich stimmt die Perspektive nicht. Der Standpunkt der Aufnahme ist zu hoch, ein Foto aus einem kleinen Boot heraus wäre wesentlich niedriger gewesen.

Jedoch: Wenn ich diese Foto sehe und meine Augen schließe, kann ich es mir ein bisschen vorstellen. und erinnere die Erzählungen von Geflüchteten, die mir von ihrer Überfahrt erzählten. 

Dann spüre ich die Müdigkeit, das Ausgelaugtsein. Dann kann ich den Hunger, den Durst, das eingeengt sein spüren. Dann kan ich die plötzlich Panik und Euphorie nachempfinden, wenn am Horizont das Ziel, die Insel, Italien zu erkennen ist. 

Für mich ist dieses Nach-Empfinden wichtig. Denn um die Verzweiflung der Geflüchteten nur ein kleines bisschen verstehen zu können, muss ich mich immer wieder in „ihre Schuhe“ begeben. 

Und wenn das nur in meiner Vorstellung ist, die 1000 Mal unechter ist, als die schlimmen Erfahrungen, die diese Menschen machen müssen. 

Ich muss - und ich will – an Geflüchtete denken. ___

posted image

2015-11-10 08:58:37 (0 comments; 0 reshares; 21 +1s)Open 

Friedhof der Fluchtboote

Da lagen sie. Seit Monaten, seit Jahren. Boote, die tausende Menschen übers Mittelmeer in die italienische Hafenstadt Pozzallo brachten.

Als wir im Oktober zum ersten Mal zum Hafen fuhren, kletterten Nils von Projekt Sehilfe und ich eine Mauer hinauf und erblickten den Bootsfriedhof.

Während wir da oben standen und ein paar Aufnahmen machten, wusste ich nicht, was ich davon halten sollte.

Einerseits war es doch schön, dass diese alten Kähne übers große Mittelmeer geschippert und somit unzählige Menschen sicher nach Europa transportiert hatten.

Andererseits stellte sich mir die Frage, wie viele Boote nicht angekommen waren und Geflüchtete ins Meer gedrückt hatten.

Und so erinnerten mich die Boote auch daran, dass so viele Menschen mit Furcht und Zittern, in der Kälte, durstig, ausharrend und gequält in derHoffnung a... more »

Friedhof der Fluchtboote

Da lagen sie. Seit Monaten, seit Jahren. Boote, die tausende Menschen übers Mittelmeer in die italienische Hafenstadt Pozzallo brachten.

Als wir im Oktober zum ersten Mal zum Hafen fuhren, kletterten Nils von Projekt Sehilfe und ich eine Mauer hinauf und erblickten den Bootsfriedhof.

Während wir da oben standen und ein paar Aufnahmen machten, wusste ich nicht, was ich davon halten sollte.

Einerseits war es doch schön, dass diese alten Kähne übers große Mittelmeer geschippert und somit unzählige Menschen sicher nach Europa transportiert hatten.

Andererseits stellte sich mir die Frage, wie viele Boote nicht angekommen waren und Geflüchtete ins Meer gedrückt hatten.

Und so erinnerten mich die Boote auch daran, dass so viele Menschen mit Furcht und Zittern, in der Kälte, durstig, ausharrend und gequält in der Hoffnung auf eine gute Zukunft das Risiko eingegangen waren, auf dem offenen Meer zu ertrinken.

Ein Risiko, das mir bis heute ein Rätsel ist und den Geflüchteten auferzwungen wird. Gäbe es doch nur legale Wege nach Europa…___

posted image

2015-11-09 08:44:38 (0 comments; 2 reshares; 27 +1s)Open 

Momente des Glücks

Oktober in Sizilien. Wir wusste dass die Geflüchteten, die wir in einer Unterkunft kennengelernt hatten, für ihr Leben gerne Fußball spielten. Da sie nicht arbeiten konnten und sehr selten Besuch kam, war dies eine der Hauptbeschäftigungen, denen sie täglich nachgingen und die sie regelrecht feierten.

Da jedoch nicht alle im Besitz passender und tauglicher Fußballschuhe waren, hatten wir alle Schuhgrößen aufgeschrieben und bei einem unserer Großeinkäufe für jede*n ein Paar erstanden. Den Frauen der Unterkunft kauften wir spontan Cremes, angenehme Düfte und Körperpflegemittel.

Als wir ihnen dann am selben Tag noch die Sachen vorbeibrachten, leuchteten die Augen der geflüchteten Menschen. Zum einen waren sie sichtlich erfreut darüber, dass wir sie ein zweites Mal besuchten, und zum anderen konnten sie die Sachen wirklich gebrauchen.
Da war er wie... more »

Momente des Glücks

Oktober in Sizilien. Wir wusste dass die Geflüchteten, die wir in einer Unterkunft kennengelernt hatten, für ihr Leben gerne Fußball spielten. Da sie nicht arbeiten konnten und sehr selten Besuch kam, war dies eine der Hauptbeschäftigungen, denen sie täglich nachgingen und die sie regelrecht feierten.

Da jedoch nicht alle im Besitz passender und tauglicher Fußballschuhe waren, hatten wir alle Schuhgrößen aufgeschrieben und bei einem unserer Großeinkäufe für jede*n ein Paar erstanden. Den Frauen der Unterkunft kauften wir spontan Cremes, angenehme Düfte und Körperpflegemittel.

Als wir ihnen dann am selben Tag noch die Sachen vorbeibrachten, leuchteten die Augen der geflüchteten Menschen. Zum einen waren sie sichtlich erfreut darüber, dass wir sie ein zweites Mal besuchten, und zum anderen konnten sie die Sachen wirklich gebrauchen.

Da war er wieder, dieser kurze Moment des Glücks. Zwischen all dem Leid und der Ungerechtigkeit, die diesen Menschen widerfuhr und immer noch widerfährt, gab es diese wohltuenden Einblicke in ein Leben, das lebenswert ist. Daran Teil zu haben und diese Momente gemeinsam mit den Menschen zu genießen, war für mich sehr wichtig.

Wir lachten gemeinsam, nahmen uns gegenseitig in den Arm und freuten uns daran, jetzt hier zu sein. Nein, wir konnten nicht das ganze Asylsystem Italiens ändern – und ich bin immer noch der Meinung, dass hier einiges im Argen liegt. Doch für einen kurzen Moment waren wir alle glücklich und erfreut. Und das ist, in meinen Augen, trotz allem, sehr viel wert.___

posted image

2015-11-05 18:12:58 (0 comments; 2 reshares; 33 +1s)Open 

„Ich werde mich niemals auf diesen Boden legen“

Mitte Oktober begleite ich Projekt Seehilfe in eine der vielen sizilianischen Städte, um dort Hilfsgüter für obdachlose Geflüchtete zu verteilen. Dort lernen wir eine Gruppe gambischer Männer kennen und einer von ihnen ist der 19-jährige Ebrima*.

Ebrima ist groß, von schmaler Statur und hat ein feines Gesicht, das mich an einen Schauspieler erinnert. So setzen wir uns an den Rand der Straße, während hin und wieder italienische Autos an uns vorbei tösen.

„Vor zwei Wochen bin ich mit ungefähr 100 anderen von Libyen in ein Boot gestiegen. Die Fahrt dauerte so lange, dass ich unterwegs schlief. Nach ungefähr 16 Stunden wurden wir gerettet“, erzählt Ebrima mit ruhiger Stimme und einem leicht gebrochenen Englisch.

Während Ebrima von den ersten Tagen im Hafen Siziliens spricht, wickelt er sich immerwieder ein Handtuch u... more »

„Ich werde mich niemals auf diesen Boden legen“

Mitte Oktober begleite ich Projekt Seehilfe in eine der vielen sizilianischen Städte, um dort Hilfsgüter für obdachlose Geflüchtete zu verteilen. Dort lernen wir eine Gruppe gambischer Männer kennen und einer von ihnen ist der 19-jährige Ebrima*.

Ebrima ist groß, von schmaler Statur und hat ein feines Gesicht, das mich an einen Schauspieler erinnert. So setzen wir uns an den Rand der Straße, während hin und wieder italienische Autos an uns vorbei tösen.

„Vor zwei Wochen bin ich mit ungefähr 100 anderen von Libyen in ein Boot gestiegen. Die Fahrt dauerte so lange, dass ich unterwegs schlief. Nach ungefähr 16 Stunden wurden wir gerettet“, erzählt Ebrima mit ruhiger Stimme und einem leicht gebrochenen Englisch.

Während Ebrima von den ersten Tagen im Hafen Siziliens spricht, wickelt er sich immer wieder ein Handtuch um die Hand. Nein, er wäre nicht verletzt, antwortet er auf meine Frage. „Ich mache das, um meine Hand warmzuhalten.“

Dann fährt Ebrima fort.

„Alle bekamen Armbänder mit Nummern drauf und wir wurden in ein Camp außerhalb der Stadt gebracht. Wir bekamen zu essen und zu trinken. Nach zwei Tagen fragte uns ein Offizieller, warum wir hierher gekommen wären. Ich wollte antworten, doch bevor ich etwas sagen konnte, wurde ich wieder weggeschickt. Der Mann hörte mir nicht zu.“

Der Horizont der Stadt verschlingt langsam die Sonne und ich spüre, wie der Boden langsam aber sicher kalt wird. Ich würde am liebsten direkt aufstehen, doch ich bleibe sitzen.

„Dann wurde unsere Gruppe geteilt“ erläutert Ebrima. „Wir mussten ein Dokument unterschreiben. Da stand, dass wir 7 Tage Zeit hätten, das Land zu verlassen.“

Ebrima schaut mich fragend an. 

„Warum?“ frage ich naiv nach.

„Ich weiß es nicht. Irgendwann wurden wir aus dem Camp gebracht und die Türe verschlossen. Wir versuchten, herauszufinden, was los war, doch wir hatten keine Chance.“

„Mist“, entgegne ich Ebrima. Mir fällt gerade nichts anderes ein. Währenddessen beginne ich langsam zu frieren, denn der Boden wird immer kälter.

„Wir schlafen seit neun Tagen auf der Straße. Aber ich lege mich nicht hin, denn überall laufen Straßenköder rum. Ich bin doch ein Mensch, so kann ich nicht schlafen.“

Ebrima zeigt mir, wie er schläft und lehnt sich zusammengekauert gegen die kalte Mauer.

„Du schläfst im Sitzen?“

„Ja. Ich werde mich niemals auf diesen Boden legen.“

Mir wird auf einmal klar, dass der immer kälter werdende Boden in dieser Nacht das Bett von unzähligen obdachlosen Geflüchteten sein wird. Ich weiß, dass ich bald aufstehen und mich heute Nacht in das warme Bett unserer Air-BNB-Unterkunft kuscheln kann. Ebrima nicht. Ebrima wird im Sitzen und fröstelnd versuchen, zu schlafen.

„Die Nächte sind sehr kalt. Aber weißt Du? Ich verstehe das nicht. Diese Leute haben uns ohne zu fragen einfach rausgeschmissen. Sie gaben uns kein Geld, keine Kleider, nichts zu essen. Wie kann das sein? Die andere Gruppe lebt nun in einem Camp, aber wir nicht. Ich verstehe es nicht.“

Ebrima hat nicht einmal richtige Schuhe, sondern nur diese alten Badelatschen, auf denen ein fremder Name steht. Da er seit 9 Tagen auf der Straße lebt, ist er ein „Illegaler Einwanderer“ und kann zu jeder Zeit von der Polizei aufgegriffen und verhaftet werden.

Doch er weiß nicht, wohin er soll. Ebrima schaut mich immer wieder fragend an.

„Weißt Du“, sage ich vorsichtig, „das ist nicht in Ordnung, was Dir geschehen ist. Das tut mir sehr, sehr leid.“

Meine Worte bleiben im Hals stecken und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ebrima weint nicht, aber ich sehe seine Verzweiflung und spüre meine eigene Ohnmacht, irgendetwas an seiner Situation zu ändern.

Wir stehen auf und ich strecke ihm meine Hand entgegen. „Danke, dass Du mit mir gesprochen und mir Deine Geschichte erzählt hast. Ich werde darüber schreiben, versprochen.“

-

Noch am selben Abend versorgt das Team von Seehilfe die Gruppe der Geflüchteten, zu der auch Ebrima gehört, mit Schlafsäcken und Isomatten. Ebima bekommt außerdem ein paar gute Schuhe. 1000 Mal bedanken sie sich – und wir wissen: Wir haben nicht viel erreicht, aber wenigstens müssen sie heute Nacht nicht frieren.

Schon bald wird die nächste Gruppe Geflüchteter in der Stadt ankommen und sich fragen, wie sie überleben sollen. Der Winter naht und es wird von Tag zu Tag kälter.

Ebrima, ich wünsche Dir, dass Du eines Tages hier in Europa ein Dach über dem Kopf finden wirst. Ich schäme mich dafür, Europäer zu sein. Wo auch immer Du jetzt bist, Friede sei mit Dir.

*Name geändert___

posted image

2015-11-03 18:56:42 (0 comments; 12 reshares; 24 +1s)Open 

Sizilien: Ankunft von 219 Geflüchteten
Am 21. Oktober bekommen wir schon Nachmittags von mehreren Kontaktpersonen den Hinweis, dass Abends gegen 20.30 Uhr ein Schiff mit Geflüchteten im Hafen Pozzallos eintreffen wird.
Als Philipp, Elli und ich am Hafen eintrudeln und ich meinen Presseausweis gezückt halte, weht ein kalter Wind. Das Schiff der Ärzte Ohne Grenzen (MSF) legt gerade an.
An Bord: 219 gerettete Menschen in Plastik-Anzügen, die MSF-Crew und ein Fernseh-Team. Vor und auf dem Boot herrscht eine fast schon unangenehme Stille. Niemand sagt etwas und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis das Boot endlich angelegt hat. Das einzige menschliche Geräusch ist das Weinen von Babys an Board.
Über einen langen Steg werden langsam Frauen und Kinder auf italienischen Boden geführt. Einige werden von Ärzten getragen, da sie nicht mehr laufen können. Ankommende lachen und ihreErleichter... more »

Sizilien: Ankunft von 219 Geflüchteten
Am 21. Oktober bekommen wir schon Nachmittags von mehreren Kontaktpersonen den Hinweis, dass Abends gegen 20.30 Uhr ein Schiff mit Geflüchteten im Hafen Pozzallos eintreffen wird.
Als Philipp, Elli und ich am Hafen eintrudeln und ich meinen Presseausweis gezückt halte, weht ein kalter Wind. Das Schiff der Ärzte Ohne Grenzen (MSF) legt gerade an.
An Bord: 219 gerettete Menschen in Plastik-Anzügen, die MSF-Crew und ein Fernseh-Team. Vor und auf dem Boot herrscht eine fast schon unangenehme Stille. Niemand sagt etwas und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis das Boot endlich angelegt hat. Das einzige menschliche Geräusch ist das Weinen von Babys an Board.
Über einen langen Steg werden langsam Frauen und Kinder auf italienischen Boden geführt. Einige werden von Ärzten getragen, da sie nicht mehr laufen können. Ankommende lachen und ihre Erleichterung ist deutlich zu spüren.
Diese wird jedoch schnell gebremst, denn: Eine Traube von italienschischer Polizist*innen verschiedener Einheiten nimmt die Geflüchteten nicht gerade freundlich in Empfang.
Ein Polizeifotograf hält allen Geflüchteten die Kamera ins Gesicht und natürlich wird geblitzt. Die zuständige Beamtin leitet die Geflüchteten an, eine Handbewegung zur Schulter zu machen, sodass das angelegte weiße Bändchen mit Nummer auf dem Foto zu sehen ist.
Ein weiterer Polizist nimmt den Geflüchteten mit einem großen Device die Fingerabdrücke ab und macht nochmals ein Foto. Jede*r Geflüchtete ist ab jetzt identifiziert und registriert. Gesprochen wird mit den Geflüchteten nicht, die Stimmung ist alles, nur nicht „Refugees Welcome“.
Besonders kranke oder verwundete Menschen werden in einem notdürftig zusammengesteckten Zelt oder Krankenwagen versorgt. Das Zelt wird in den nächsten Minuten vom Wind auseinandergeweht und die sich darin noch befindenden Geflüchteten stehen ohne Schutz vor allen gaffenden Menschen neben den Zeltbetten.
Die letzte dort noch sitzende Person bekommt das Zeltbett von Ärzten förmlich unter dem Hintern weggezogen.
Nach Abschluss der Identifikation werden die Geflüchteten zu einem Bus geleitet; mit Brötchen und etwas zu trinken in der Hand finden sie die Sitzplätze mit Plastiküberzügen vor.
Sobald sich ein Bus gefüllt hat, werden diese in den militärisch abgeriegelten Hotspot am Hafen von Pozzallo gefahren. Die Öffentlichkeit hat hier keinen Zutritt und die Geflüchteten sind fort an hier Grenzsicherungsorganisationen wie Frontex ausgesetzt.
-
Dank unserer Recherchen und zahlreichen Gesprächen mit italienischen Augenzeugen und Geflüchteten wissen wir, was nun passiert.
Die Geflüchteten werden angeleitet (Druckmittel: Erleichterungen im Asylverfahren), die Person zu verraten, die das Boot gefahren hat. Sobald diese Person ermittelt und als „Schlepper“ kategorisiert wurde, erwartet sie in Italien eine Haftstrafe bis zu 15 Jahren.
Desweitern besteht das Schnellprüfverfahren aus zwei Fragen:
„Aus welchem Land bist du eingereist?“
„Willst du hier arbeiten?“
Kommt der/die Geflüchte aus einem sog. „sicheren Herkunftsland“, kann kein Asylantrag gestellt werden. Antworten Geflüchtete auf die zweite Frage mit „Ja, ich möchte arbeiten“, wird der Status eines „Wirtschaftsflüchtling“ angenommen, und ebenfalls kein Asylverfahren eingeleitet.
Die Grausamkeit dieser Vorgänge möchte ich an dieser Stelle nicht weiter zu kommentieren. Denn eine dramatische Folge dieser Herangehensweise von Frontex und anderen Organisationen ist:
Obdachlosigkeit. Geflüchtete Menschen landen in zahlreichen Fällen auch ohne Angabe von Gründen von heute auf morgen auf der Straße. Sie haben keine Rechte, sind offiziell „Irregulars“ und bekommen 7 Tage Zeit, das Land zu verlassen. Was natürlich für keine*n Geflüchtete*n möglich ist.
Erst heute Mittag haben wir David kennengelernt (siehe Bericht vom 27.10. http://j.mp/--david) und gesehen, wie zerstörerisch und erniedrigend dieses menschenverachtende System sich auf geflüchtete Menschen auswirkt.___

posted image

2015-10-30 09:45:16 (0 comments; 8 reshares; 40 +1s)Open 

Aniqas Hände zittern. Ihre Stimme bebt, Tränen bereiten sich den Weg über die runden Wangen. Tiefe Trauer breitet sich über der jungen Frau aus, die mir gegenübersitzt. Auch ich kann mich kaum beherrschen und beginne, zu weinen, während ich Aniqa weiter zuhöre.

Ich bin zu Besuch in einer Unterkunft für Geflüchtete auf Sizilien. Vor mir sitzt eine junge Frau im Alter von 25 Jahren aus Marokko. Seitdem sie uns (Elli, Phillip und mich) gesehen hat, kam sie immer wieder zu uns. Sie wollte unbedingt mit uns sprechen und fotografiert werden.

Jetzt, in ihrem Zimmer, das sie sich mit zwei weiteren Frauen teilt, sitzt sie auf ihrem kleinen Bett und wartet auf unsere volle Aufmerksamkeit. Wie gut, dass wir von einem Mitgeflüchtetem unterstützt werden, der Aniqa übersetzt. 

Elli hat sich neben Aniqa gesetzt. In den kommenden Minuten werden wir vier in die Abgründe desLebens einer ... more »

Aniqas Hände zittern. Ihre Stimme bebt, Tränen bereiten sich den Weg über die runden Wangen. Tiefe Trauer breitet sich über der jungen Frau aus, die mir gegenübersitzt. Auch ich kann mich kaum beherrschen und beginne, zu weinen, während ich Aniqa weiter zuhöre.

Ich bin zu Besuch in einer Unterkunft für Geflüchtete auf Sizilien. Vor mir sitzt eine junge Frau im Alter von 25 Jahren aus Marokko. Seitdem sie uns (Elli, Phillip und mich) gesehen hat, kam sie immer wieder zu uns. Sie wollte unbedingt mit uns sprechen und fotografiert werden.

Jetzt, in ihrem Zimmer, das sie sich mit zwei weiteren Frauen teilt, sitzt sie auf ihrem kleinen Bett und wartet auf unsere volle Aufmerksamkeit. Wie gut, dass wir von einem Mitgeflüchtetem unterstützt werden, der Aniqa übersetzt. 

Elli hat sich neben Aniqa gesetzt. In den kommenden Minuten werden wir vier in die Abgründe des Lebens einer Frau geführt, die wir wohl nie vergessen werden.

Aniqa wurde im Alter von 17 Jahren an einen 40-jährigen Mann verheiratet, den sie zu keinem Zeitpunkt mochte. Doch weil ihre Familie arm war, wurde die Zwangsheirat als Chance auf ein besseres Leben für alle gesehen.

„Ich habe niemals Liebe gesehen“, meint Aniqa in sanfter Stimme.

Ihr Ehemann vergewaltigte Anaqa. Misshandelte die junge Frau, die nicht einmal volljährig war. Diese Qualen belasten Aniqa noch heute, dieser Schmerz sitzt tief. 

Nach einer gemeinsamen Reise nach Spanien, die Aniqas erster Besuch Europas war, wurde ihr Mann ihrer überdrüssig und lies sich von ihr scheiden – ohne Angabe eines Grundes.

Dies hatte für Aniqa zur Folge, dass sie in den Augen ihrer Familie und der Gesellschaft nichts mehr wert – nein, viel schlimmer, zur Last wurde.

Sie fand einen neuen Mann, der sie trotz alledem erneut heiratete, ihr jedoch ständig ihre Wertlosigkeit vor Augen hielt. Sie wieder vergewaltigte, Sex gegen ihren Willen mit ihr hatte. Das traf die junge Frau erneut und zerstörte ihre Lebenshoffnung beinahe vollständig. 

Aniqa hielt diese Erniedrigungen nicht mehr aus. Sie unternahm einen ersten Selbstmordversuch mit einer Überdosis Medikamenten. Die Marokkanerin zeigt uns eine Narbe im oberen Beckenbereich. Dort hätten sie die Ärzte aufschneiden müssen, um das Gift aus ihrem Magen zu pumpen.

Da selbst ein Suizid scheiterte, begab sich Aniqa auf die Flucht und arbeitete eine Zeit lang als Babysitterin in Libyen. Dort unternahm sie ihren zweiten Selbstmordversuch: Und stieg in ein Boot nach Italien.

Dies sollte ihr Weg sein, zu sterben. Würde sie ertrinken, wüsste sie: Jetzt ist meine Zeit gekommen. Doch Aniqa kam sicher auf Sizilien an und wusste: Ich soll leben.

Immer wieder beginnt Aniqa fürchterlich zu weinen und spricht von der ungeheuerlichen Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr. Immer wieder bedankt sie sich bei uns dafür, dass wir zuhören und ihre Geschichte verbreiten wollen.

Elli, dem Übersetzer und mir fehlen die Worte. Wir versuchen, ihr Mut zuzusprechen und sie zu trösten. Ich spüre, wie wichtig es ist, dass wir jetzt hier sind und zuhören. Freundinnen und Freunde sind, und nicht wegsehen. Neben ihr sitzen bleiben. Mit ihr weinen. Mit ihr stark sein. Mit ihr sein. 

So fällt uns der Abschied von Aniqa schwer, noch immer hat sie Tränen in den Augen, als wir ihr die Hand reichen und uns zum Ausgang der Unterkunft begeben. Aniqa hat uns verändert. 

Liebe Aniqa. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Deine Leiden und Schmerzen eines Tages Heilung finden werden. Danke, dass Du uns vertraut und Dein Innerstes anvertraut hast. In meinen Augen bist Du eine Heldin. Friede mit Dir. ___

posted image

2015-10-28 11:14:37 (0 comments; 3 reshares; 16 +1s)Open 

Unberührt

Als wir zu Beginn nach 30 Stunden Fahrt in der kleinen Hafenstadt Siziliens (Pozzallo) ankamen und uns ausgeruht hatten, besichtigten wir erst einmal das Städtchen.

Nach meiner ersten Begeisterung für die wunderschönen Gässchen, die groß angelegten Marktplätze und das prunkvolle Rathaus kam, wurde ich einwenig unruhig.

Denn in Pozzallo gab es weder kommunale (Not-)Unterkünfte, Essensausgaben für obdachlose Geflüchtete noch weitere - von Land oder EU – konkrete Hilfsangebote für Menschen auf der Flucht.

Die Sizilianer*innen schienen ganz unberührt zu sein von dem, was sich an ihrem Hafen abspielte, der ein Hauptanlaufpunkt für Rettungen Geflüchteter ist.

„Soll das der Ort sein, in dem wöchentlich viele hunderte Geflüchtete ankommen?“ – diese Frage wurde Stunde um Stunde drängender.

Alte Männer saßen inCafès und pafften Zigarill... more »

Unberührt

Als wir zu Beginn nach 30 Stunden Fahrt in der kleinen Hafenstadt Siziliens (Pozzallo) ankamen und uns ausgeruht hatten, besichtigten wir erst einmal das Städtchen.

Nach meiner ersten Begeisterung für die wunderschönen Gässchen, die groß angelegten Marktplätze und das prunkvolle Rathaus kam, wurde ich einwenig unruhig.

Denn in Pozzallo gab es weder kommunale (Not-)Unterkünfte, Essensausgaben für obdachlose Geflüchtete noch weitere - von Land oder EU – konkrete Hilfsangebote für Menschen auf der Flucht.

Die Sizilianer*innen schienen ganz unberührt zu sein von dem, was sich an ihrem Hafen abspielte, der ein Hauptanlaufpunkt für Rettungen Geflüchteter ist.

„Soll das der Ort sein, in dem wöchentlich viele hunderte Geflüchtete ankommen?“ – diese Frage wurde Stunde um Stunde drängender.

Alte Männer saßen in Cafès und pafften Zigarillos, Polizist*innen unterhielten sich locker an Straßenecken und die Dorfjugend schien lief mit Rucksäcken und Musik im Ohr entspannt zur Schule.

Diese Oberflächlichkeit nervte mich zunehmend. Von Integration und direkter Auseinandersetzung mit dem Leid der Geflüchteten war weit und breit nichts zu sehen.

Die (bis auf eine Ausnahme) fehlenden zivilgesellschaftlichen Bemühungen, Menschen nach der Ankunft zu unterstützen gaben mir mehr oder minder den Rest: Ich war irritiert.

Doch des Rätsels Lösung war nicht weit: In Pozzallo wurden gerettete Geflüchtete im Hafen registriert, in einem militärisch abgeriegelten Hotspot untergebracht und dann weiterverteilt – all das an der Bevölkerung Pozzallos vorbei.

Jedoch wurden direkt am Hafen Menschen mit der Begleitinformation, innerhalb von 7 Tagen das Land zu lassen, auf die Straße gesetzt und waren von heute auf morgen obdachlos. Auf die Frage, wo diese Menschen denn wären, wusste niemand eine Antwort. Auch nicht Bürgermeister Luigi Ammatuna.  

Im ersten Gespräch mit Ammatuna stellte sich heraus, dass auch er keinerlei Interesse daran hatte, geflüchtete Menschen konkret zu unterstützen und die Stadt selbst an keinem Hilfsprojekt beteiligt sah.

All das löste Unbehagen in mir aus und so fotografierte ich Pozzallo eben in Nicht-Anwesenheit geflüchteter Menschen. Eine skurrile Situation, ohne Frage.



„Heute ist Pozzallo bekannt wegen der Tausende von Flüchtlingen aus Nordafrika (Libyen, Tunesien und Ägypten), die hier tot geborgen oder an Land gehen, versorgt werden und in Europa Asyl suchen.“ – Wikipedia___

posted image

2015-10-27 08:41:27 (0 comments; 41 reshares; 76 +1s)Open 

Sein fester Blick ist entschlossen auf die Ausgangstür des Supermarktes gerichtet. In Minutenabständen verlassen Italiener*innen den Store und der Mann, der auf einem alten Hocker sitzt, verabschiedet die vorbeiziehenden Menschen. Er ist die Freundlichkeit in Person.

David schaut mich lächelnd an, als ich ihm die Hand reiche und mich zu ihm setze. Ich krame mein Handy aus der Tasche und tippe ein paar Wortfetzen in meine Übersetzungsapp, denn David kommt aus Mali und spricht Französisch.

Zwischen dem langsamen Wortaustausch gestikuliere ich mit Mimik und Händen und auch David zeigt mir mit Gesichtsausdrücken und Malbewegungen, dass er mir wohlgesonnen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb.

David lebt seit sieben Monaten auf der Straße und derzeit hier, unter dieser Treppe. Er bekam in Italien kein Asyl und fällt somit durch das Raster der hiesigen Gesellschaft. KeineSozialle... more »

Sein fester Blick ist entschlossen auf die Ausgangstür des Supermarktes gerichtet. In Minutenabständen verlassen Italiener*innen den Store und der Mann, der auf einem alten Hocker sitzt, verabschiedet die vorbeiziehenden Menschen. Er ist die Freundlichkeit in Person.

David schaut mich lächelnd an, als ich ihm die Hand reiche und mich zu ihm setze. Ich krame mein Handy aus der Tasche und tippe ein paar Wortfetzen in meine Übersetzungsapp, denn David kommt aus Mali und spricht Französisch.

Zwischen dem langsamen Wortaustausch gestikuliere ich mit Mimik und Händen und auch David zeigt mir mit Gesichtsausdrücken und Malbewegungen, dass er mir wohlgesonnen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb.

David lebt seit sieben Monaten auf der Straße und derzeit hier, unter dieser Treppe. Er bekam in Italien kein Asyl und fällt somit durch das Raster der hiesigen Gesellschaft. Keine Sozialleistungen, kein Anspruch auf Mindestversorgung, keine Zukunft. David ist nicht erwünscht und hat keine Identität.

Dass er nicht erwünscht ist, hat er längst verstanden und akzeptiert. Auch Zuhause in seiner Heimat hatte David ein schweres Leben: Beide Eltern wurden erschossen. Ich nehme an, dass David um sein Leben rannte, als er sein Mali verließ.

Ich unterbreche kurz das Gespräch und spreche mich mit den anderen vom Projekt Seehilfe ab. Elli nickt, Philipp gibt mir die Karte des Vereins, ich reiche David die Hand und wir machen einen Einkauf im Supermarkt. Früchte, Wasser, ein leckeres Gebäckstück und Creme für die Haut. Und ein Rucksack.

Als wir uns vor dem Supermarkt wieder setzen und ich David sage, dass wir von nun an Freunde sind, fängt er an zu weinen. Ich setze mich neben David und lege meinen Arm um seine Schulter. In diesen Momenten bricht im obdachlosen Geflüchteten etwas auf, das in unbegrenzter Trauer überquillt.

In diesem Moment verlässt ein gut betuchter Mann im Polohemd den Supermarkt und stellt sich zu uns. Er betrachtet David genau und stellt eine Frage auf Italienisch, die ich nicht verstehe. Ich bitte ihn: „Do you want to give some money to this poor man?“

Doch der Mann winkt mit wedelndem Zeigefinger ab „No, no, no.“, und läuft zu seinem fetten Mercedes-Benz. Irritiert und wütend laufe ich dem Mann hinterher und frage ihn erneut, ob er David nicht helfen möchte. Keine Chance. Der Reiche düst ab. Für mich ist dieses Verhalten unfassbar. David wird es täglich erleben. 

Ich setze mich noch einmal zu David. Schaue mit ihm in Richtung Supermarkt. Trotz verweintem Gesicht grüßt er die Italiener*innen, manche werfen ihm ihr Restgeld in den kleinen Plastikbecher. Und langsam beginne ich zu verstehen:

David wird in diesem System keine Chance haben. Er warf sich schutzsuchend in die Arme Europas, wurde fallengelassen und fällt seither jeden Tag. Niemand wird ihm Arbeit geben und David hat kein Recht auf ein Dach über dem Kopf. Kein Recht auf Nahrung, kein Recht auf medizinische Versorgung.

Zudem ist David ein Mensch von tausenden, die sowohl von der europäischen Gesellschaft, als auch von Politiker*innen wohlfeil ignoriert werden. Menschen wie David dürfen nach den „westlichen Werten“ hier nicht existieren.

Mein lieber Freund David. Angesichts Deines Leides fehlen mir die Worte und ich wünsche Dir von tiefstem Herzen, dass Du eines Tages frei, sicher, und behütet sein wirst. Friede mit Dir.

_

P.S. Zwei später fuhren Elli, Philip und ich nochmal zum Supermarkt und trafen David dort an. Wir versorgten ihn mit Isomatte und Schlafsack. David strahlte über beide Wangen. Wenigstens wird er nicht auf dem nackten Boden schlafen müssen.___

posted image

2015-10-26 09:59:36 (0 comments; 1 reshares; 27 +1s)Open 

Gleichzeitigkeit 

Ich schau aufs Meer und ich finde so sehr, 
dass es bezaubernd ist und hässlich zugleich, 
in dieser Gleichzeitigkeit. 

Atemberaubendes Licht, dass leise Wellen trifft, 
trifft auf das Sterben der Kinder, Mütter, Leute, 
die Freiheit ersehnen, jetzt, hier und heute. 

Es ist so warm hier, der Wind streichelt meine Hand, 
im Meeresrauschen verlieren sich meine Gedanken in den 
Schranken, die Europa erichtet und damit richtet und vernichtet.

Es ist diese Gleichzeitigkeit, Unverhältnismäßigkeit und Unmöglichkeit, das surreale Reale, Tod und Leben, Fluch und Segen, die mich innerlich zerreißt. 

Ich möchte hierdrin nicht schwimmen, feiern, genießen, während gleichzeitig Unmengen von Wasser fließen in die Lungen von Mädchen und Jungen. 

Ich möchte schreien in dieseGleichzeitigkeit, kann ... more »

Gleichzeitigkeit 

Ich schau aufs Meer und ich finde so sehr, 
dass es bezaubernd ist und hässlich zugleich, 
in dieser Gleichzeitigkeit. 

Atemberaubendes Licht, dass leise Wellen trifft, 
trifft auf das Sterben der Kinder, Mütter, Leute, 
die Freiheit ersehnen, jetzt, hier und heute. 

Es ist so warm hier, der Wind streichelt meine Hand, 
im Meeresrauschen verlieren sich meine Gedanken in den 
Schranken, die Europa erichtet und damit richtet und vernichtet.

Es ist diese Gleichzeitigkeit, Unverhältnismäßigkeit und Unmöglichkeit, das surreale Reale, Tod und Leben, Fluch und Segen, die mich innerlich zerreißt. 

Ich möchte hierdrin nicht schwimmen, feiern, genießen, während gleichzeitig Unmengen von Wasser fließen in die Lungen von Mädchen und Jungen. 

Ich möchte schreien in diese Gleichzeitigkeit, kann nicht länger zusehen, will mich auflehnen gegen Frontex, Politik und Militär. Schönes Meer Du bist grässlich so sehr. 

~

Inspiririert von den Gesprächen mit Elli und Philipp. ___

posted image

2015-10-18 19:15:56 (0 comments; 5 reshares; 31 +1s)Open 

Das ist Aisha aus Senegal. Ich treffe sie in einer entlegenen Flüchtlingsunterkunft der Insel Sizilien, wo ingesamt 25 Geflüchtete leben. 

In ihrem Zimmer, das sich Aisha seit 2 1/2 Monaten mit zwei weiteren Frauen teilt, offenbart sie mir den Grund ihrer Trauer und bricht vor mir unter Tränen zusammen. 

Denn: Ihr Mann, ein Gambier sitzt derzeit im Gefängnis. Warum? Weil er das Boot fuhr, mit dem sie und 85 weitere Menschen über das Mittelmehr nach Italien übersetzen. 

Ich weiß: Es gibt seit kurzem in Italien ein Gesetz, unter dem diejenigen, die ein Boot fahren, als Schlepper identifziert und sie deshalb bestraft werden. Oft handelt es sich dabei um die Menschen, die sich eine Überfahrt nicht leisten können und dann als Fahrer eingesetzt werden. 

Nachdem Aisha sich ein wenig beruhigt hat, drückt sie mir einen zusammengefalteten Zettel in die Hand,den ich lesen... more »

Das ist Aisha aus Senegal. Ich treffe sie in einer entlegenen Flüchtlingsunterkunft der Insel Sizilien, wo ingesamt 25 Geflüchtete leben. 

In ihrem Zimmer, das sich Aisha seit 2 1/2 Monaten mit zwei weiteren Frauen teilt, offenbart sie mir den Grund ihrer Trauer und bricht vor mir unter Tränen zusammen. 

Denn: Ihr Mann, ein Gambier sitzt derzeit im Gefängnis. Warum? Weil er das Boot fuhr, mit dem sie und 85 weitere Menschen über das Mittelmehr nach Italien übersetzen. 

Ich weiß: Es gibt seit kurzem in Italien ein Gesetz, unter dem diejenigen, die ein Boot fahren, als Schlepper identifziert und sie deshalb bestraft werden. Oft handelt es sich dabei um die Menschen, die sich eine Überfahrt nicht leisten können und dann als Fahrer eingesetzt werden. 

Nachdem Aisha sich ein wenig beruhigt hat, drückt sie mir einen zusammengefalteten Zettel in die Hand, den ich lesen soll. Es ist ein Brief ihres Mannes, den er aus dem Gefängnis an sie geschrieben hat. 

Er könne nicht anders, als ständig an sie zu denken. Er wolle unbedingt zu ihr und fände es unglaublich, dass er nun im Gefängnis sitzen würde. Er vermisse sie sehr. 

Beim lesen kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich bin schockiert und zutiefst betroffen. 

Jetzt sehe ich eine Wölbung ihres Bauches und sie bestätigt mir: 

Aisha ist im sechsten Monat schwanger. Ihr geliebter Mann ist der Vater. Erneut überkommen sie die Tränen, denn Aisha weiß nicht, wohin mit ihrer Trauer. Aisha weint jeden Tag. 

-

Gemeinsam mit Philipp und Elli von Projekt Seehilfe e. V. werde ich mich in den kommenden Tagen für Aisha und ihren Mann einsetzen. 

Wir werden das Gespräch mit Rechtsanwälten suchen, Kontakt mit Hilfsorganisationen aufnehmen und mit allen Kräften für Gerechtigkeit kämpfen, die Aisha und ihrem Mann zusteht. 

Aisha, willkommen in Europa. Es tut mir so leid, dass Du diese Situation erleiden musst und wünsche Dir, dass Du bald mit Deinem Mann wieder vereint sein wirst. ___

posted image

2015-10-17 08:13:29 (0 comments; 5 reshares; 35 +1s)Open 

„Bitte helfe mir. Es geht mir nicht gut. Niemand sieht mich.“

Ich bin nun seit Donnerstag mit den Leuten von Seehilfe hier auf Sizilien, um ankommende und angekommene Geflüchtete willkommen zu heißen, konkret zu helfen und all das zu dokumentieren.

Gestern besuchten wir einen Jesuiten-Orden im Zentrum der sizilianischen Stadt Catania. Dieser Orden kümmert sich um gestrandete Menschen, die in Italien kein Asyl gewährt bekommen.

Sie werden nicht wie in Deutschland zurück in ihr Herkunftsland abgeschoben, sondern werden von einem zum nächsten Moment obdachlos.

Nachdem wir drei Kisten Medikamente und Verbandsmaterial abgegeben und uns mit der Leitung des Ordens ausgetauscht hatten, traf ich vor dem Gebäude des Ordens diesen Jungen. Auch er ist obdachlos.

Das bedeutet: Niemand kümmert sich um ihn und er wird in Europa keine Chance haben, ausdieser Situ... more »

„Bitte helfe mir. Es geht mir nicht gut. Niemand sieht mich.“

Ich bin nun seit Donnerstag mit den Leuten von Seehilfe hier auf Sizilien, um ankommende und angekommene Geflüchtete willkommen zu heißen, konkret zu helfen und all das zu dokumentieren.

Gestern besuchten wir einen Jesuiten-Orden im Zentrum der sizilianischen Stadt Catania. Dieser Orden kümmert sich um gestrandete Menschen, die in Italien kein Asyl gewährt bekommen.

Sie werden nicht wie in Deutschland zurück in ihr Herkunftsland abgeschoben, sondern werden von einem zum nächsten Moment obdachlos.

Nachdem wir drei Kisten Medikamente und Verbandsmaterial abgegeben und uns mit der Leitung des Ordens ausgetauscht hatten, traf ich vor dem Gebäude des Ordens diesen Jungen. Auch er ist obdachlos.

Das bedeutet: Niemand kümmert sich um ihn und er wird in Europa keine Chance haben, aus dieser Situation zu kommen. Keine medizinische Versorgung. Gesellschaftlich ausgeschlossen. Endtstation Straße.

Ich versuchte, mit ihm zu sprechen, jedoch konnte ich kein Wort senegalesisch, noch verstand er meine englischen Bemühungen. So blieb es, bei meinem unbeholfenen Versuch, ihm zu vermitteln, dass ich ihm gut gesonnen sei und beim Ausdruck seines Namens, Alters und der Herkunft:

Saliou ist 14 Jahre alt, und somit noch ein Kind und aus Senegal.

Ich machte von ihm zwei Fotos, die beide grundverschiedene Gefühle des Jungens zum Ausdruck bringen. Um dies zu erkennen, möchte ich Dich bitten, nochmal beide Fotos in Ruhe anzusehen. 

Das erste Foto ist sehr direkt. Saliou schaut offen und klar in die Kamera, sein Kinn ist leicht angehoben. Auch ohne Worte sagt Saliou dadurch etwas, was ich wie folgt zusammenfassen würde: 

„Schau mich an. Ich bin Saliou und ich bin obdachlos. Das bin ich und ich bin ein Mensch wie Du und ich.“

Auf dem zweiten Foto ist die Trauer des Jungens in seinen Augen zu sehen. Seine Körperhaltung ist anders und seinen Blick interpretiere ich so:

„Bitte helfe mir. Es geht mir nicht gut. Niemand sieht mich. Bitte. Helfe mir.“

Saliou, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du stets Freundinnen und Freunde, Mütter und Väter, Helferinnen und Helfer an Deiner Seite haben wirst, die Dich in Deiner Situation unterstützen. Es ist gut, dass es Dich gibt. Friede mit Dir.___

posted image

2015-10-10 16:08:58 (0 comments; 2 reshares; 26 +1s)Open 

Ich klopfe an. „Pok. Pok. Pok.“ Bin ich hier richtig? „Favour, it’s me, Martin“. Das Schloss klackt zweimal und durch einen Spalt schaut die kleine Nigerianerin und bittet mich herein.

Der Raum kommt mir noch kleiner vor, als letztes Mal. Und statt Happy lebt nun eine andere Frau mit Favour zusammen. „Happy is not here anymore“, erzählt mir Favour, während sie ein paar Tücher und Babysachen zusammenlegt.

Am Ende ihres Bettes liegt die kleine Cleopatra und schlummert vor sich hin. Ich betrachte sie näher und mir fällt auf, wie sie in den paar Wochen gewachsen ist. Süße kleine Maus.

Doch Favour ist nicht besonders gut gelaunt. Cleopatra habe die Nacht über gehustet und somit die beiden schlecht geschlafen. Ich frage nach, wie es ihr geht und Favour ist sichtlich erdrückt von der Situation in der Unterkunft. „I can’t be here any longer.“
Das Essen könne sie oft ni... more »

Ich klopfe an. „Pok. Pok. Pok.“ Bin ich hier richtig? „Favour, it’s me, Martin“. Das Schloss klackt zweimal und durch einen Spalt schaut die kleine Nigerianerin und bittet mich herein.

Der Raum kommt mir noch kleiner vor, als letztes Mal. Und statt Happy lebt nun eine andere Frau mit Favour zusammen. „Happy is not here anymore“, erzählt mir Favour, während sie ein paar Tücher und Babysachen zusammenlegt.

Am Ende ihres Bettes liegt die kleine Cleopatra und schlummert vor sich hin. Ich betrachte sie näher und mir fällt auf, wie sie in den paar Wochen gewachsen ist. Süße kleine Maus.

Doch Favour ist nicht besonders gut gelaunt. Cleopatra habe die Nacht über gehustet und somit die beiden schlecht geschlafen. Ich frage nach, wie es ihr geht und Favour ist sichtlich erdrückt von der Situation in der Unterkunft. „I can’t be here any longer.“

Das Essen könne sie oft nicht genießen und kaufe dann meist in einem Supermarkt ein. Im September bekam sie 230 € für sich und die Kleine. Meine Frage, wie viel Geld sie aktuell hat, beantwortet sie mit: „I’m broke.“ Im Oktober bekam Favour noch nichts.

Ich schlage vor, etwas einkaufen zu gehen. Die Luft im kleinen Raum ist ohnehin stickig und wir haben Lust auf einen kleinen Spaziergang. Auf dem Gelände der Unterkunft schaut sich Favour noch die aushängenden Listen durch und sucht nach ihrem Namen. Doch sie steht nicht drauf und wir somit erstmal nicht in eine bessere Unterkunft kommen. 

Beim DM kaufen wir Windeln und Puder, danach gehts zu Altnatura: Früchte, Schokolade, Milch und andere Kleinigkeiten. Ich bezahle mit meiner Karte und merke einmal wieder: Es ist manchmal so einfach, zu helfen.

Auf dem Rückweg zur Unterkunft erzählt mir Favour, dass die Zeugen Jehovas ihr zwei Hefte gegeben sie zu einem Treffen eingeladen hätten. Ich rate ihr dringend davon ab. Favour weiß nicht, wer die Zeugen Jehovas sind. Meiner Meinung nach sind die Zeugen eine Sekte.

Weiter führt sie aus, dass in der gestrigen Nacht vor ihrem Zimmer eine Schlägerei stattgefunden und Securities die beiden Streithähne mit Handschellen abgeführt hätten. „There are fightings almost every day“.

Im Zimmer angekommen wird Cleopatra (die den kompletten Einkauf über im Tragegurt schlief) ausgepackt und ich halte die kleine einen kurzen Augenblick auf dem Arm.

Favour und ich verbleiben so, dass sie mich am Montag mit Happy auf einen Kaffee im Büro besuchen wird. Favour will außerdem meine Familie kennenlernen. Ich verabschiede mich von den Beiden und schlendere glücklich nach Hause.

Bis Montag, Favour und Cleopatra.

++++

Falls Ihr Favour etwas spenden wollt, könnt ihr das mit einer Überweisung auf Katharina Bitars Konto tun. Bitte gebt im Betreff „Spende für Favour“ an. IBAN: DE12 6605 0101 0022 8383 12. Dankeschön! ___

posted image

2015-10-08 14:30:10 (0 comments; 11 reshares; 52 +1s)Open 

Deathtrip: Von Aleppo nach Karlsruhe

Im Rahmen eines Essens für Geflüchtete lerne ich Vian, Dlian und ihren Vater kennen. Die drei sind Kurden und stammen aus der zweitgrößten syrischen Stadt Aleppo.

Vor der Flucht studierte die einundzwanzigjährige Vian Englisch an der Universität und arbeitete teilweise als Lehrerin. 2013 verlor sie enge Freunde, als zwei Raketen des Assad-Regimes das Unigelände trafen.

Vor zwei Monaten entschied die Mutter der kleinen Familie, dass es Zeit für ihre Töchter und ihren Mann wäre, zu fliehen. Denn: Eine Rakete traf das Nachbargebäude und die beste Freundin der Mutter wurde mitsamt ihren zwei Kindern in Stücke gerissen.

So verließen sie Aleppo, die Vian mit „it was like paradise“ wehmütig umschreibt. Weil das Geld nur für drei Familienmitglieder ausreichte, blieb die Mutter zuhause.

Von der Türkei aussetzten sie auf ein... more »

Deathtrip: Von Aleppo nach Karlsruhe

Im Rahmen eines Essens für Geflüchtete lerne ich Vian, Dlian und ihren Vater kennen. Die drei sind Kurden und stammen aus der zweitgrößten syrischen Stadt Aleppo.

Vor der Flucht studierte die einundzwanzigjährige Vian Englisch an der Universität und arbeitete teilweise als Lehrerin. 2013 verlor sie enge Freunde, als zwei Raketen des Assad-Regimes das Unigelände trafen.

Vor zwei Monaten entschied die Mutter der kleinen Familie, dass es Zeit für ihre Töchter und ihren Mann wäre, zu fliehen. Denn: Eine Rakete traf das Nachbargebäude und die beste Freundin der Mutter wurde mitsamt ihren zwei Kindern in Stücke gerissen.

So verließen sie Aleppo, die Vian mit „it was like paradise“ wehmütig umschreibt. Weil das Geld nur für drei Familienmitglieder ausreichte, blieb die Mutter zuhause.

Von der Türkei aus setzten sie auf einem Boot nach Griechenland über. Mit dabei: 60 weitere Geflüchtete und das tiefe Schwarz der Nacht. Vian schließt die Augen und erzählt: „We saw nothing, except the red light, which was Greece“.

In Griechenland angekommen, lebte die kleine Familie acht lange Tage auf der Straße, um sich dann aufzumachen zur nächsten Grenze: Mazedonien.

Auch hier warteten sie bis Mitternacht, um unauffällig mit vielen anderen durch einen Wald die Grenze zu überqueren. Als plötzlich mazedonische Einsatzkräfte auftauchten und auf die Menschen einschlugen, wurde auch Dlia getroffen.

„Nodody could see anything. The just startet hitting people. Including me.“

(Zwischendurch zeigt mir Vian Fotos, die sie unterwegs von der Flucht gemacht hatte - und erlaubt mir, diese in meinem Bericht zu benutzen.)

Unaufhaltsam und zielstrebig flüchteten sie über Mazedonien und Serbien nach Ungarn, wo sie drei Tage in ein Gefängnis gesperrt wurden. Die Gefängniswärter versuchten, Vian zu schlagen, doch die Mitgefangenen beschützten sie vor dem Schlimmsten.

Vian, Dlian und ihr Vater nannten die Flucht den „Deathtrip“.

Nachdem sie mit einem Zugticket nach Budapest geschickt wurden, entschieden sich die drei Syrer*innen, mit dem Taxi nach Deutschland zu fahren, als sie davon hörten, dass 70 Menschen in einem Lastwagen erstickt waren.

~

Nun leben Vian, Dlian und ihr Vater seit vier Wochen in einer Unterkunft für Geflüchtete.

Den Kontakt mit Mutter halten sie über Whatsapp, jedoch gibt es in Aleppo seit acht Monaten kein WLAN-Internet mehr. Dlian überließ ihrer Mutter das Handy.

Ihre Mutter berichtet schlimmes, es würde jeden Tag schlimmer werden, und sie weint bei jedem Anruf, so Vian.

„Mom, stay calm, we'll get you, too.“

Liebe Familie aus Aleppo, willkommen in Deutschland. Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr eines Tages mit Eurer heiß geliebten Mutter vereint seid.___

posted image

2015-10-02 20:52:13 (0 comments; 10 reshares; 61 +1s)Open 

Vor der neuen Landeserstaufnahmestelle in der Karlsruher Felsstraße spielen pakistanische Männer Cricket, Kinder aus Gambia und anderen Ländern dieser Erde springen umher und es beginnt langsam zu tröpfeln.

Einen Steinwurf weiter hinten befinden sich auf einem Rasengrundstück weitere Geflüchtete, unter denen einige Frauen ihre Kinder stillen und Familien auf dem Boden sitzen. Schon von weitem erkenne ich eine kleine Familie und laufe schnurstracks auf diese zu.

Drei Kinder hüpfen wild herum, ein kleines liegt schlafend in einem zusammengeklappte und kaputtem Kinderwagen. Rana, eine kleine Frau mit Kopftuch und Kind auf dem Arm reagiert etwas schüchtern auf meine Anwesenheit und so spreche ich Ahmad, den Vater an.

Meine Frage nach der Herkunft wird sofort beantwortet. „From Syria!“ Weil ich kein Arabisch spreche, händigt mir der Vater den Heimausweis aus, ein DINA4-Blatt mit... more »

Vor der neuen Landeserstaufnahmestelle in der Karlsruher Felsstraße spielen pakistanische Männer Cricket, Kinder aus Gambia und anderen Ländern dieser Erde springen umher und es beginnt langsam zu tröpfeln.

Einen Steinwurf weiter hinten befinden sich auf einem Rasengrundstück weitere Geflüchtete, unter denen einige Frauen ihre Kinder stillen und Familien auf dem Boden sitzen. Schon von weitem erkenne ich eine kleine Familie und laufe schnurstracks auf diese zu.

Drei Kinder hüpfen wild herum, ein kleines liegt schlafend in einem zusammengeklappte und kaputtem Kinderwagen. Rana, eine kleine Frau mit Kopftuch und Kind auf dem Arm reagiert etwas schüchtern auf meine Anwesenheit und so spreche ich Ahmad, den Vater an.

Meine Frage nach der Herkunft wird sofort beantwortet. „From Syria!“ Weil ich kein Arabisch spreche, händigt mir der Vater den Heimausweis aus, ein DIN A4-Blatt mit allen Angaben über die Familie.

Noch vor dem Namen, der syrischen Heimat und der Gültigkeitsdauer des Ausweises steht folgender Satz:

„Aufnahme eines Studiums oder einer sonstigen Berufsausbildung sowie Erwerbstätigkeit nicht gestattet. Der Aufenthalt ist bis zu einer Entscheidung auf den Bezirk der zuständigen Aufnahmeeinrichtung beschränkt.“

Beschränkt. Nicht gestattet. Aufenthalt. Diese Sätze verraten in erster Linie, was verboten ist. Sie sprechen für sich selbst und die trockene Bürokratie des Landes. 

Nachdem die Kinder neugierig auf meine Kamera starren und gerne selbst ein Foto machen wollen, ist Ahmad aufgestanden und versucht mir, etwas mitzuteilen. Mit wenigen Brocken Englisch verrät er, dass das Zimmer, auf dem die Familie mit ihren insgesamt 6 Kindern lebt, beengend ist. Gemeinsam mit vielen anderen Geflüchteten müsste die Familie Kopf an Kopf übernachten.

Je mehr mir Ahmad erzählt, umso deutlich wird, dass Kinder und Eltern angespannt sind und dass ein „Aufenthalt“ in der Unterkunft nicht auszuhalten ist. So sitzen sie lieber unter freiem Himmel. 

Meine eigenen Erfahrungen in Aufnahmeeinrichtungen lassen mich nicht lange daran zweifeln. Da die Sprachbarriere zu groß ist und ich diese Familie nicht in Verlegenheit bringen möchte, verabschiede ich mich schnell - und vielleicht auch etwas verfrüht.

Denn: Es ist mir selbst unangenehm. Nein, ich bin nicht verantwortlich für die Unterkunft dieser Menschen, doch als Deutscher schäme ich mich für diese Umstände, die ich viel zu oft mit eigenen Augen gesehen habe. Es ist in meinen Augen ein Unding, dass Geflüchtete in solch großen Massen aufeinandergezwängt in beengenden Zimmern wohnen müssen und somit Spannungen und Streß vorprogrammiert sind. 

Mein lieber Ahmad, liebe Rana, liebe Kinder. Wie sehr ich Euch doch wünsche, eine gute Bleibe zu finden, in der Ihr Euch wohl und nicht erdrückt fühlt. Eure Situation ist die von (zu) vielen Kindern, Freundinnen, Vätern und schwangeren Müttern. Seid stark und mutig. Es ist gut, dass Ihr bei uns seid. Friede mit Euch. ___

posted image

2015-09-28 14:28:53 (0 comments; 9 reshares; 38 +1s)Open 

Wummernde Hiphop-Sounds ertönen ich den Eingang der großräumigen Skaterhalle betrete. Bretter rattern über lange Holzflächen, Kinder schreien vor Freude und grüßen mich von weitem mit einem Peace-Zeichen. Heute ist ein guter Tag, denn ich bin zu Besuch bei den Freedom Skaters.

Die Freedom Skaters sind ein Zusammenschluss junger Menschen, die mit Refugee-Kindern ein bis zweimal pro Woche skaten gehen. Heute sind es insgesamt 16 Kinder, die aus drei unterschiedlichen Ländern der Welt stammen: Afghanistan, Irak und Albanien. Vor einigen Monaten wurde die Aktion ins Leben gerufen, um Kindern und Jugendlichen, die nach Deutschland geflohen sind, eine Abwechslung im meist öden Heim-Alltag anzubieten.

Die Boards und Schützer bekommen die Kinder von den Betreibern der Halle geliehen und die Helfer der Freedom Skaters bringen kleine Leckerein mit: Obst, Brezenln, vegane Muffins undGetränke.... more »

Wummernde Hiphop-Sounds ertönen ich den Eingang der großräumigen Skaterhalle betrete. Bretter rattern über lange Holzflächen, Kinder schreien vor Freude und grüßen mich von weitem mit einem Peace-Zeichen. Heute ist ein guter Tag, denn ich bin zu Besuch bei den Freedom Skaters.

Die Freedom Skaters sind ein Zusammenschluss junger Menschen, die mit Refugee-Kindern ein bis zweimal pro Woche skaten gehen. Heute sind es insgesamt 16 Kinder, die aus drei unterschiedlichen Ländern der Welt stammen: Afghanistan, Irak und Albanien. Vor einigen Monaten wurde die Aktion ins Leben gerufen, um Kindern und Jugendlichen, die nach Deutschland geflohen sind, eine Abwechslung im meist öden Heim-Alltag anzubieten.

Die Boards und Schützer bekommen die Kinder von den Betreibern der Halle geliehen und die Helfer der Freedom Skaters bringen kleine Leckerein mit: Obst, Brezenln, vegane Muffins und Getränke. In vorheriger Absprache mit den Eltern werden die Kinder zur Halle und auch wieder zurück in ihre Unterkunft gebracht. Aufgrund konsquenter Organisation und Zusammenarbeit funktioniert die Unternehmung wie am Schnürchen. 

Mit meiner Kamera in der Hand laufe ich in die Halle und fotografiere drauf los. Um mich herum schwirren die Kinder vorbei: mit einem breiten Lächeln im Gesicht, verschwitzten T-Shirts und rasend schnell. Helfer (manche mit, manche ohne Skateboard-Erfahrungen) nehmen die Kleinsten an die Hand und üben das Hin-und-Herrollen in der Halfpipe. Sobald die Kids meine Kamera bemerken, versuchen sie, ihre Tricks und Fahrten besonders gut zu meistern und wollen hinterher neugierig die Fotos sehen. Es dauert keine drei Minuten und ich werde von allen Seiten mit „Fotoooo!“ gerufen. 

Das gelöste Spiel mit den Boards scheint eine befreiende Wirkung auf die Kinder zu haben: Weder Vergangenheit, noch Zukunft, weder Krieg noch Zerstörung, auch der Status dieser kleinen Racker ist wichti. Jetzt und hier sein, den Fahrtwind spüren und es einfach laufen lassen. Leicht sein. Fliegen. Das Kitzeln im Bauch spüren. Immer wieder. 

Jedoch sind es für die Helfer der Freedom Skaters nicht irgendwelche Kinder, mit denen sie zu tun haben. Es sind genau die Kinder, die man doch aus den Nachrichten-Sendungen über Ungarns Grenzzaun oder den Überseefahrten gesehen hat. Dieses Wissen mit dem Erleben der frohen Kinder zusammenzubringen ist manchmal sicher alles andere, als einfach. 

Nach dem Gruppenfoto zum Schluss nehmen die Helfer die Refugee-Kids an der Hand und begleiten sie zu Fuß und mit der Bahn zurück in die Flüchtlingsunterkunft. 

Ich verabschiede mich und steige mit Stefan ins Auto, der mich heute freundlicherweise abgeholt hat und auch wieder nach Hause bringt. Auf dem Rückweg unterhalten wir uns noch lange über einzelne Erfahrungen die er als Helfer gemacht hat, und: dass es so leicht sein kann, etwas für die Refugee-Kids zu tun. 

Zuhause angekommen weiß ich: Diese Zeit auf dem Brett dürfte eine der besten sein, die Refugee-Kids in den ersten Tagen hier in Deutschland erleben. ___

posted image

2015-09-26 09:55:14 (0 comments; 4 reshares; 23 +1s)Open 

Als ich Mitte Mai in Kosovo war, um die Armut der Ärmsten zu dokumentieren, wohnte ich in einem Kinderheim. Dort leben ca. 30 Kinder, die dort in einem gesunden Umfeld aufwachsen und eine gute Betreuung genießen. Sie kommen aus den übelsten Verhältnissen und einige wurden direkt nach dem Krieg aufgenommen.

Am letzten Tag meines Aufenthaltes bat ich die Kinder, ein Bild über Kosovo zu malen. Denn ich wollte nicht nur selbst Bilder von Kosovo machen, sondern auch das Bild, das Betroffene selbst von ihrem Land haben, sehen.

So verteilten wir Stifte und Blätter und setzten die Kinder an einen Tisch. Sie begannen sofort, mit Freude zu malen und manche wollten gar nicht mehr aufhören. Ein Mädchen wollte nicht, was völlig in Ordnung war. Ich bat die Kinder, mir auf die Rückseite des Bildes ihr Alter und Geschlecht zu notieren.

Das oben gezeigte Bild malte einvierzehnj... more »

Als ich Mitte Mai in Kosovo war, um die Armut der Ärmsten zu dokumentieren, wohnte ich in einem Kinderheim. Dort leben ca. 30 Kinder, die dort in einem gesunden Umfeld aufwachsen und eine gute Betreuung genießen. Sie kommen aus den übelsten Verhältnissen und einige wurden direkt nach dem Krieg aufgenommen.

Am letzten Tag meines Aufenthaltes bat ich die Kinder, ein Bild über Kosovo zu malen. Denn ich wollte nicht nur selbst Bilder von Kosovo machen, sondern auch das Bild, das Betroffene selbst von ihrem Land haben, sehen.

So verteilten wir Stifte und Blätter und setzten die Kinder an einen Tisch. Sie begannen sofort, mit Freude zu malen und manche wollten gar nicht mehr aufhören. Ein Mädchen wollte nicht, was völlig in Ordnung war. Ich bat die Kinder, mir auf die Rückseite des Bildes ihr Alter und Geschlecht zu notieren.

Das oben gezeigte Bild malte ein vierzehnjähriger Junge, der mit seinen Geschwistern schon seit einigen Jahren im Kinderheim lebt. Als er mir das Bild gab, ergänzte er, dass er Kosovo auf zwei unterschiedlichen Ebenen sehe:

Zum einen die Armut, zum anderen die Schönheit der Natur des Landes. Er deutete mit dem Finger auf die Personen, die er gezeichnet hatte, und die fehlenden Gliedmaßen dieser. 



Dieses Bild beschäftigt mich bis heute. Es zeigt auf so wunderbare Weise, welchem Zwiespalt viele Menschen in Kosovo ausgeliefert sind. Einerseits fühlen sie sich hier Zuhause und lieben die beeindruckenden Landschaften. Andererseits ist die Armut in Kosovo so bedrückend, dass es (beinahe) nicht auszuhalten ist.

Aufschlussreich finde ich auch, dass der Junge der „schönen“ Seite mehr Platz widmete, als der unschönen. Jedoch verzichtete er gänzlich auf Farbe und malte nur mit Bleistift - so wirkt das Bild ernsthaft und keineswegs kitschig.

Wie muss es sich anfühlen, im Alter von 14 Jahren so ein Bild von der eigenen Heimat zu zeichnen? Was muss ich erlebt haben, um schon im Kindesalter diesem Zwiespalt ausgeliefert zu sein?

All diese Fragen stelle ich mir noch heute. Aus Erzählungen der Verantwortlichen des Kinderheimes weiß ich, dass es sehr, sehr grausame Erfahrungen waren, die diese Kinder gemacht haben.___

posted image

2015-09-23 10:40:32 (0 comments; 3 reshares; 29 +1s)Open 

„Das wird ein heißer Herbst.“ 

Gestern Abend schlenderte ich gegen 17.30 Uhr zum Kronenplatz, da dort nach der Sommerpause die Nazis mit dem Namen „Widerstand Karlsruhe“ einige Reden schwingen und ich sowohl das, als auch die Gegendemonstration dokumentieren wollte.

Das Schöne war, dass wir (ich zähle mich immer noch zu den Gegendemonstranten) mit geschätzten 350 Leuten den maximal 70 Nazis klar in der überlegen waren. Ganze Schülergruppen waren vor Ort, Eltern mit Kindern, Pärchen, die Antifa und ältere Interessierte.

Die Polizei hatte ein großes Aufgebot von mehreren Hundertschaften gestellt, und somit wurden Nazis und Antifaschisten mittels Absperrungen und wie immer martialisch auftretenden, meist jungen Polizisten auseinandergehalten.

Da ich seit einigen Wochen im Besitz eines Presseausweises bin, durfte ich auch hinter die Absperrungen. Miteinem Verantwortl... more »

„Das wird ein heißer Herbst.“ 

Gestern Abend schlenderte ich gegen 17.30 Uhr zum Kronenplatz, da dort nach der Sommerpause die Nazis mit dem Namen „Widerstand Karlsruhe“ einige Reden schwingen und ich sowohl das, als auch die Gegendemonstration dokumentieren wollte.

Das Schöne war, dass wir (ich zähle mich immer noch zu den Gegendemonstranten) mit geschätzten 350 Leuten den maximal 70 Nazis klar in der überlegen waren. Ganze Schülergruppen waren vor Ort, Eltern mit Kindern, Pärchen, die Antifa und ältere Interessierte.

Die Polizei hatte ein großes Aufgebot von mehreren Hundertschaften gestellt, und somit wurden Nazis und Antifaschisten mittels Absperrungen und wie immer martialisch auftretenden, meist jungen Polizisten auseinandergehalten.

Da ich seit einigen Wochen im Besitz eines Presseausweises bin, durfte ich auch hinter die Absperrungen. Mit einem Verantwortlichen der Polizei, der nur für die Presse zuständig ist, konnte ich quasi überall hin.

Zu meiner positiven Überraschung war der Sprecher sehr umgänglich und entspannt. Mit anderen Fotografen und einem Reporter vom SWR musste ich ihm nur sagen, wo ich hinwollte, und er begleitete uns.

So stand ich direkt daneben, als die Redner der Nazis anfingen, ihren Vortrag zu halten, der inhaltlich mehr als schwach ausfiel. Parolen wie „98 % aller Flüchtlinge sind illegal!“ sorgten für ein Augenverdrehen meinerseits.

Auf dem Kronenplatz hatten sich einige jüngere und auch viele ältere Menschen mit Deutschlandfahnen und solchen mit dem Baden-Wappen eingefunden. Leider drangen die Pfiffe und Sprechchöre der Antifaschisten nicht wirklich bis zu den Nazis, aber es wurde deutlich, dass sie deutlich in der Unterzahl waren.

Die Polizisten, die direkt vor den Gegendemonstranten hinter der Absperrung und auf dem Kronenplatz verteilt agierten, machten auf mich einen stabilen bis streckenweise sehr nervösen Eindruck. 

Gegen 20 Uhr marschierte die rechte Gruppe von der Polizei begleitet ein paar hundert Meter die Zähringer Str. entlang, bog an der Kreuzstraße ein und wurde an der nächsten Kreuzung schon von einigen Gegendemonstranten hinter Absperrzäunen erwartet und drehten zügig wieder um.

Einer der Nazis hatte mich scheinbar erkannt, und sprach mich direkt an. „Eins muss ich Ihnen lassen, sie machen wirklich gute Fotos.“ Etwas überrascht bedankte ich mich, doch der nächste Satz des Nazis saß: 

„Aber ihr werdet Euch noch wundern: Das wird ein heißer Herbst. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen“.

Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass dies eine Anspielung auf brennende Asylunterkünfte sein könnte – und wahrscheinlich auch war.

Zurück am Kronenplatz hielt ein Sprecher der Rassisten in Regenströmen einen Vortrag, der zwar in sauberem Deutsch vorgetragen wurde, inhaltlich jedoch genauso flach wie dilettantisch ausfiel. „An der Flüchtlingswelle sind nicht die Kriege in den südlichen Ländern schuld, sondern die Politik von Frau Merkel!“

Meist wurden besonders „starke“ Aussagen von der rechten Menge mit einem stumpfen „Widerstand! Widerstand!” beantwortet. 

Zum Abschluss begleitete mich der Pressesprecher der Polizei noch zur Ecke Adlerstraße / Kaiserstraße, wo eine Gruppe von 20-30 Antifaschisten wegen eines scheinbaren Durchbruchsversuches und dem Verstoß gegen das Vermummungsverbot von Polizisten eingekesselt wurden.

Eine Person wurde festgenommen und die Personalien von allen Antifaschisten aufgenommen, inklusive Platzverweis. Da sich die Situation aber nicht so schnell auflösen wollte, verabschiedete ich mich von den anderen Fotografen und dem Pressesprecher und wünschte einen angenehmen Abend.



Im Nachhinein fühlte ich mich wohl, in Begleitung eines Pressesprechers auch mal „die andere Seite“ eines Demogeschehens zu erleben. Mit eigenen Ohren zu hören, mit welch schwachen Argumenten der Widerstand Karlsruhe Stimmung gegen Geflüchtete machen möchte.

Doch bei allem Augenrollen hat mir die Aussage über den „heißen Herbst“ auch nochmal vor Augen geführt, dass selbst die dümmste Ideologie schnell gefährlich werden kann. Und im Falle der Nazis immer gefährlich ist. Dabei denke ich an all die mir ans Herz gewachsenen Menschen wie Favour und ihre Tochter Cleopatra, die hoffentlich niemals Opfer eines rechten Übergriffes werden.___

Buttons

A special service of CircleCount.com is the following button.

The button shows the number of followers you have directly on a small button. You can add this button to your website, like the +1-Button of Google or the Like-Button of Facebook.






You can add this button directly in your website. For more information about the CircleCount Buttons and the description how to add them to another page click here.

Martin GommelTwitterCircloscope